China umwirbt Südamerika mit viel Geld

Der chinesische Ministerpräsident Li Keqjang reist derzeit durch vier lateinamerikanische Staaten und schliesst zahlreiche Investitionsabkommen ab. Herzstück der Investitionen ist das Projekt einer Eisenbahnlinie vom Atlantik zum Pazifik.

Sandra Weiss
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BRASILIA. Im 19. Jahrhundert waren es die Engländer, die Lateinamerika per Schiene vernetzten und den Transport von Nahrungsmitteln und Rohstoffen zu den Exporthäfen am Atlantik ermöglichten. Nun wollen es ihnen die Chinesen gleichtun – auf der Pazifikseite. Derzeit reist Chinas Ministerpräsident Li Keqjang durch vier lateinamerikanische Staaten. China braucht neue Absatzmärkte und langfristigen Zugang zu Rohstoffen, Lateinamerika Infrastruktur.

Bisher trat China vor allem als Kreditgeber auf, der Sprung zum Grossinvestor würde seine Stellung in Lateinamerika weiter stärken. «Brasilien und China spielen eine Schlüsselrolle bei der Schaffung einer neuen Weltordnung», erklärte Li in Brasilia. Dort unterschrieb er Verträge für Projekte in Höhe von 53 Milliarden Dollar. Inwieweit diese verwirklicht werden, ist abzuwarten. In Mexiko scheiterte gerade der Bau eines chinesischen Hochgeschwindigkeitszugs an Korruptionsvorwürfen. Auch der von chinesischen Investoren begonnene Nicaragua-Kanal stösst sich an vielen Widrigkeiten.

Ehrgeiziges Eisenbahnprojekt

Herzstück der chinesischen Investitionen in Südamerika ist eine über 4000 Kilometer lange und rund zehn Milliarden Dollar teure Eisenbahnlinie von der brasilianischen Atlantikküste durch den Amazonas und über die Anden bis an die peruanische Pazifikküste. Über sie sollen Soja, Eisenerz und Zucker transportiert und dann Richtung China verschifft werden. Bisher nehmen sie den teuren Umweg über den Panama-Kanal. Sowohl Peru als auch Brasilien haben Interesse signalisiert: «Es wäre ein guter Exportkorridor», erklärte der brasilianische Staatssekretär, José Alfredo Graca Lima. Ein solcher existiert zwar schon seit 2010 mit der Interoceánica-Strasse, doch die widrigen Klimaverhältnisse, Mautstellen sowie extreme Höhenunterschiede machen sie zu einer Tortur.

Mit ähnlichen Widrigkeiten hätten auch die Ingenieure der Eisenbahnstrecke zu kämpfen. Deren Route auf peruanischer Seite ist noch unklar, in Brasilien soll sie mitten durch den Amazonas-Regenwald führen, was Widerstand der Umweltschützer verursachen dürfte. Bolivien hat protestiert, weil es bei der Streckenführung nicht berücksichtigt werden soll. Ungeklärt ist die Finanzierung. Möglicherweise wird sie aus einem gemeinsamen Fonds Chinas mit der brasilianischen Staatsbank Caixa Economica Federal in Höhe von 50 Milliarden Dollar bezahlt.

Frisches Geld aus Peking

Für das krisengeschüttelte Brasilien kommt die chinesische Finanzspritze gerade recht. Der Teufel könnte jedoch im Detail liegen. In welchem Masse bei der Auftragsvergabe einheimische Baukonzerne zum Zuge kommen, ist unklar. Erfahrungen aus anderen Ländern Lateinamerikas haben gezeigt, dass Chinas Projekte schlüsselfertig kommen und kaum lokale Arbeitskräfte oder lokales Material benötigen. Daran sind in der Vergangenheit gerade in Brasilien, das Investoren strikte Auflagen macht, etliche Projekte gescheitert.

Dennoch buhlen Lateinamerikas Regierungen um frisches Geld aus Peking, denn sinkendes Wachstum und steigende Sozialausgaben lasten schwer auf den Staatshaushalten. Allein in Bergbauprojekte in Peru will Peking 16 Milliarden Dollar investieren – trotz des intern immer heftigeren Widerstands gegen neue Minen. Auch Kolumbiens Präsident Juan Manuel Santos, der gerade mit der Guerilla Friedensverhandlungen führt, braucht wirtschaftliche Investitionen, um nach 50 Jahren Bürgerkrieg das Landesinnere zu entwickeln.

Im amerikanischen «Hinterhof»

Mit geostrategisch derart ausgeklügelten Investitionen entwickelt sich China zu einem «Schlüsselplayer» in Lateinamerika, wie Oliver Stuenkel von der Getúlio-Vargas-Stiftung in São Paulo der BBC sagte. Nachdem über Kredite bereits die linken Bruderländer Kuba, Ecuador, Argentinien und Venezuela an Peking gebunden sind, würden nun auch enge Verbündete Washingtons wie Kolumbien und Peru involviert. Der Handel zwischen Lateinamerika und China ist im letzten Jahrzehnt rasant gewachsen, auf 260 Milliarden Dollar. Im nächsten Jahrzehnt will Peking insgesamt 250 Milliarden in Lateinamerika investieren. Der Einfluss Europas und der USA hingegen hat seit den 1990er-Jahren stetig abgenommen.