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Dammbruch in Brasilien: Hunderte Tote befürchtet

Nach einem wiederholten Dammbruch in der Bergbauregion Minas Gerais werden bis zu 350 Personen vermisst – die Behörden hegen wenig Hoffnung auf Überlebende. Das Unglück heizt die Debatten um den Umweltschutz in Brasilien an.
Martina Farmbauer, Rio
Der Dammbruch in Brasilien hat zu einer riesigen Schlammlawine geführt, die ganze Brücken zum Einstürzen bringt. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)

Der Dammbruch in Brasilien hat zu einer riesigen Schlammlawine geführt, die ganze Brücken zum Einstürzen bringt. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)

Minas Gerais heisst übersetzt etwa «Allgemeine Minen». Den Namen hat der Bundesstaat, der so gross ist wie Frankreich, wegen seines Reichtums an Bodenschätzen und der Vielzahl von Abbaugebieten bekommen. Einst liessen die portugiesischen Kolonisatoren das Gold abbauen, heute sind es (multinationale) Konzerne, die Eisenerz fördern. Vale ist das grösste brasilianische Bergbauunternehmen. Aber der Konzern steht auch für die grösste Umweltkatastrophe Brasiliens, die «Tragödie von Mariana», bei der 2015 der Damm des Stau­beckens in einem Eisenerzbergwerk brach.

An diesem Freitag ist in Brumarinho wieder ein Damm gebrochen, eine Schlammlawine bahnte sich ihren Weg durch die hügelige, fast mystische Landschaft von Minas. Sie wälzte sich über die Mine, riss Gerätschaften, Häuser und Menschen mit. Nach Angaben des Zivilschutzes kamen neun Menschen ums Leben, bis zu 350 Personen werden vermisst. Feuerwehrleute suchen unter der Schlammlawine nach ihnen. Die Chance, dass es viele Überlebenden gibt, ist jedoch gering. Romeu Zema, Gouverneur des Bundestaates Minas Gerais, sagte: «Wir werden wahrscheinlich nur Leichen finden.» Die Zahl der bestätigten Todesopfer ist am Samstagabend auf 34 gestiegen.

«Tatsache ist, dass wir nicht wissen, was passiert ist»

Eine offizielle Liste mit den Namen der Vermissten hat es bisher noch nicht gegeben. Per Telefon und Whatsapp tauschten sich ­Bewohner der Region über Versuche der Kontaktaufnahme mit Freunden und Familienangehörigen aus. Ausser der Trauer und Ungewissheit ist die Empörung gross in Brasilien. Wieder Minas Gerais, wieder Vale nur etwas mehr als drei Jahre nach der «Tragödie von Mariana», in der historischen Stadt, die ihren ­Namen nach Dona Maria Ana D’Austria (Maria Anna von Österreich), Frau des portugiesischen Königs Dom Joao V., bekommen hatte. 19 Menschen starben, der Schlamm mit Giftstoffen überflutete 40 Dörfer und verseuchte den Fluss Rio Doce, der in den Atlantischen Ozean fliesst, auf 650 Kilometern. 375 Familien ver­loren damals ihre Häuser und warten immer noch darauf, neu untergebracht zu werden. Zwar gaben die drei Unternehmen – ausser Vale auch Samarco und BHP Billiton –, die den Damm zusammen betrieben, mehr als eine Million US-Dollar für eine grosse Hilfs- und Säuberungsaktion aus. Aber niemand ist bisher verurteilt worden. Fabio Schvartsman, Präsident der Vale, wurde bei einer Pressekonferenz am Sitz des Unternehmens in Rio de Janeiro gefragt, ob der Konzern aus der vorherigen Katastrophe gelernt habe. «Wie werde ich sagen, dass wir gelernt haben, wenn genau das Gleiche passiert ist?», antwortete Schvartsman, der dem Bergbauunternehmen seit 2017 vorsteht.

Luftaufnahme einer zerstörten Brücke nach dem Dammbruch in der Bergbauregion Minas Gerais. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Luftaufnahme einer zerstörten Brücke nach dem Dammbruch in der Bergbauregion Minas Gerais. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Bewohner betrachten die Folgen der Schlammlawine in Brumadinho. (Bild: EPA/Yuri Edmundo)Bewohner betrachten die Folgen der Schlammlawine in Brumadinho. (Bild: EPA/Yuri Edmundo)
Eine verschüttete Strasse aus der Luft in Brumadinho. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Eine verschüttete Strasse aus der Luft in Brumadinho. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Die Schlammmassen bedecken weite Teile der Region. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Die Schlammmassen bedecken weite Teile der Region. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Ein mitgerissenes Auto in Brumadinho. (Bild: EPA/Yuri Edmundo)Ein mitgerissenes Auto in Brumadinho. (Bild: EPA/Yuri Edmundo)
Ein Mann beobachtet den Fluss Paraopeda. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Ein Mann beobachtet den Fluss Paraopeda. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Einheimische trauern um ihre Angehörigen, es werden über 300 Personen vermisst. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Einheimische trauern um ihre Angehörigen, es werden über 300 Personen vermisst. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Darcy Brum betrachtet die Schäden im Haus seines Vaters in Brumadinho. (Bild: AP Photo/Leo Correa)Darcy Brum betrachtet die Schäden im Haus seines Vaters in Brumadinho. (Bild: AP Photo/Leo Correa)
Helfer suchen in der Schlammlawine nach den Vermissten. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Helfer suchen in der Schlammlawine nach den Vermissten. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Die Suche nach den Vermissten gestaltet sich äusserst schwierig. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Die Suche nach den Vermissten gestaltet sich äusserst schwierig. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Luftaufnahme der zerstörten Brücke in Brumadinho. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Luftaufnahme der zerstörten Brücke in Brumadinho. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Ganze Landstriche wurden von der Schlammlawine weggerissen. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Ganze Landstriche wurden von der Schlammlawine weggerissen. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Die Schlammlawine bahnt sich ihren Weg durch die Landschaft von Minas Gerais. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Die Schlammlawine bahnt sich ihren Weg durch die Landschaft von Minas Gerais. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Sie richtet massive Schäden an. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Sie richtet massive Schäden an. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro schaut sich die Schäden aus der Luft an. (Bild: Isac Nobrega/AP)Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro schaut sich die Schäden aus der Luft an. (Bild: Isac Nobrega/AP)
Überblick der Zerstörung in der Region Minas Gerais. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)Überblick der Zerstörung in der Region Minas Gerais. (Bild: EPA/Antonio Lacerda)
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Hunderte Vermisste nach Dammbruch in Eisenerzmine in Brasilien

Was er sagen könne, sei, was man nach dem Unfall alles gemacht hat. Dem Vale-Präsidenten zufolge prüften Berater den Damm, der stillgelegt werden sollte und seit mehr als drei Jahren nicht mehr in Betrieb war, und attestierten dessen Stabilität, das Unternehmen prüfte regelmässig dessen Struktur. Der deutsche Tüv Süd soll eine der externen Prüforganisationen gewesen sein. «Tatsache ist, dass wir nicht wissen, was passiert ist und was der Auslöser war», sagte Schvartsman selbst. Nach Informationen des Fernsehsenders Globo News erlangte die Regierung des Bundesstaates Minas Gerais eine gerichtliche Entscheidung, die den Konzern dazu verpflichtet, sich finanziell an den Rettungsarbeiten zu beteiligen, und eine Million ­Reais, umgerechnet 260 000 Schweizer Franken, auf dessen Konten einfriert.

Immer wieder Dammbrüche in der Region

Umweltschützer und Aktivisten der Region weisen darauf hin, dass sie seit Jahren die Probleme des 86 Meter hohen Dammes mit Baujahr 1976 angeprangert hätten, der Experten zufolge mit der günstigsten und als am wenigsten sicher erachteten Technik gebaut worden sei. Spezialisten, die die spanischsprachige Tageszeitung «El País» befragte, bestätigten, dass der Damm in Brumadinho die gleiche Struktur wie der in Mariana gehabt habe. Das Szenario geht weit über Brumadinho und Mariana sowie die Regierung des neuen Präsidenten Jair Bolsonaro hinaus.

Die Dammbrüche in Minas Gerais gehen bis auf 1986, als der erste Unfall dieser Art geschah, zurück; es folgten Miraí 2007, Macacos 2001 und dann Mariana 2015. Die Folgen sind fast immer die gleichen: Verschmutzung von Flüssen bis hin zum Meer, von der Schlammlawine zerstörte Städte und Todesopfer. Minas Gerais hat allein 450 Dämme, von denen mehr als 20 über keine Stabilitätsgarantie verfügen sollen. «Die Tragödie hätte verhindert werden können», sagte Bolsonaro, der die Region des Unglücks gestern überflog. So steht Bruminho für die mangelnde Sicherheit und den fehlenden Umweltschutz im brasilianischen Bergbau.

«Keine Unfälle, sondern Verbrechen»

Aber es ist nach dessen erstem internationalem Auftritt beim Weltwirtschaftsforum in Davos auch der erste Test für das Krisenmanagement und die Umweltpolitik Bolsonaros, der die Unterstützung der Unternehmerschaft hat. Der Ultrakonservative hat stets seine Verachtung für das Thema Umweltschutz zum Ausdruck gebracht und sogar er­wogen, das Umweltministerium ­abzuschaffen. Sich offen gezeigt, die Umweltauflagen zu lockern und den Unternehmen mehr Autonomie zu geben.

Die ehemalige Umweltministerin Marina Silva war eine der Ersten, die die Stimme erhob, um hinzuweisen, wie nachlässig Brasilien seine Naturressourcen verwaltet. Für Silva sind Unglücke wie dieses alles andere als Zufall. «Tragödien dieses Ausmasses sind keine Unfälle, sondern Verbrechen», sagte sie der Zeitschrift «Época» – eine Devise, die in den sozialen Netzwerken die Runde machte. Ex-Präsident Fernando Henrique Cardoso twitterte hoffnungsvoll: «Dass die Tragödie von Brumarinho der Regierung die Augen öffnen möge. Umweltschutz ist kein Spleen der Linken. Es ist Respekt vor dem Leben der Menschen und vor dem Planeten. Die Regierung sollte beaufsichtigen und kontrollieren, ohne zu dämonisieren.»

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