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Damenwahl an der Seine

Erstmals in seiner Geschichte erhält Paris eine Bürgermeisterin: Die Sozialistin Anne Hidalgo und die Bürgerliche Nathalie Kosciusko-Morizet stehen zur Wahl. Das Duell illustriert den Wandel der Metropole.
Stefan Brändle/Paris
Anne Hidalgo: Sozialistin, Kämpferin für Sozialwohnungen, dreifache Mutter. (Bild: ap/Thibault Camus)

Anne Hidalgo: Sozialistin, Kämpferin für Sozialwohnungen, dreifache Mutter. (Bild: ap/Thibault Camus)

Es sind zwei Alphafrauen. Standfest in einer feindlichen Männerwelt. Ambitioniert im nationalen Scheinwerferlicht. Und fest entschlossen, über eine Weltstadt von mehr als zwei Millionen Einwohnern zu herrschen. Doch morgens um acht bringen sie zuerst einmal ihre Kinder zur Schule – wie alle Pariserinnen, die auf wundersame Weise Arbeit mit Familie vereinen.

Die eine, die bei den Kommunalwahlen am 23. und 30. März zur Wahl steht, ist die Sozialistin Anne Hidalgo. In Spanien geboren, in Frankreich in einfachen Verhältnissen aufgewachsen und im Alter von 14 Französin geworden, ist die 54-Jährige die rechte Hand des abtretenden Bürgermeisters Bertrand Delanoë, der das Pariser Rathaus 2001 erstmals für die Linke eroberte und die Stadt als Homosexueller stark liberalisierte. Die Rechte wirft Hidalgo vor, sie sei ein Delanoë-Produkt, sein Apparatschik und politischer Abklatsch. Doch die dreifache Mutter bleibt freundlich gelassen und verteilt auf den Marktplätzen der Hauptstadt ihre Wangenküsschen, als hätte sie die Wahl längst gewonnen.

«Generation Sarkozy»

Die andere, die am 30. März antritt, ist Nathalie Kosciusko-Morizet, die Bürgerliche. NKM, wie sie sich nennen lässt, hat polnische Ursprünge; ihre Eltern und Grosseltern machten aber in Frankreich Karriere als Diplomaten oder Politiker und gehören seit langem zur Haute Société von Paris. Die 40jährige ehemalige Umweltministerin, die zwei Kinder hat, zählt in ihrer Partei UMP zur «Génération Sarkozy». Sie gibt sich gerne unorthodox und liess sich auch schon fotografieren, wie sie mit Clochards eine raucht. Die Linke erklärt, solche libertären Auftritte kaschierten nur die Abhängigkeit von den reaktionären Grossbürgerdynastien, den Tiberis oder Dominatis, die in Paris insgeheim die Fäden zögen. NKM reagiert in der Regel deutlich weniger souverän als ihre Rivalin.

Etwas verbindet Hidalgo und Kosciusko-Morizet: Beide werfen der Gegenseite Sexismus vor. UMP-Vertreter betitelten Hidalgo schon abschätzig als «concierge», was perfid auf die vielen iberischen Hauswartinnen in Paris anspielt. NKM wiederum wird links als «Marie-Antoinette in Bluejeans» bezeichnet, weil sie wie eine Blaublütige wirke, die sich dem Volk mit Lederjacke und offenem Haar anbiedere. Nicht nur die beiden Kandidatinnen, auch ihre Wahlprogramme geben sich progressiv.

Mehr Tomaten und Polizisten

Nach dem flächendeckenden und rundum erfolgreichen Verleih von Fahrrädern sowie Elektroautos plant Hidalgo einen dritten Verleih für Motorräder, um die chronischen Verkehrsstaus zu vermindern. Damit Paris trotz seiner astronomischen Quadratmeterpreise keine museale «Stadt für Reiche» wird, will sie langfristig 30 Prozent Sozialwohnungen einrichten; die Stadt soll dazu sogar selber Wohnraum erwerben und billig abgeben. Grosse Plätze wie Bastille, Panthéon oder Montparnasse will Hidalgo fussgängertauglich machen. Selbst die Dächer von Paris will sie begrünen, so dass die Bürger dort Tomaten pflanzen können.

Kosciusko-Morizet verspricht mehr Polizisten bei weniger Beamten, und damit tiefere Steuern. Sonst gibt sie sich auch sozial aufgeschlossen und verspricht ein Neubauprogramm gegen die Wohnungsnot und hohe Mietpreise. NKM plant zudem eine «vernetzte Stadt» sowie eine umfassende «Zeitrevolution», um den veränderten Lebensrhythmen der Grossstadt Rechnung zu tragen. So sollen Krippen eine gleitende Betreuung erhalten, Läden und vereinzelt auch Ämter und Bibliotheken bis spät abends sowie sonntags offen halten. Und die U-Bahn soll nicht mehr bis um halb eins, sondern bis zwei Uhr nachts verkehren.

Hidalgo kontert, ihre bürgerliche Widersacherin umgebe sich mit einem grünen Mäntelchen; in Wahrheit sei sie gegen die Erhöhung der Parkbussen und für eine komplette Neuasphaltierung der Ringautobahn um Paris. NKM nennt die regierenden Sozialisten dafür einen «Verein der im Dienstwagen Verkehrenden», der die übrigen Einwohner mit Mietvelos abspeise. Sie selbst nimmt die Metro und preist sogar deren Charme und die Möglichkeit, immer wieder unerwartete Bekanntschaften zu schliessen. Blogger fragten höhnisch zurück, worin wohl der Reiz bestehe, zu Stosszeiten in eine lärmige und stinkende Ratterbahn gepfercht zu sein. «Ich glaube ja gerne, dass NKM den Charme der U-Bahn entdeckt hat», meinte einer via Twitter. «Bloss, in welcher Stadt?»

Beim Eiffelturm wird rechts gewählt

Wenn beide Kandidatinnen der tausendjährigen Lichterstadt ein grünes, digitales und trendig urbanes Zukunftskleid verpassen wollen, kommt das nicht von ungefähr. Wahlentscheidend sind in Paris heutzutage die Bobos, also die jungen und freischaffenden, gutverdienenden und politisch aufgeschlossenen «Bourgeois-Bohèmes».

Diese Architektinnen und Anwälte, Kunstgraphiker oder Akademiker, Informatiker und Publizistinnen bevölkern heute fast alle Stadtbezirke von Paris. Sie vermischen sich langsam mit der gehobenen Mittelklasse – aber nicht nur mit ihr. Junge Topverdiener siedeln sich auch im ruhigen Westteil der Stadt an, rund um den Eiffelturm, die Champs-Elysées oder die Avenue Foch, wo noch das alte Bürgertum und der Geldadel regieren. Und wo stramm rechts gewählt wird: Der reiche Pariser Westen ist dafür verantwortlich, dass die Gaullisten unter Jacques Chirac und Jean Tiberi bis 2001 den Bürgermeister stellten. Noch mehr Bobos siedeln sich aber im Osten an, etwa in den Vierteln um die Bastille oder die Place de la République, dort, wo sich einst das «rote» Paris aus Immigranten, Intellektuellen und Handwerkern drängte. Dort legte Bertrand Delanoë 2001 den Grundstein für die «Rückeroberung von Paris» für die Linke. Arbeiter und Arbeitslose wohnen seit langem in der Banlieue.

Hidalgo geht als Favoritin ins Rennen

Mehr denn je gilt heute der geographische Mittelteil von Paris als wahlentscheidend. Im 9. und 10., aber auch 14. oder 15. Arrondissement lebten einst die Pariser Kleinbürger; heute sind es junge Familien, die sich in kleine Dreizimmerwohnungen drängen, oder gutsituierte Bobos, die sich eine Fünfzimmerwohnung zu einem Preis leisten, für den man andernorts in Frankreich ein geräumiges Einfamilienhaus erhält. Nicht zufällig lebt und kandidiert Kosciusko-Morizet im 14., Hidalgo im 15. Arrondissement. Dort wird der Wahlkampf von Haus zu Haus, von Tür zu Tür betrieben.

Als Favoritin geht Hidalgo ins Rennen, auch wenn das komplizierte Wahlsystem in Paris Umfrageprognosen schwieriger macht als andernorts. Die Spitzenkandidatin der Sozialisten profitiert vom guten Image ihres Vorgängers Delanoë; sie leidet aber auch unter der Unpopularität ihres Parteifreundes im Elysée, François Hollande. Kosciusko-Morizet liegt denn auch in Umfragen in den wichtigen Bezirken zurück.

Nathalie Kosciusko-Morizet: Vertreterin der Elite, Metro-Fan, zweifache Mutter. (Bild: ap/Remy de la Mauviniere)

Nathalie Kosciusko-Morizet: Vertreterin der Elite, Metro-Fan, zweifache Mutter. (Bild: ap/Remy de la Mauviniere)

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