Corona in Italien: «Die schlimmste Krise der Nachkriegszeit»

Angesichts der weiterhin massiv steigenden Fallzahlen verschärft die Regierung von Giuseppe Conte die bereits drastischen Quarantäne-Massnahmen in Italien zusätzlich: Ab Montag bleiben alle «nicht-strategischen» Betriebe und Unternehmen geschlossen.

Dominik Straub aus Rom
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Eine erschöpfte Helferin vor einem provisorischen Krankenhaus für Covid-19-Patienten in der italienischen Stadt Cremona: Man hofft, die Spitze der Infektionen bald überstanden zu haben.

Eine erschöpfte Helferin vor einem provisorischen Krankenhaus für Covid-19-Patienten in der italienischen Stadt Cremona: Man hofft, die Spitze der Infektionen bald überstanden zu haben.

Antonio Calanni / AP

Noch vor wenigen Tagen hatte ganz Italien gehofft, dass sich am Wochenende dank der bisher ergriffenen Massnahmen die ersten Zeichen der Entspannung bemerkbar machen würden. Doch am Samstagabend folgte einmal mehr die Ernüchterung: In nur 24 Stunden ist die Zahl der Corona-Toten landesweit um 793 angestiegen – der grösste Anstieg seit Ausbruch der Pandemie vor einem Monat.

Die Zahl der Toten beläuft sich nun auf 4825 (Stand Samstagabend). Insgesamt haben sich in Italien bis Samstag 53'578 Menschen mit dem Corona-Virus angesteckt – die Zahl der Infizierten stieg gegenüber dem Vortag um 6557 oder 14 Prozent.

Die Regierung von Giuseppe Conte hat auf den weiterhin dramatischen Anstieg der Todesfälle und der Infektionen mit einer Verschärfung der  Quarantäne-Massnahmen reagiert: «Wir haben beschlossen, einen weiteren Schritt zu gehen. Die Regierung hat die Entscheidung getroffen, im ganzen Land alle Betriebe zu schliessen, die nicht absolut notwendig, entscheidend und unverzichtbar sind, um die Grundversorgung zu sichern», erklärte der Premier in der Nacht auf Sonntag in einer Videobotschaft. Die neuen Massnahmen seien aber unumgänglich, gleichzeitig sagte er:

«Wir befinden uns in der schlimmsten Krise der Nachkriegszeit. Aber gemeinsam werden wir sie meistern.»

Sport im freien wird verboten

Die meisten Fabriken des Landes werden in Italien nun vorerst bis zum 3. April still stehen. Der Regierungschef versicherte, dass die Grundbedürfnisse der Bevölkerung weiterhin abgedeckt blieben: Die Versorgung mit Lebensmitteln und Gütern des Grundbedarfs sowie mit Medikamenten sei sichergestellt. Die Lebensmittelläden und Supermärkte blieben geöffnet, auch am Sonntag; Bank- Post- und Versicherungsdienstleistungen seien ebenfalls garantiert. «Die italienische Wirtschaft wird gebremst, nicht stillgelegt», betonte Conte.

Gleichzeitig werden die bestehenden Ausgangsbeschränkungen zusätzlich verschärft: Sport im Freien wird verboten; der Aktionsradius der Bürger wird «auf das absolut Unerlässliche» reduziert.

Conte zeigte sich erschüttert über die hohe Zahl der Toten: «Der Tod von so vielen Mitbürgern ist ein Schmerz, der jeden Tag wieder auflebt. Wegen der Werte, mit denen wir gross geworden sind, wegen der Werte, die wir auch heute noch teilen, sind diese Toten nicht einfach Nummern», betonte der Premier. Man müsse leider damit rechnen, dass noch mehr Menschen sterben werden, erklärte Conte: Es werde noch etwas Zeit brauchen, bis die weitreichenden Massnahmen, mit denen Italien seit vier Wochen versucht, die Ausbreitung des Virus einzudämmen, ihre volle Wirkung entfalten würden.

Opposition kritisiert: «zu viel Zeit vergeudet»

Die von Lega-Chef Matteo Salvini angeführte Opposition begrüsste die neuen Massnahmen, kritisierte aber, dass «zu viel Zeit vergeudet wurde». Tatsächlich hatte Conte mit neuen Massnahmen mit Blick auf die möglichen Folgen für die Wirtschaft gezögert; der Entschluss zum «Shutdown» der Fabriken erfolgte erst, nachdem der Präsident der am schlimmsten betroffenen Region Lombardei, Attilo Fontana, am Samstag bereits ähnliche Massnahmen verfügt hatte.

Die Kritik der Lega am Zögern Contes wirkt freilich etwas billig: Als die Regierung in Rom Ende Februar die ersten Städte in Norditalien zur roten Zone erklärte und abriegelte, bezeichnete der Präsident der Region Venetien, Luca Zaia von der Lega, die Massnahmen noch als masslos überzogen und als Desaster für die Wirtschaft.

Dass die Zahl der Toten in Italien trotz der bisher ergriffenen Massnahmen weiterhin steigt, erstaunt die Experten nicht: «Inzwischen weiss man, dass vom Zeitpunkt der Ansteckung bis zum Auftreten der ersten Symptome durchschnittlich etwa 6 Tage vergehen. Weitere 5 Tage dauert es, bis ein Patient auf das Virus getestet wird – und noch einmal durchschnittlich 5 Tage vergehen, bis die Infektion zum Tod führt», betont Carlo Signorelli, Dozent für Hygiene und öffentliche Gesundheit in Mailand. Die knapp 800 Toten vom Samstag sind also das Resultat der Situation, wie sie vor 16 Tagen herrschte.

Die Massnahme der Regierung, zuerst die Lombardei und 14 Provinzen und danach das ganze Land unter Quarantäne zu stellen, sei aber erst vor zwei Wochen erfolgt. Signorelli ist deshalb zuversichtlich, dass die Massnahmen in wenigen Tagen Wirkung zeigen und dass der Höhepunkt der Pandemie «in Kürze» erreicht sein werde.

Virus in Italien nicht tödlicher als anderswo

Auch für die – gemessen an der Zahl der Infizierten – hohe Sterberate haben die Experten Erklärungen. In Italien überleben 9 Prozent der Covid-19-Patienten die Infektion nicht, in der Lombardei sind es sogar 12 Prozent, während die Sterberate in Wuhan laut WHO bei 5,8 Prozent und im übrigen China 0,7 Prozent lag. Der Hauptgrund liegt laut Signorelli in der Messmethode: In Italien werden nur noch Patienten mit schweren Symptomen auf das Virus getestet – also Personen, deren Sterbewahrscheinlichkeit um ein Vielfaches höher liegt als bei einem jungen, gesunden Menschen, der von seiner Infektion nichts ahnt. Ein weiterer Grund liegt im hohen Durchschnittsalter der italienischen Bevölkerung. Die Experten sind sich einig: Das Coronavirus ist in Italien nicht tödlicher als anderswo.

Für die hohe Sterberate in Italien gibt es auch noch einen weiteren, gesellschaftlichen Grund: Er liegt im Respekt und der Zuneigung, welche die Italiener ihren «nonni», ihren Grosseltern, entgegenbringen. In Italien sind die älteren Menschen deutlich besser in die Familien integriert, und sie treffen sich auch untereinander viel häufiger. In jedem Dorf und in jedem Quartier gibt es ein «centro anziani», also einen Betagten-Treffpunkt, wo die Senioren zum Plaudern oder zum Kartenspielen hingehen.

Zwei voneinander unabhängige Studien der Universitäten von Oxford und Bonn haben nachgewiesen, dass die «sozialen Interaktionen» zwischen Jung und Alt und unter den Alten in Italien intensiver sind als etwa in Deutschland oder in der Schweiz. Die bessere familiäre und gesellschaftliche Integration der «anziani» und die damit verbundene höhere Gefahr einer Ansteckung spielt laut den Studien bei der hohen Sterberate in Italien «eine Schlüsselrolle».

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