Comeback der Atomenergie in USA in Frage gestellt

Die Katastrophe in Japan stellt in den USA das Comeback der Atomenergie in Frage. Rufe nach einem Moratorium werden laut.

Thomas Spang
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Präsident Obama. (Bild: ap)

Präsident Obama. (Bild: ap)

washington. US-Präsident Obama gehört seit langem zu den Unterstützern der amerikanischen Atomindustrie, die er als einen Teil einer Antwort auf die Klimakrise sieht. In seinem Haushalt für 2012 hat er 36 Milliarden Dollar an Ausfallbürgschaften für den Neubau von bis zu 20 Atomkraftwerken vorgeschlagen. Zusammen mit den bereits genehmigten 18,5 Milliarden stand die seit dem Unglück von «Three Mile Island» 1979 verpönte Atomenergie vor einem Comeback.

«Auf die Bremse treten»

Nun mehren sich die Stimmen einflussreicher Senatoren und Abgeordneter im Kongress, den Neubau ziviler Nuklearanlagen nicht zu überstürzen. «Ich bin ein starker Unterstützer der Atomenergie, weil sie hier erzeugt wird und sauber ist», meint etwa der unabhängige Senator Joe Lieberman, der zu den ersten in Washington gehörte, die zur Umsicht mahnen. «Aber wir sollten auf die Bremse treten bis wir verstanden haben, was in Japan passiert ist.» Danach müssten die Regeln für den AKW-Bau überdacht werden.

Der führende Demokrat im Energieausschuss des Repräsentantenhauses, Edward Markey, verlangte in einem Brief an Obama ein Moratorium für den AKW-Neubau. «Im Unterschied zu den Katastrophen-Szenarien, die für Öllecks und Hurrikans bestehen, gibt es keine Leitstelle, die unsere Antwort auf einen Notfall koordiniert», schreibt Markey. Das Unglück in Japan zeige, wie «verletzlich Nuklearanlagen sind». Steuergelder sollten nicht für Reaktoren ausgegeben werden, «die nach einem Flugzeugabsturz oder Erdbeben zu einer katastrophalen Kernschmelze führen können.»

Bestehende AKW überprüfen

Andere Abgeordnete verlangen die Überprüfung der bestehenden 104 Kernkraftwerke in den USA, von denen mindestens ein Drittel ähnlich ausgelegt ist wie die von der Katastrophe betroffenen japanischen Anlagen. Einige davon stehen in Erdbeben- und Tsunami-gefährdeten Gebieten an der Westküste. Insgesamt macht Atomstrom 20 Prozent am Energie-Mix der USA aus.

Die für die Aufsicht zuständige «Nuclear Regulatory Commission» (NRC) versicherte, alle Kraftwerke in den USA seien so gebaut, dass sie Naturkatastrophen und Erbeben widerstehen könnten. Die Atomaufsicht legt den Genehmigungen die Annahme des grössten denkbaren Unfalls für eine bestimmte Region zugrunde.

Die Betreiber der US-Atomkraftwerke warnen vor übereilten Konsequenzen. Die Atomanlagen in den USA hätten «eine erstrangige Sicherheitsbilanz und Zuverlässigkeit», sagt Tom Kaufman vom industrienahen «Nuclear Energy Institute». Ereignisse wie in Japan seien extrem unwahrscheinlich. Der Führer der Republikaner im US-Senat, Mitch McConnell warnte vor einer Abkehr von der Kernenergie. «Wir sollten keine Innenpolitik auf Grundlage dessen machen, was in Japan passiert.»

Die Regierung wird lernen

Unabhängige Experten wie Lake Barret meinen, die Nuklear-Industrie durchlebe gerade «einen PR-Albtraum». Statt eines neuen Frühlings erwartete die Branche nun politischer und wirtschaftlicher «Fallout». Das Weisse Haus bemühte sich darum, einen möglichen Kompromiss mit den Republikanern in Energiefragen nicht zu gefährden. «Wir beobachten die Situation», meint Sprecher Clark Stevens. Die Regierung werde daraus lernen, um «Atomenergie sicher und verantwortlich hier in den USA herzustellen.»