Interview

China-Experte kritisiert Europas «mittelalterliche Methoden» im Kampf gegen Corona – und warnt vor Chinas Einkaufslust

Sebastian Heilmann sagt, Chinas Überwachungsapparat habe sich in der Coronakrise bewährt. Europa könne wichtige Lehren daraus ziehen.

Samuel Schumacher
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Für die Mitarbeiter der Autofabrik Fengshen in Wuhan gilt während der Mittagspause noch immer ein Mindestabstand von zwei Metern.

Für die Mitarbeiter der Autofabrik Fengshen in Wuhan gilt während der Mittagspause noch immer ein Mindestabstand von zwei Metern.

Bild: Getty/24. März 2020

Das Riesenreich hat die Coronakrise fürs Erste überwunden und fährt die Wirtschaft wieder hoch. Die Rivalität mit der einstigen Schutzmacht USA spitze sich zu, sagt der China-Experte.

China behauptet seit Tagen, es gäbe keine neuen Coronaansteckungen im Land: Glauben Sie das?

Sebstian Heilmann

Sebstian Heilmann

Bild: PD

Sebastian Heilmann: Die drakonischen Massnahmen waren offensichtlich erfolgreich. Von inoffizieller Seite höre ich aber, dass es immer noch lokal aufflackernde Infektionsherde gibt. Todesfälle gibt es aber tatsächlich nur noch wenige. Das Virus ist aber nicht tot. Eine neue Epidemie-Welle bleibt ein konkretes Risiko für China.

Firmen nehmen die Arbeit wieder auf, in Peking gibts wieder Stau. Wie hat es China geschafft, die Krise so rasch zu überwinden?

China ist ein autoritäres Regime, das sich unter Stress nicht auf Kompromissfindung und Rechtsstaatlichkeit stützt. Wenn etwas Stabilitätsbedrohendes passiert, kann die Regierung binnen kürzester Zeit eine unwiderstehliche Druckwelle durch das System jagen. Einschränkungsmassnahmen wie das totale Ausgangsverbot müssen gegenüber der Bevölkerung nicht gerechtfertigt werden. Diese Mobilisierungsfähigkeit erweist sich angesichts einer Pandemie als Stärke.

Trotzdem hat Peking anfänglich gezögert und warnende Ärzte aus Wuhan zum Schweigen gebracht. Das Regime schien überfordert.

Die allererste Phase hat Chinas Regierung verschlafen. Sie hat die Warnungen von weit unten im System unterdrückt. Noch im Januar sind Hunderttausende Chinesen ins Ausland gereist. Das hat massgeblich zum Ausbruch der globalen Pandemie beigetragen.

Was kann Europa von Chinas Umgang mit der Krise lernen?

Dass man die Verbreitung des Virus ohne radikale Massnahmen nicht eindämmen kann. China hat die Krise trotz seines relativ schwach aufgestellten Gesundheitssystems erstaunlich gut überstanden. Auch der Rest der Welt wird jetzt eine Vollbremse ziehen und alle zur Verfügung stehenden Notstandsmassnahmen anwenden müssen, um chaotische Entwicklungen abzuwenden.

Peking schickt bereits Ärzte und Hilfsgüter in alle Welt hinaus. Welche Risiken geht Europa ein, wenn es sich von China helfen lässt?

Ich sehe keinerlei Risiken im Akzeptieren von chinesischen Hilfsleistungen. Es ist gut, dass China jetzt einspringt mit seiner Erfahrung, seinen Schutzmaterialien und seinem Personal.

China hat kaum rein humanitäre Absichten.

Die Befürchtung ist natürlich, dass China im krisengeschüttelten Europa auf Einkaufstour geht und seinen Einfluss ausweitet. Es kann jetzt sehr günstig werden, sich in zuvor schwer zugängliche Branchen und Unternehmen einzukaufen. China wird die Ungunst der Stunde auf europäischer Seite konsequent zu nutzen versuchen. Deshalb ist das finanzielle Engagement der europäischen Staaten bei der Rettung ihrer Volkswirtschaften jetzt so wichtig.

Trauen Sie Europa diese wirtschaftliche Selbstheilung zu?

Viele Regierungen Europas sind überaus aktiv. Die EU aber erscheint zurzeit gelähmt – mit Ausnahme der Europäischen Zentralbank, die sehr viel für die Stabilisierung in geschwächten Ländern unternimmt. Die EU und alle dazu fähigen europäischen Staaten werden massive Hilfen für die am schlimmsten betroffenen Länder zur Verfügung stellen müssen, sobald die erste Angstphase dieser Pandemie überstanden ist.

Welche Konsequenzen hat die Coronakrise für Chinas Machthaber Xi Jinping?

Es sieht danach aus, dass Xi Jinpings Autorität durch Corona gestärkt worden ist. Autoritäre Führung findet in China viel Zustimmung – sofern sie konkrete Erfolge vorweisen kann. Vor unseren Augen läuft derzeit eine Art Live-Systemvergleich zwischen China und den USA ab. Amerika, die einstige Schutzmacht, ist ein Totalausfall in der globalen Bekämpfung dieser Pandemie. Alle Chinesen schauen jetzt genau hin, wie sich die USA schlagen...

... und sehen das Land auf eine Katastrophe zuschlittern.

Die Schwächen des amerikanischen Systems werden von der Pandemie brutal offengelegt. Wenn die Pandemie dazu führen sollte, dass das globale Vertrauen in die amerikanische Wirtschaft und den US-Dollar einbricht, dann werden wir nach dieser Epidemie in einer komplett anderen Welt leben – mit einem dezimierten Amerika und einem triumphierenden China.

Wichtige wäre jetzt, dass die beiden Grossmächte zusammenarbeiten. Stattdessen beschuldigen sie sich gegenseitig. Wie gefährlich ist dieser Streit?

Die Pandemie wird die Supermacht-Rivalität weiter befeuern. Die Zusammenarbeit zwischen China und den USA im wirtschaftlichen oder technologischen Bereich wird darunter stark leiden. Letztlich wird China, beschleunigt durch die für die USA und Europa schmerzhafteren Konsequenzen der Pandemie, rascher als erwartet an globalem Einfluss gewinnen.

Auch China wird aber Schaden nehmen. Das Unterfangen «Neue Seidenstrasse», mit dem China neue Märkte erschliessen will, ist bedroht.

China war seit der Finanzkrise 2008 die Wachstumslokomotive der Weltwirtschaft. Es ist fraglich, ob das Land diese Rolle nochmals übernehmen kann. Wir sehen in China jetzt eine Art Aufhol-Wut: Die Wirtschaft soll möglichst schnell wieder auf 100 Prozent hochgefahren werden. Das Problem: Die globale Nachfrage ist weggebrochen. Chinas Staatsbanken werden die Finanzierung für die «Neue Seidenstrasse» voraussichtlich herunterfahren und ihr Kapital verstärkt für Finanzhilfen im Inland einsetzen müssen.

Dazu kommt die Forderung, dass Produkte wie Schutzausrüstung und technologische Geräte in Zukunft wieder in unseren Breitengraden hergestellt werden sollen. Erleben wir gerade das Ende der Produktionsgrossmacht China?

Die Situation, dass etwa elementare Medikamente nicht verfügbar sind, weil ein Wirkstoff aus Asien nicht mehr lieferbar ist, darf es nicht mehr geben. Wir werden als Konsequenz der Pandemie eine erhebliche Verstärkung von staatlichen Eingriffen im Wirtschaftsleben sehen. Einerseits wird es um staatliche Rettungsmassnahmen für viele Unternehmen gehen, andererseits um die Sicherstellung der Versorgung mit kritischen Gütern wie etwa Arzneimitteln.

Zu Reden gibt in Europa auch Chinas Einmischung beim Aufbau der 5G-Infrastruktur. Man hat Angst vor chinesischer Überwachung. Dabei haben diese Überwachungsmassnahmen bei der Eindämmung der Pandemie geholfen.

Viele Mittel des chinesischen Überwachungsapparates sind tatsächlich geeignet für die Epidemiebekämpfung. Man kann beispielsweise via App in Echtzeit warnen, wenn Risiko-Personen die Quarantäneregeln verletzen und in der Nähe auftauchen. China nutzt die Mittel des 21. Jahrhunderts im Kampf gegen Corona, während wir uns vornehmlich auf mittelalterliche Methoden wie physische Isolierung verlassen. Nicht nur das autoritäre China, sondern auch das demokratische Südkorea stützt sich in der Epidemiebekämpfung auf digitale Überwachungstechnologien.

Europa soll ein Überwachungssystem nach chinesischem Vorbild einführen?

Wir dürfen die chinesischen Methoden auf keinen Fall unverändert übernehmen. Die Pandemie bedroht unsere freiheitlichen Gesellschaften bereits durch viele – im Kollektivinteresse notwendige – Einschränkungen. Eine Möglichkeit wäre es, digitale Erfassungsmethoden anzuwenden, aber die Daten möglichst komplett zu anonymisieren. Sie würden dann etwa gewarnt werden, dass eine Risikoperson in ihrem Zugwaggon sitzt. Sie wüssten aber nicht, wer die Risikoperson ist. Das wäre eine mit Freiheitsrechten und Datenschutz für die Zeit des Ausnahmezustands vereinbare Einsatzmöglichkeit.

Technologisch bleibt China top. Und medizinisch? Glauben Sie, die Chinesen werden das Rennen um die Corona-Impfung gewinnen?

Chinesische Virologen haben sehr früh sehr viele Patientendaten sammeln können. Die wichtigsten Entwickler für neue Impfstoffe und Arzneimittel sind aber fast alle im Westen oder in Japan angesiedelt. Kooperationen zwischen diesen internationalen wissenschaftlichen Hochleistungsteams und chinesischen Virologen sind daher unbedingt notwendig und sind auch schon intensiv angelaufen. Anders als in den politischen Beziehungen wird in der Wissenschaft die internationale Zusammenarbeit durch globale Krisen gestärkt – wenn man die Wissenschaftler machen lässt.

Führender China-Experte

Sebastian Heilmann, 55, hat das Mercator Institute for China Studies mitgegründet und ist Professor für Politik und Wirtschaft Chinas an der Uni Trier. Er ist Herausgeber des Buches «Das Politische System der Volksrepublik China». (sas)