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«Darf ein Muslim geschälte Äpfel essen?»

Seit vergangenem Jahr ist die türkische Hotline für Glaubensfragen wieder aktiv. Gerade während des Ramadan erfreut sich die Telefonauskunft grosser Beliebtheit. Dabei ist sie nicht unumstritten.
Susanne Güsten, Istanbul
Speisen werden vorbereitet, bevor das Fastenbrechen beginnt. Bild: Rajanish Kakade/AP (Mumbai, 16. Mai 2019)

Speisen werden vorbereitet, bevor das Fastenbrechen beginnt.
Bild: Rajanish Kakade/AP (Mumbai, 16. Mai 2019)

Wer in der Türkei die Nummer 190 wählt, bekommt einen islamischen Theologen ans Ohr, der bei Anruf alle religiösen Fragen beantwortet. «Hallo Fatwa» heisst die Hotline offiziell; sie ist ein Service des staatlichen Religionsamtes. Die Nachfrage ist gross: Zehntausende Menschen wählen täglich die 190, um Auskunft über allerlei Glaubensfragen zu erhalten. Besonders gross ist der Andrang jetzt während des Fastenmonats Ramadan.

Im westlichen Bewusstsein ist der Begriff der Fatwa mit Todesurteilen, Ungerechtigkeit und Unbarmherzigkeit verbunden, seit der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini vor über 30 Jahren zum Mord am indisch-britischen Schriftsteller Salman Rushdie aufrief. Dabei ist eine Fatwa nur eine islamische Rechtsauskunft, ein Gutachten von Gelehrten über islamisches Recht und seine Auslegung im Alltag. In muslimischen Gesellschaften sind Fatwas etwas ganz Alltägliches – so auch in der Türkei, wo Fatwas von der staatlichen Hotline eingeholt werden können.

Breites Spektrum an Glaubensfragen

Der Mufti von Istanbul, Hasan Kamil Yilmaz, liess kürzlich eine Reporterin des türkischen Fernsehens mithören: Der Anrufer wollte wissen, ob er gegen das Fastengebot verstossen habe, als er bei der rituellen Waschung versehentlich etwas Wasser verschluckte? Nein, beruhigte ihn der Mufti. Wenn er das Wasser nicht wissentlich geschluckt habe, sei alles in Ordnung. Was zählt, sei die Absicht. Erleichtert verabschiedete sich der Anrufer – dank dieser Fatwa muss er nun nicht einen Tag länger fasten, um den Schluck Wasser zu kompensieren. So gehe das von früh bis spät, erzählt der Mufti. Täglich von 8:30 Uhr bis 17 Uhr tun je vier männliche und weibliche Kollegen ihren Dienst bei der Hotline; ein Spätdienst bleibt normalerweise bis 23 Uhr und jetzt im Ramadan bis Mitternacht. In jeder der 81 türkischen Provinzen gibt es solch eine Fatwa-Hotline.

Bei den meisten Fragen geht es derzeit um mögliche Verfehlungen beim Fasten. Ansonsten bekämen die Theologen am Telefon ein ziemlich breites Spektrum an Fragen am Telefon gestellt, erzählt ein Prediger, der bei der Hotline von Antalya beschäftigt ist: «Das geht von der Frage, wie man einen Leichnam für die Beerdigung verhüllt, bis hin zur unlängst gestellten Frage, ob man Äpfel geschält oder ungeschält essen soll», sagt der Geistliche. Eine der häufigsten Fragen derzeit betrifft Tätowierungen. Viele Menschen wollen wissen, ob sie noch rituell rein sind, wenn sie sich tätowieren lassen. «Wir weisen dann darauf hin, dass nur der Teufel die Schöpfung Gottes verändern will», sagt der Prediger aus Antalya. «Eine Tätowierung oder eine Schönheitsoperation bedeutet, die Schöpfung Gottes zu verändern.»

Für Fake News missbraucht

Nicht immer sind die Anrufer tatsächlich besorgte Bürger – das mussten die Theologen früher manchmal feststellen, wenn sie am nächsten Tag die Zeitung aufschlugen. Vergeblich habe er die Boulevard-Presse angefleht, die Hotline nicht für ihre Fake News zu missbrauchen, klagte der damalige Präsident des Amtes, Mehmet Görmez, vor dreieinhalb Jahren. «Diese Journalisten geben sich am Telefon als normale Bürger aus und stellen Fragen, dann verzerren sie die Antworten und machen Skandal-Berichte daraus», sagte Görmez. «Da rief zum Beispiel während der Gezi-Proteste 2013 ein getarnter Journalist an und sagte: ‹Ich faste gerade, nun habe ich Tränengas geschluckt, ist mein Fasten damit gebrochen?› Nein, sagte der diensthabende Theologe, ist es nicht. Am nächsten Tag erschienen fünf Zeitungen mit der Schlagzeile: Religionsamt billigt Tränengas-Einsatz.»

Das Mass war voll, als eine Fatwa zum Kindesmissbrauch durch die Presse ging. Ob ein Vater sich versündige, wenn er seine Tochter lustvoll ansehe, lautete die Frage. Nein, war die Antwort, aber das Mädchen müsse älter als neun Jahre alt sein – so alt, wie die jüngste Ehefrau des Propheten bei der Heirat war. Das Religionsamt liess die Hotlines daraufhin stilllegen. Anders gehe es wohl nicht mehr, sagte Amtspräsident Görmez, der das bedauerte. «Diese Hotlines wurden täglich von 60000 bis 100000 Bürgern genutzt», sagte Görmez. «Sie haben Menschen vor dem Selbstmord gerettet, sie haben Familien vor dem Auseinanderbrechen bewahrt. Wir müssen nun überlegen, wie wir solchen Missbrauch künftig verhindern.» Das Religionsamt erwog, Antworten nur noch schriftlich zu erteilen und von hochrangigen Gelehrten unterschreiben zu lassen.

Zu diesen Reformen kam es nicht mehr. Görmez wurde von Präsident Recep Tayyip Erdogan abberufen; sein Nachfolger Ali Erbas erklärte die Schliessung der Hotline zum Fehler und liess sie im vergangenen Jahr wiedereröffnen. Die türkische Presse ist heute nicht mehr zu Scherzen aufgelegt und erst recht nicht zu Kritik an der Regierung, zu der das Religionsamt gehört. Und so heisst es nun wieder landesweit: «Hallo Fatwa, wie können wir helfen?»

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