Befreite Mafiosi und ein neuer Patient Null: So kämpft sich Europa aus der Coronakrise

44 europäische Länder haben Massnahmen gegen die Pandemie ergriffen. Fast alle sind derzeit dabei, die Einschränkungen wieder zu lockern. Doch während etwa Schwedens Epidemiologen an ein baldiges Abebben der Epidemie glauben, schaut Grossbritannien noch immer voller Angst auf seine steigende Todesstatistik.

Auslandredaktion, Grafiken: Lea Siegwart 
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Grossbritannien zögert weiterhin

194'990 Infizierte, 29'427 Tote*

Erst am kommenden Sonntag will Premierminister Boris Johnson den Briten in einer Fernsehansprache einen Weg aus dem Corona-Lockdown vorstellen – nach vollen sieben Wochen mit starken Einschränkungen. Offiziell begründete der konservative Regierungschef am Mittwoch sein zögerliches Vorgehen damit, dass er auf die Ergebnisse neuer Studien warte.

Eine Rolle dürfte freilich auch die Angst vor den anstehenden Lockerungsdebatten spielen: Am Freitag begeht das Land den 75. Jahrestag des Kriegsendes in Europa mit einem Feiertag, fürs Wochenende ist strahlender Sonnenschein angesagt. Dann könnte die Versuchung für manche Bürger, die strengen Auflagen zu ignorieren, allzu gross werden.

Allerdings äussern sich die Briten in Umfragen grundsätzlich positiv zum Kurs des Regierungschefs, der im April selber mehrere Tage als Coronapatient auf einer Intensivstation verbracht hatte. Dem Marktforscher Opinium zufolge wollen zwei Drittel die Schulen auch weiterhin geschlossen halten, die Öffnung von Restaurants, Pubs oder gar Konzerthallen hielten mehr als drei Viertel für falsch.

Grossbritannien meldet weiterhin täglich Hunderte von Covid-19-Toten. Am Dienstag hat das Königreich Italien an der traurigen Spitze der europäischen Corona-Totenstatistik abgelöst. Auf die Bevölkerungszahl bezogen stehen europaweit nur Belgien, Spanien und Italien noch schlechter da als die Briten.

Die Insel war auf eine Pandemie schlecht vorbereitet, die Reaktion der komplett auf den Brexit fixierten Regierung fiel zu zögerlich aus. Es fehlte an ausreichender Schutzkleidung fürs medizinische Personal sowie an Tests, die eine rasche Isolierung von Infizierten ermöglicht hätten. Bis Anfang März schwänzte Johnson die Sitzungen des nationalen Krisenstabs.

Später ignorierte er die Warnungen von Wissenschaftern und gab noch am 9. März anderen Menschen die Hand. Auch die irische Regierung bleibt vorsichtig und hat die Ausgangsbeschränkungen vergangene Woche erneut verlängert. Die Bestimmungen sollen bis zum 18. Mai weiter gelten, sagte Premierminister Leo Varadkar. Ausser zum Einkaufen, Sport treiben und Arbeiten dürfen die Menschen ihre Wohnungen also auch die nächsten zwei Wochen nicht verlassen. (sbl)

Spanien will Sommersaison retten

219'329 Infizierte, 25'613 Tote*

Nach fast acht Wochen Ausgangssperre dürfen die Spanier wieder für Spaziergänge und Sport an die frische Luft. Neben Supermärkten haben auch Friseure und Buchhandlungen geöffnet, Restaurants dürfen Speisen zum Mitnehmen anbieten.

Am Montag startet die nächste Phase: Dann sollen Hotels, Kirchen und Museen aufmachen. Die Wirtschaft wird schneller als ursprünglich geplant wieder hochgefahren. Vor allem die Tourismusindustrie hat es eilig. Bis zu Beginn der Sommersaison soll der Ferienbetrieb wieder laufen. (ze)

Frankreichs neuer «Patient Null»

168'935 Infizierte, 25'498 Tote*

Die Massnahmen werden erst ab Montag gelockert. Im Umkreis von 100 Kilometern des Wohnorts ist dann kein Passierschein mehr nötig. Die Schulen nehmen ihren Betrieb wieder auf. Einzelne Bürgermeister weigern sich aber, ihre Schulen zu öffnen: Denn die Zahl der täglichen Corona-Toten steigt nach einer längeren Baisse wieder an.

Beunruhigend sind die Berichte über den französischen «Patient Null», der offenbar bereits im Dezember infiziert wurde. Wenn das stimmt, müsste die europäische Corona-Timeline neu geschrieben werden. (brä)

Italien lässt Hunderte Mafiosi frei

213'013 Infizierte, 29'135 Tote*

Seit Montag dürfen sich die Italiener wieder weiter als 200 Meter von ihrer Wohnung entfernen. 4,4 Millionen Beschäftigte in «strategischen Betrieben» sind zurück am Arbeitsplatz. Nach wie vor sind die Restriktionen aber härter als in den meisten Ländern.

Die Schulen etwa gehen erst im Herbst wieder auf. Für Furore sorgt die Massenentlassung von Kriminellen: Weil sie sich mit dem Virus angesteckt haben oder um sie vor einer Ansteckung zu schützen, sind in den letzten Wochen 376 Mafiosi in den Hausarrest entlassen worden. (dsr)

Deutschland spielt wieder Fussball

167'239 Infizierte, 6993 Tote*

Sämtliche Geschäfte dürfen wieder öffnen, kontaktloser Breitensport im Freien wird wieder möglich, Restaurants und Bars können wieder Gäste bedienen: Darauf einigte sich Angela Merkel gestern mit den 16 Regierungschefs der Bundesländer.

Die Öffnungsschritte liegen in der Hoheit der einzelnen Bundesländer. Die niedrigen Infektionswerte seien «sehr erfreulich», sagte Merkel. Und gute Neuigkeiten für Sportfans: Die erste und zweite Bundesliga darf den «Geisterspiel-Betrieb» in der zweiten Mai-Hälfte aufnehmen. (crb)

Österreich mobilisiert Armee

15'684 Infizierte, 608 Tote*

Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg hat Österreich seine Armee mobilisiert. 2300 Soldaten sollen die Exekutive entlasten und bei Objektschutz sowie Grenzüberwachung aushelfen. Handel und Gewerbe öffnen wieder – und auch die Politik: Die debattiert heftig über eine Tracking-App und die Frage, ob man Menschen zwingen darf, sie zu verwenden.

Handfestes liefert das Wuhan der Alpen: Tirol. Jetzt ist klar, dass die Behörden frühzeitig über Aufenthaltsorte infizierter Ischgl-Urlauber informiert waren – und nichts unternommen haben. (scho)

Schweden: weniger Ansteckungen

23'918 Infizierte, 2941 Tote*

Die Zahl neuer Ansteckungen geht zurück. «Die Pandemie wird abebben», erklärte Staatsepidemiologe Anders Tegnell. Schweden geht einen Sonderweg. Schulen und andere Einrichtungen wurden nie geschlossen. Verglichen mit dem Rest Skandinaviens haben die Schweden jedoch hohe Infektions- und Todeszahlen.

Lockerungen stehen in Dänemark an. Die Regierung hatte die Primarschulen bereits im April wieder geöffnet. Ab Sonntag will Dänemark den gesamten Einzelhandel sowie Restaurants und Oberstufenschulen öffnen. (dpa)

Weissrussland macht gar nichts

19'255 Infizierte, 122 Tote*

Trotz eines UNO-Appells, endlich Social Distancing zu gebieten, hat Weissrussland immer noch keine Massnahmen ergriffen. Im Gegenteil: Alexander Lukaschenko hat seinem Heer für Samstag zum 75. Jahrestag des Kriegsendes eine grosse Militärparade befohlen.

Dem Land steht ein traditionelles Volksfest mit Tausenden Schaulustigen bevor. An der Coronafront wird weiter die Lage offiziell schöngeredet. Derweil haben die Opposition und Bürgeraktivisten damit begonnen, für Spitäler Masken und Schutzkleidung zu nähen. (flü)

Moskau delegiert Verantwortung

165'929 Infizierte, 1537 Tote*

Russland will in drei Etappen aus dem Lockdown herauskommen, verkündete Präsident Wladimir Putin am Mittwoch. Zunächst sollen Spaziergänge und Sport erlaubt werden. Dann sollen kleinere Geschäfte öffnen. Zuallerletzt könnten Hotels, Restaurants und Bildungseinrichtungen öffnen.

Fristen nannte Putin jedoch nicht. Zuständig für die Lockerungen sollen die jeweiligen Regionen sein. Für Moskau heisst das: Der Hausarrest bleibt erhalten. Industrieunternehmen sollen ab 12. Mai allerdings ihre Arbeit aufnehmen. (iha)

*Zahlen: John Hopkins Universität, 06.05.2020