Corona-Hotspot der USA: New York als «erste Warnung» für den Rest des Landes

In Amerika spitzt sich die Gesundheitskrise weiter zu: Die grösste Volkswirtschaft der Welt mit ihren fast 330 Millionen Bewohnern weist nun in absoluten Zahlen die meisten Infektionsfälle auf. Besonders betroffen sind Ballungsräume.

Renzo Ruf, Washington
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Patienten mit Gesichtsschutz vor einem Spital in New York: Die Millionenstadt ist derzeit der Corona-Hotspot der USA.

Patienten mit Gesichtsschutz vor einem Spital in New York: Die Millionenstadt ist derzeit der Corona-Hotspot der USA.

John Minchillo / AP

Die Lage in New York City ist dramatisch. In der grössten Stadt des Landes nimmt die Zahl der offiziell registrierten Corona-Infizierten weiterhin stark zu – auch weil in New York zwischenzeitlich mehr als 138000 Tests durchgeführt wurden, oder gegen einen Fünftel aller Corona-Tests in Amerika. Offiziell sind im Bundesstaat New York bereits 519 Menschen an der Pandemie gestorben, die Mehrheit davon im Grossraum New York City. 

In den Augen von Gouverneur Andrew Cuomo, einem Demokraten, ist sein Bundesstaat aber nicht ausserordentlich. New York stelle vielmehr eine «erste Warnung» für den Rest des Landes dar, darunter vor allem Ballungsräume. Das Beispiel New York City zeige, wie schnell sich das Coronavirus verbreite. Und dass der Höhepunkt der Krise noch lange nicht erreicht sei. Ähnliche Töne schlägt Scott Gottlieb an, der in den ersten zwei Jahren der Regierung von Präsident Donald Trump der Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) vorstand. Gottlieb wies auf dem Kurznachrichtendienst Twitter darauf hin, dass die Fallzahlen in Detroit (Michigan), Miami (Florida), Chicago und Los Angeles.

Höhepunkt der Fasnacht wurde nicht abgesagt

Besonders dramatisch scheint die Lage in New Orleans (Louisiana) zu sein. Vielleicht war es deshalb im Nachhinein keine gute Idee, den Höhepunkt der alljährlichen Fasnacht in der lebenslustigen Stadt am Mississippi nicht abzusagen. Also feierten am 25. Februar – im lokalen Sprachgebrauch wird der Tag vor dem Aschermittwoch «Mardi Gras» oder «Fat Tuesday», Fetter Dienstag, genannt – Hunderttausende von Menschen, auch weil die Feste in New Orleans seit Jahrhunderten stets rauschender ausfallen als im Rest des Landes. Einen Monat später ist die Metropole mit ihren 1,2 Millionen Bewohnern einer der «Hot Spots» in Amerika, mit einer rasch steigenden Zahl von offiziellen Corona-Infizierten und einem überlasteten Gesundheitssystem.

Nun sei man natürlich gescheiter, sagte Stadtpräsidentin LaToya Cantrell diese Woche im Gespräch mit dem Nachrichtensender «CNN». Aber weil die nationalen Gesundheitsexperten darauf verzichtet hätten, Warnsignale an die lokalen Behörden auszusenden, und sie «keine klaren Anweisungen» bekommen habe, sei der «Mardi Gras» wie geplant über die Bühne gegangen, sagte Cantrell, eine Demokratin. 

Die Erklärung der Stadtpräsidentin mag klingen wie eine billige Ausrede, sprechen führende Gesundheitsexperten des CDC (Centers for Disease Control and Prevention) doch seit Monaten über die Gefahren des Coronavirus. Allerdings stimmt es, dass Präsident Donald Trump noch einen Tag vor dem «Mardi Gras» auf dem Kurznachrichtendienst Twitter verkündete: «Das Coronavirus ist in Amerika total unter Kontrolle.»

Ein Pfarrer ignoriert die Anweisungen des Gouverneurs

Andererseits fehlt nun die Zeit für politische Spielchen. Der Verwaltungsbezirk Orleans Parish weist derzeit landesweit die höchste Zahl von Corona-Todesopfern auf, gemessen an den Bevölkerungszahlen. Zwar sind die offiziellen Statistiken mit Vorsicht zu geniessen, auch weil immer noch nicht flächendeckend getestet wird und nicht alle Todesfälle richtig kategorisiert werden können. Aber in den Augen lokaler Gesundheitsexperten ist die Lage im Grossraum New Orleans zweifelsohne düster – auch weil bereits vor dem Coronavirus viele Bewohner im Süden Louisianas krank waren, überdurchschnittlich an Diabetes oder hohem Blutdruck litten und deshalb nun besonders gefährdet sind.

Die hohe Todesrate verdeutliche, wie schlecht es um das Gesundheitssystem bestellt sei, sagte Susan Hassig, die an der School of Public Health & Tropical Medicine an der Tulane University in New Orleans forscht und unterrichtet. Hinzu komme die besondere soziale Dynamik in der Stadt, die eher einer französischen Provinzmetropole gleicht als einer anonymen amerikanischen Grossstadt. «Jeder spricht mit jedem», sagte Hassig, die derzeit eine gefragte Gesprächspartnerin ist, der «New York Times». 

Immerhin: Der Gouverneur von Louisiana, der Demokrat John Bel Edwards, scheint einen direkten Draht zum Weissen Haus zu besitzen. Am Donnerstag sagte Trump in einem Interview mit dem Nachrichtensender «Fox News Channel», Edwards leiste vorzügliche Arbeit. Auch kündigte der Präsident an, dass Washington ein Not-Spital in Louisiana bauen werde, um den überforderten Gesundheitsbehörden zur Seite zu stehen. Edwards wiederum versucht, mit eindringlichen Worten die Bevölkerung aufzurütteln: So zog er diese Woche einen Vergleich zu Italien und wies darauf hin, dass dort zu spät mit ausserordentlichen Massnahmen auf das Virus reagiert worden sei.

In Central, einer kleinen Stadt am Rande der Hauptstadt Baton Rouge, ignoriert der Pfarrer Tony Spell allerdings die Anordnung von John Bel Edwards, auf Grossveranstaltungen zu verzichten. Seine Gottesdienste finden immer noch statt. Spell, der in der Life Tabernacle Church vor bis zu 1000 Menschen predigt, sagte diese Woche: Er fühle sich für die Mitglieder seiner Kirchgemeinde verantwortlich. Er könne sie nicht einfach im Stich lassen.

US-Parlament verabschiedet Milliarden-Paket

Am Freitag hat nun auch das Repräsentantenhaus einem rund 2200 Milliarden Dollar teuren Gesetzespaket zugestimmt, das die amerikanische Konjunktur stützen soll. Der Senat hatte die Vorlage bereits am Mittwoch einstimmig genehmigt. (rr)

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