Dann rannte er um sein Leben

Kriegsende am 8. Mai 1945. Er kämpfte in Polen, Frankreich und Russland, den Krieg hielt er damals für richtig. Heute kämpft Heinz Rothe gegen das Vergessen an. Er sagt: «Nochmals ein solcher Krieg, und die Menschheit ist verloren.»

Christoph Reichmuth/Berlin
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Heinz Rothe, heute 94 Jahre alt. (Bild: Christoph Reichmuth)

Heinz Rothe, heute 94 Jahre alt. (Bild: Christoph Reichmuth)

Wenn man von Heinz Rothe wissen will, was er am Kriegsende getan hat, dann fragt er zurück, ob man das persönliche oder das offizielle Kriegsende meint. Für Heinz Rothe, damals Leutnant in der 257. Infanteriedivision, endete dieser Krieg dreimal. Einmal im August 1944, dann im Mai 1945, aber wirklich zu Ende war dieser furchtbare Krieg für ihn erst im März 1950.

Heinz Rothe, heute 94 Jahre alt, hatte unglaublich viel Glück. Dreimal wird er verwundet. Granatsplitter im Hals, Detonation auf einem Minenfeld, Streifschuss. Er kämpft für den «Endsieg» im Namen des Führers auf den blutigsten Schlachtfeldern Europas. Heinz Rothe verliert Freunde. 1939 in Polen bestatten sie ihre Kameraden noch mit militärischen Ehren einzeln. Beim Durchbruch durch die Maginotlinie 1940 in Frankreich sind die Toten schon so zahlreich, dass man Massengräber aushebt. Und drei Jahre nach dem Einmarsch in der Sowjetunion mit Tausenden jungen Männern ist Heinz Rothe mit einem Kameraden alleine unterwegs, als er von Rotarmisten in einem kleinen Wald in Rumänien aufgegriffen wird. Die anderen aus seiner Kompanie sind verwundet, die meisten von ihnen aber liegen tot in den unendlichen Weiten dieses riesigen Landes. Erschossen, erdolcht, erfroren, verhungert.

Einzigartige Hinterlassenschaft

Heinz Rothe sitzt in seiner kleinen Dreizimmerwohnung in Berlin-Steglitz, seit den Fünfzigerjahren lebt der vitale spätere Grenzbeamte der damaligen BRD nun schon hier. Sein Leben ist bis heute geprägt von einer Epoche, die für viele Deutsche so trügerisch verheissungsvoll mit Adolf Hitler begonnen hatte und für die Menschen in Europa so grausam und zerstörerisch endete. «Ich wurde hineingeboren in den Nationalsozialismus», sagt Heinz Rothe, es klingt wie eine Rechtfertigung für seine Begeisterung fürs Militär,

In einem mehrere hundert Seiten starken Album hat er sein junges Leben nachgezeichnet. Mit einzigartigen Originalfotos von der Russland-Front und Dokumenten, Befehlsblättern und Auszeichnungen, mit persönlichen Texten, die sich lesen wie ein spannendes Buch. Es trägt den Titel «30 Jahre meines Lebens im Rückblick – 1920–1950», im Vorwort wendet sich Heinz Rothe an seine Tochter, es ist eine Hinterlassenschaft für sie. Sein Versuch, auf Fragen Antworten zu liefern, die die Tochter vielleicht nie zu stellen wagte.

«Ich bin kein Ewiggestriger», sagt Heinz Rothe mehrere Male, als er vier Stunden erzählt. Und immer wieder will er aufzeigen, dass nicht alle Deutschen kalte Mörder waren in diesem barbarischen Krieg, in dem biedere Menschen zu abartigen Sadisten wurden und Kinder erschossen, Juden vergasten, Zivilisten exekutierten. «Unser Regiment war geprägt von echtem preussischem Soldatengeist. Wir haben niemals Schweinereien veranstaltet. Wir waren keine Monster.» Er zeigt verwackelte Fotos in Schwarzweiss. Rothe mit einem kleinen ukrainischen Mädchen auf dem Arm, Rothe mit einer hübschen Polin, sein «Mädchen» damals, wie er lächelnd erzählt, Rothe mit einem russischen Gefangenen, er nennt ihn «Iwan», so wie er alle Russen Iwan nennt. «Überzeugen Sie sich selbst, sehen diese Menschen aus, als ob sie leiden würden?»

Der verheerende russische Winter

Es ist nicht Begeisterung für den Krieg, die in seinen Erzählungen mitschwingt. Keine Heroisierung. Aber eine Faszination für diese Zeit, die ist herauszuhören aus seinen Berichten. Nach Polen, sagt er einmal, hätten wir aufhören sollen. Man wird stutzig bei einem solchen Satz, Rothe erkennt den fragenden Blick und korrigiert sich. «Wir hätten gar nie Krieg führen dürfen. Auch Polen war ein Verbrechen.»

Den Untergang des Dritten Reiches besiegelte Hitler mit dem Angriff auf Russland im Juni 1941, Rothe und seine Kameraden spüren, dass das nicht gutkommen wird. Am Anfang läuft es gut, wenn auch die Kämpfe in Slawjansk in der Ostukraine erbittert geführt werden. Ein verheerender Winter kündigt sich an, die Wehrmacht ist nicht ausgerüstet für die eisige Kälte.

Rothe hat Glück, wird nach Frankreich abkommandiert. Als er zurückkehrt 1942, kennt er kaum noch jemanden aus seiner Kompanie. Die meisten sind gefallen oder erfroren. Wieder hat Rothe Glück, als die 6. Armee nach Stalingrad aufbricht. Rothe erkrankt an Gelbfieber, wird im Herbst 1942 in Deutschland behandelt. Er trifft erst im Frühjahr auf seine alten Kameraden, von denen nur wenige übriggeblieben sind. Die Schlacht um Stalingrad ist da schon verloren, der Krieg faktisch auch. Zusammen mit versprengten Einheiten der 6. Armee wird Rothes Kompanie von der Donezk-Region zurückgedrängt, Moldawien bis Rumänien, 830 Kilometer in wenigen Monaten zu Fuss.

«Der Iwan oder ich»

«Von Frühjahr 1943 an ging es nur noch zurück.» Die deutschen Stellungen werden zermalmt, Rothe sieht Kameraden, die von Panzern überrollt werden, junge Männer, die nach Granateinschüssen Beine und Arme verlieren, an Kopfschüssen sterben, einfach nur verbluten. Ein Kamerad liegt vor ihm verwundet am Boden, irgendwo in Moldawien, die Russen sind wenige Meter entfernt. Der Kamerad weint, Rothe sagt, ich hole dich später, halte durch. Dann rennt er um sein Leben. «Ich wusste, dass ich dieses Versprechen nicht halten kann. Diese Szene verfolgt mich bis heute.» Auch Rothe tötet, manchmal schiesst er blind um sich, manchmal von Angesicht zu Angesicht. Aber ins Detail geht er nicht, wenn er davon erzählen soll. Dann sagt er einen Satz, der klar macht, wie es damals lief. «Manchmal hiess es einfach nur noch: der Iwan oder ich.»

Irgendwie nach Westen kommen

Der endgültige Untergang Grossdeutschlands und der 6. Armee erfolgt im August 1944 in Rumänien, bei der Niederlage von Pruth endet auch für Heinz Rothe der aktive Krieg. Innerhalb von fünf Tagen vernichtet die Rote Armee mit 360 000 Soldaten 19 deutsche Infanteriedivisionen, eine Panzer- und eine Panzergrenadierdivision. 150 000 Deutsche sterben, 106 000 geraten in Gefangenschaft, 80 000 bleiben verschollen.

Rothe ist mit einem Kameraden alleine übriggeblieben, sie verstecken sich auf einem weiten Feld hinter Strohballen, 25 Heuhaufen liegen verstreut auf der weiten Wiese. Sie sehen, wie die Rotarmisten die Haufen nach versteckten Deutschen durchsuchen, sie stechen einfach mit ihren auf das Gewehr aufgesetzten Bajonetten in die Strohballen, einen nach dem anderen. Sie kommen immer näher. Rothe entsichert seine Offizierspistole, er will sich in den Kopf schiessen, kein Zweifel, die Russen werden sie töten. Rothe fehlt der Mut, zum Glück. Noch vier solcher Heuhaufen, dann ist es aus. Jemand aus der Ferne ruft plötzlich etwas, wie durch ein Wunder ziehen die Rotarmisten wenige Meter vor Rothe und seinem Kameraden ab. «Wir wollten jubeln, vor Freude über die Wiese springen. Aber wir mussten leise bleiben, hielten uns fest an unseren Händen.»

Straflager in Sibirien

Rothe und ein Kamerad warten, bis die Nacht hereinbricht, dann schleichen sie über das Feld, in einen Wald, sie wollen irgendwie nach Westen kommen, vielleicht hat es da eine deutsche Einheit. Es ist 23 Uhr an diesem 23. August 1944, als jemand auf russisch ruft: «Wi kuda idiote?» – Wo geht ihr hin?

Rothe spricht kaum Russisch, er kennt nur wenige Worte, «Domoi!», «Nach Hause!» antwortet er und läuft wie in Trance einfach weiter. Die Russen schiessen in die Luft. Es ist aus. Rothe gerät in Gefangenschaft, zuerst in ein Offizierslager in der Tatarenrepublik, wo er am 9. Mai vom Lagerkommandanten vom Kriegsende erfährt. Er schöpft Hoffnung, vielleicht darf er jetzt nach Hause. Doch er wird noch fünf Jahre durchstehen müssen, er schuftet sich fast zu Tode, im Kohlebergbau, in der Landwirtschaft, wieder spielt er mit dem Suizidgedanken. Er kommt in ein Gefangenenlager nach Sibirien, es gibt kaum zu Essen. Wieder wird gestorben, tausendfach. Rothe weiss nicht, was zu Hause ist. Lebt die Mutter, der Vater?

Am 5. März 1950 kehrt Rothe heim nach Berlin, mager und geschwächt läuft er die Strasse in Steglitz entlang, sieht das Haus seiner Eltern, die Vorhänge sind noch die gleichen wie 1943, als er das letzte Mal hier war. An der Klingel steht R. Rothe, Richard Rothe.

Er fällt seiner Mutter in die Arme, «es war ein Wiedersehen, das man nie vergessen kann». Die Mutter erzählt, dass Vater Richard im Januar 1945 zum Volkssturm eingezogen wurde, acht Tage vor Kriegsende ist er in Berlin gefallen, man hat seine Leiche in einem Massengrab gefunden. Ein Jahr nach seiner Rückkehr heiratet Heinz Rothe seine Liselotte. Er hat sie 1938 kennengelernt und im Krieg nur einmal gesehen. Liselotte starb 2010. «Sie war das Glück meines Lebens.»

«Niemals mehr Krieg»

Rothe sagt, er sei heute ein überzeugter Europäer. Schade nur, die Sache mit diesem Putin. «Man muss die Russen an den Tisch holen», meint er. Reden, das sei wichtig. Man müsse miteinander reden. Immer wieder. Niemals mehr Krieg, sagt Rothe. Er war gross geworden in einem Verbrecherregime und er war Teil geworden von dieser auf Rassenwahn basierenden Ideologie. Von den Vernichtungslagern und den Verbrechen, sagt Rothe, habe er erst später, in Kriegsgefangenschaft erfahren. «Aber dass ich als Soldat kämpfte», betont er, «das war kein Verbrechen.» Er erzähle seine Geschichte, damit niemals vergessen gehe, zu was Menschen fähig sind. «Unsere wunderbare Erde», sagt Heinz Rothe, «hat uns der Herrgott geschenkt. Wir müssen Sorge tragen zu ihr. Nochmals einen solchen Krieg und die Menschheit ist verloren.»

Am 22. Juni 1941 beginnt der Angriff der deutschen Wehrmacht auf Russland. Der Krieg endet mit der Niederlage und Kapitulation des Dritten Reiches am 8. Mai 1945. (Bild: ap)

Am 22. Juni 1941 beginnt der Angriff der deutschen Wehrmacht auf Russland. Der Krieg endet mit der Niederlage und Kapitulation des Dritten Reiches am 8. Mai 1945. (Bild: ap)

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