Clegg Street in Labour-Hand

Bei der Nachwahl im nordenglischen Oldham droht den Liberaldemokraten eine empfindliche Niederlage – und der Londoner Koalition die nächste Krise.

Sebastian Borger
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london. Früher gab es an dieser Stelle einen Bahnhof der Lokalbahn, später liefen hier wenigstens noch Buslinien zusammen. Demnächst soll die Strassenbahn aus dem nahen Manchester um die Ecke enden. Die heutige Clegg Street in der Industriestadt Oldham hat wenig mehr zu bieten als einen halbleeren Parkplatz. Vielleicht hätten die örtlichen Liberaldemokraten ihren Vorsitzenden Nick Clegg doch in freundlicherer Umgebung einsetzen sollen?

Gericht stürzte Labour-Mann

Den Vizepremier scheint dies nicht zu kümmern. Routiniert zieht Clegg den örtlichen Kandidaten zu sich heran, stellt sich unter das Schild eines Partei-Aktivisten und spricht in die bereitgehaltenen Mikrophone: «Alles deutet auf einen knappen Ausgang hin, aber ich erwarte doch, dass wir gewinnen.» Dann geht er und klopft an die Türen der umliegenden Häuser.

Heute bestimmen die Bürger in Oldham und den umliegenden Dörfern ihren neuen Parlaments-Abgeordneten. 13 Jahre lang hat der Labour-Mann Phil Woolas sie im Unterhaus vertreten, gerade mal 103 Stimmen betrug sein Abstand zum liberaldemokratischen Konkurrenten Elwyn Watkins bei der Wahl im vergangenen Mai. Weil Watkins in Labour-Flugblättern als Sympathisant islamistischer Extremisten angeschwärzt wurde, zog er vor Gericht – und bekam sensationell Recht. Erstmals seit 99 Jahren warfen Richter einen gewählten Mandatsträger aus dem Unterhaus, untersagten Woolas die Wieder-Kandidatur und ordneten eine Neuwahl an.

Allem Zweckoptimismus zum Trotz kommt Watkins' Parteichef Clegg der Urnengang jetzt ungelegen. Mögen die Oldhamer auch empört sein über Woolas und dessen Partei – grösser ist ihre Wut über Steuererhöhungen und Sozialkürzungen der Koalitionsregierung. Und weil die Konservativen von Premier Cameron in diesem Wahlkreis ohnehin keine Chance haben, entlädt sich der Zorn über dem kleineren liberalen Koalitionspartner. Umfragen jedenfalls sagen der Labour-Kandidatin Debbie Abrahams den Sieg voraus, und zwar mit deutlich grösserem Abstand als 103 Stimmen.

Die Liberaldemokraten trudeln

Was dann? Die Mehrheitsverhältnisse im Unterhaus ändern sich nicht. Doch Cleggs Liberaldemokraten können einen weiteren Nasenstüber nicht brauchen. Umfragen sehen die dritte Kraft der britischen Politik nur noch bei elf Prozent, weniger als die Hälfte des Ergebnisses vom Mai. Wirtschaftsminister Cable hat sich als Grossmaul diskreditiert, die meisten der liberalen Staatssekretäre werden öffentlich kaum wahrgenommen. Der Wortbruch beim Thema Studiengebühren hat die Mittelschicht verprellt, Cleggs geplante Verfassungsreformen kommen nicht vom Fleck.

Schon haben die Konservativen inoffiziell die Parole ausgegeben, man müsse Clegg und den Seinen helfen, um die Koalition zu stützen. Premier Cameron hat zwar einen Besuch abgestattet, unüblich bei Nachwahlen, insgesamt aber halten sich die Tories auffallend zurück.