Chinas Präsident Xi: Plötzlich der gefeierte Held

Xi Jinping besucht zum ersten Mal das Virus-Epizentrum Wuhan. Dort ruft Chinas Staatschef den Sieg über das Coronavirus aus.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Chinas Präsident Xi Jinping besucht erstmals die am stärksten betroffene Stadt Wuhan.

Chinas Präsident Xi Jinping besucht erstmals die am stärksten betroffene Stadt Wuhan.

Xie Huanchi / AP

Einen halbstündigen Bericht räumte das Staatsfernsehen CCTV1 in den Abendnachrichten für diesen hochsymbolischen Besuch ein: Chinas Staatsoberhaupt Xi Jinping, stets eine blaue Schutzmaske tragend, wagte sich zum ersten Mal nach Virus-Ausbruch in dessen Epizentrum Wuhan. Dort inspizierte er eine Wohnsiedlung, tauschte sich mit Ärzten aus und sprach via Fernsehschalte einem gebrechlichen Coronavirus-Patienten Mut zu. „Die Situation hat sich stabilisiert, das Blatt hat sich gewendet“, sagte der 66-Jährige.

Akribisch wurde das Timing des Besuchs geplant. Schließlich ist Chinas mächtigster Führer seit Mao Tsetung zu Beginn der Gesundheitskrise praktisch von der medialen Bildfläche verschwunden. Statt Präsenz zu zeigen, schickte er seinen Premierminister Li Keqiang nach Wuhan. Im Hintergrund arbeitete die Kommunistische Partei auf Hochtouren an einer Strategie, wie der sich online auf sozialen Medien entladende Frust der Bevölkerung gegen vertuschende Behörden und inkompetente Parteikader nicht gegen die Regierungsspitze wendet.

"Krieg gegen das Virus" scheint gewonnen

Solche Sorgen sind mittlerweile angesichts der Entwicklungen der letzten Wochen passé. Nur mehr 19 Neuansteckungen vermeldeten die Gesundheitsbehörden in einem Land von 1,4 Milliarden Menschen. Davon entfielen 17 Fälle auf die Stadt Wuhan, bei den restlichen zwei handelt es sich aus dem Ausland eingeflogene Coronavirus-Infizierte. Der „Krieg gegen das Virus“, den Xi Jinping einst höchstpersönlich ausgerufen hatte, scheint in der Volksrepublik gewonnen.

Europas Spitzenpolitiker dürften mit Neid auf die chinesische Erfolgsgeschichte schauen. Auch wenn sich viele Massnahmen nicht direkt in heimische Gefilde übertragen lassen, lohnt ein genauerer Blick. Diesen hat Ende Februar bereits ein 13-köpfiges Team der Weltgesundheitsorganisation WHO auf die Situation vor Ort geworfen. Die drastisch zurückgehenden Fälle konnten einige Experten damals kaum glauben: Als die internationalen Forscher am 10. Februar ihren Anflug nach Peking antraten, vermeldete die Volksrepublik noch knapp 2500 neue Infizierte. Zwei Wochen später nach ihrer Abreise waren es nur mehr rund 200 Fälle. Mittlerweile konnte das Virus de facto eingedämmt werden.

„China hat die vielleicht ambitioniertesten, agilsten und aggressivsten Bemühungen zur Krankheitseindämmung in der Geschichte eingeführt“, heißt es in dem WHO-Abschlussbericht. Zum einen hat das Land eine Massenmobilisierung seiner Bevölkerung umgesetzt, die an Zeiten Mao Tsetungs erinnert: In die unter Quarantäne gesetzte Provinz Hubei wurden über 42000 Ärzte und Pflegekräfte aus allen Landesteilen entsandt. Allein in Wuhan haben über 1800 Teams Personen aufgespürt, die Kontakt zu bestätigten Coronavirus-Patienten hatten.

Körpertemperaturmessen vor dem Supermarkt

Gleichzeitig verordnete die Regierung, was Epidemiologen im Englischen „social distancing“ nennen: Öffentliche Veranstaltungen wurden landesweit abgesagt, Kinos geschlossen, Schulferien massiv verlängert. U-Bahn-Züge fahren in Peking mit höherer Frequenz, um mögliche Ansammlungen von Menschenmassen zu vermeiden. Wer einen Supermarkt besucht, muss am Eingang seine Körpertemperatur messen lassen. Vor allem aber zeigte die Bevölkerung eine vorbildliche Disziplin: Fast alle Chinesinnen und Chinesen tragen Masken, sobald sie das Haus verlassen. Viele halten sich nach Möglichkeit in den eigenen vier Wänden auf und verzichten nach wie vor auf persönliche Alltagsvergnügen.

Die Daten aus China über das Virus zeigen zwar den Ernst der Lage, aber geben keinen Anlass zu Panik: Bei rund 80 Prozent aller Infizierten verläuft der Erreger mild, etwa 14 Prozent zeigen schwere und der Rest lebensbedrohliche Symptome. Unter allen über 80-Jährigen, die sich infiziert haben, sind ein Fünftel gestorben.

Nun hat sich jedoch selbst im Epizentrum Wuhan die Lage derart entspannt, dass sämtliche öffentlichen Einrichtungen, die zu temporären Coronavirus-Krankenhäusern umfunktioniert wurden, geschlossen worden sind. Dementsprechend selbstbewusst lässt sich Xi Jinping von seinen Staatsmedien als treibender Motor hinter der Erfolgsgeschichte inszenieren. In einem Artikel der Nachrichtenagentur Xinhua von letzter Woche heißt es, Xi habe „ein reines Herz wie ein Neugeborenes und hält die Bevölkerung stets als erste Priorität“. In einer landesweit übertragenen Videokonferenz an über 170000 Parteimitglieder sagte Chinas Staatsoberhaupt: Seit dem Virusausbruch habe er tägliche Anstrengungen unternommen, um die Epidemie zu stoppen. Kommentare in sozialen Medien, dass die Behörden über Wochen das Virus verheimlicht und verharmlost haben, fallen der Online-Zensur zum Opfer.

Wenn China jetzt beim Kampf gegen das Virus sein politisches System als überlegen bezeichnet, könnte das demokratische Südkorea schon bald die Gegenthese liefern: Dort haben die Gesundheitsbehörden am Dienstag 131 Neuinfektionen vermeldet, am 29. Februar waren es noch über 900.

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