Das Bauernopfer von Utøya

Norwegens Polizeichef Øystein Mæland tritt zurück. Auch Premier Stoltenberg steht vor der Urteilsverkündung gegen den Attentäter Breivik in der Kritik.

André Anwar
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Øystein Mæland (Bild: epa)

Øystein Mæland (Bild: epa)

STOCKHOLM. Polizeichef Øystein Mæland ist zurückgetreten, nachdem ihm Justizministerin Grete Faremo am Donnerstag öffentlich und wohl in Absprache mit Premier Stoltenberg das Vertrauen entzogen hatte. Gestern begründete sie das Ausscheiden des 52-Jährigen damit, dass er die Konsequenzen aus einem von der sozialdemokratischen Regierung in Auftrag gegebenen, aber als unabhängig geltenden Untersuchungsbericht ziehe.

Neu im Amt und nicht vom Fach

Mæland war erst seit einem Jahr Polizeichef. Nur wenige Tage vor den Attentaten vom 22. Juli 2011 hatte er sein Büro im Polizeipräsidium eingerichtet. Man war davon ausgegangen, dass der sonst in Norwegen stets ruhige Juli die richtige Jahreszeit für die Einarbeitung Mælands sei. Schliesslich war er nicht vom Fach und seine Berufung eine politische Entscheidung. Zuvor hatte der Facharzt für Psychiatrie in Gefängnissen und zuletzt im Drogenentzugs-Zentrum des Osloer Spitals gearbeitet.

Vieles ist noch geheim

Trotz der vielen Fehlentscheidungen der Polizei bei den Anschlägen vor einem Jahr ist die persönliche Verantwortung Mælands für viele Norweger nicht sicher. Denn der Untersuchungsbericht nimmt zwar rücksichtslos alle Fehler der Polizei auf. Schuldige benennt das Papier zumindest in der veröffentlichten Zusammenfassung nicht. Vieles ist bisher vertraulich und nur der sozialdemokratischen Regierung Stoltenberg zugänglich. «Da sonst niemand den ganzen Bericht kennt, kann Stoltenberg nun selbst aussuchen, welche Bauernopfer er haben will», kritisierten Medien nach dem Abgang Mælands. «Anscheinend will der Ministerpräsident von sich selbst ablenken», hiess es weiter.

Stoltenbergs Rücktritt gefordert

Die «VG», die grösste Boulevardzeitung des Landes, forderte vor der Urteilsverkündung gegen den Attentäter Breivik am kommenden Freitag den Rücktritt des Regierungschefs. «Stoltenberg hat zwar die Mehrheit im Parlament. Aber er sollte auch genug Anstand haben abzutreten.»

Justizministerin Faremo kann nicht abtreten. Sie ist erst nach dem Anschlag ins Amt gekommen. Ihr Vorgänger Knut Storberget war bereits im Herbst zurückgetreten. Stoltenberg behauptete damals, aus privaten Gründen. Auch beim Rücktritt seiner Geheimdienstchefin Janne Kristiansen im Januar wollte Stoltenberg keine Verbindung zu den Breivik-Anschlägen sehen.