Dann zuckt Jeff Sessions etwas hilflos mit den schmalen Schultern

Der ehemalige Justizminister Jeff Sessions möchte in seinem Heimatstaat Alabama wieder in den Senat gewählt werden. Präsident Donald Trump hat ihm aber noch nicht verziehen. Eine Geschichte über Macht und den Einfluss, den der Präsidenten in seiner Republikanischen Partei besitzt.

Renzo Ruf aus Birmingham (Alabama)
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Jeff Sessions bei einer Wahlrede in Alabama.

Jeff Sessions bei einer Wahlrede in Alabama.

Bild: Keystone/04.03.2020

Der Zorn sitzt tief – immer noch, auch fast drei Jahre nach dem angeblichen Verrat. Am Mittwoch, als das Resultat der ersten Vorwahl-Runde des Senats-Wahlkampf im Bundesstaat Alabama feststand, schrieb Präsident Donald Trump auf dem Kurznachrichtendienst Twitter sinngemäss: Das passiert, wenn der Präsident das Gefühl hat, jemand falle ihm in den Rücken.

Der Adressat dieses präsidialen Hass-Tweets war Jeff Sessions, der Justizminister in den ersten zwei Amtsjahren Trumps. Dazu muss man wissen: Sessions war der erste republikanische Senator, der Trump öffentlich unterstützte – zu einem Zeitpunkt, an dem sich das Establishment der Partei noch lustig über den künftigen Präsidenten machte.

Für diese Verbundenheit belohnte Trump den Rechtsausleger aus Alabama, erstmals gewählt im Jahr 1996, mit dem Posten des Justizministers. Kaum im Amt sah sich Sessions aber mit dem Vorwurf konfrontiert, er sei in der Russland-Affäre befangen, auch weil er nicht die ganze Wahrheit über seine Gespräche mit dem russischen US-Botschafter erzählt habe. Also entschied sich Sessions im März 2017, einen Monat nach Amtsantritt, in der Russland-Affäre in den Ausstand zu treten. Diese Entscheidung trat eine Lawine los, an deren Ende die Einsetzung von Sonderermittler Robert Mueller stand.

Dessen Arbeit bezeichnet der Präsident heute als «Hexenjagd» und «Betrug», wiewohl er von Mueller doch weitgehend entlastet worden war. So schrieb der Sonderermittler in seinem Abschlussbericht, sein Team habe keine Beweise für den Vorwurf gefunden, Trump habe die Wahl 2016 nur dank einer illegalen Kooperation mit russischen Hackern gewonnen. Und weil der Präsident ein Mann ist, der gegen seine Feinde tritt, selbst wenn sie am Boden liegen, wetterte er weiter gegen Sessions, nachdem er ihn im November 2018 entlassen hatte.

Und damit könnte Trump nun dem ehemaligen Senator das Comeback vermasseln. Sessions entschied sich nämlich dazu, aus welchem Grund auch immer, im Wahljahr 2020 in Alabama erneut für einen Sitz im Senat zu kandidieren. Auf dem Papier war das vielleicht eine gute Idee. Sessions galt im armen Südstaat lange Jahre als politisch unantastbar, auch weil der 73-Jährige ein Programm vertritt, das in vielen Belangen alles andere als konservativ ist. Er besitzt auch einen guten Draht zu einigen Aushängeschildern des rechten Nachrichtensenders «Fox News Channel», dem Lieblingskanal des Präsidenten. Zudem handelt es sich bei dem Amtsinhaber um einen Demokraten, Senator Doug Jones, der ernsthaft um seine Wiederwahl bangen muss.

Sessions muss sich einer Stichwahl stellen

Sessions aber unterschätzte den Faktor Trump. Zwar griff der Präsident offiziell nicht in die Vorwahlen der republikanischen Kandidaten ein, nachdem er sich Ende 2017 in der letzten Senatswahl in Alabama die Finger verbrannt hatte. Das Resultat des ersten Wahlgangs zeigt aber, dass der im US-Süden höchst beliebte Trump eine wichtige Rolle spielte. Nach Auszählung von fast allen Wahllokalen gewann Sessions nur 31,7 Prozent der Stimmen. Er muss sich nun Ende März einer Stichwahl stellen, in der er gegen den ehemaligen Football-Coach Tommy Tuberville (Auburn University) antreten wird. Der 65 Jahre alte Tuberville, ein politischer Novize, der seinen Wohnsitz erst vor zwei Jahren wieder nach Alabama verlegte, gewann 33,4 Prozent der Stimmen.

Sessions versprach am Wahlabend, er werde Tuberville nun in die Mangel nehmen. Und er betonte einmal mehr, dass er Trump immer noch unterstütze. Tatsächlich weigerte sich der ehemalige Justizminister, im Wahlkampf den Präsidenten zu kritisieren – auch wenn Trump ihn regelmässig als dummen Hinterwäldler aus dem Süden verspottet.

Darauf angesprochen, sagte Sessions am Samstag während eines Wahlkampfauftrittes in einem Restaurant in der Nähe von Birmingham: «Die meisten Wähler verstehen meine Positionsbezüge.» Er räumte ein, dass er immer wieder darauf angesprochen werde, warum er im Frühjahr 2017 als Justizminister in den Ausstand getreten sei. (Wenige Minuten zuvor war er von einem Wähler in die Zange genommen worden, der die Behauptung aufstellte, der «Deep State», die sprichwörtliche Machtelite in der Hauptstadt, habe etwas gegen Sessions in der Hand – dies sei der Hauptgrund, warum der Justizminister den «Staatsstreich »gegen Trump nicht verhindert habe.)

Er wolle diesen Konflikt mit Trump aber nicht breittreten, sagte Sessions im Gespräch. «Die meisten Leute verstehen, was geschehen ist.» Er jedenfalls fühle sich wohl in seiner Haut, und werde den Präsidenten weiter unterstützen – auch weil Trump politische Positionen vertrete, die er, Sessions, schon vor Jahren vertreten habe. Dann zuckte der Republikaner etwas hilflos mit den schmalen Schultern, als habe er sich damit abgefunden, dass er sein politisches Schicksal nicht selbst in der Hand hat.