China
Mit toten Katzen gegen unliebsame Reporter: Peking lanciert neue Hexenjagd

In China werden ausländische Journalisten verfolgt und mit Drohungen eingedeckt. Doch so schlimm wie unter Mao ist es noch nicht.

Fabian Kretschmer aus Peking
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Gar nicht gern gesehen in China: ausländische Journalisten.

Gar nicht gern gesehen in China: ausländische Journalisten.

Bild: Andy Wong/AP (Peking)

Oh, wie sich die Zeiten für Journalisten in China gewandelt haben! Ein Rückblick: Als 2012 ein Chemiewerk in der Küstenstadt Ningbo explodierte, wurden anreisende Korrespondenten mit Jubelrufen willkommen geheissen.

Denn während die Staatsmedien die Katastrophe unter den Teppich kehrten, gaben die ausländischen Kollegen den Anwohnern eine Stimme. Bei der derzeitigen Flutkatastrophe in Zhengzhou hingegen wurden die westlichen Reporter von einem wütenden, aufgebrachten Mob begrüsst.

Etwa der deutsche Videojournalist Mathias Bölinger, der gemeinsam mit einer Kollegin über die Naturkatastrophe berichtet hat: Die beiden wurden während des Drehs von über einem Dutzend Personen, darunter mutmasslich auch Sicherheitskräfte in Zivil, umzingelt und bedrängt. Bölinger erinnert sich an ein chaotisches Handgemenge, Beschimpfungen und den Versuch, sein Smartphone wegzunehmen.

Auslöser für die Aggressionswelle gegenüber ausländischen Journalisten war ein Video des BBC-Journalisten Robin Brant, der ebenfalls wegen der Jahrhundertflut in Zhengzhou unterwegs war. In einem Beitrag berichtet er über das geflutete U-Bahn-System, in dem zwölf Menschen ums Leben gekommen waren, und kritisiert das Frühwarnsystem der Behörden.

Ein chinesischer Internetnutzer hatte das Video auf sozialen Medien mit einem falsch übersetzten Zitat untertitelt hochgeladen: «Wir wissen nicht, warum die Menschen dem Sterben überlassen wurden.»

Ganz China ist jetzt ein «sensibles» Gebiet

Daraufhin rief die Jugendliga der Kommunistischen Partei eine Hetzjagd auf Robin Brant aus: Die Bewohner sollen die Journalisten in der Stadt aufspüren und den Behörden melden. In den kommenden Tagen wurde praktisch jeder westlich aussehende Journalist im Flutgebiet von aufgebrachten Bürgern bei der Arbeit behindert, bedrängt und gefilmt.

In der Logik von Chinas Nationalisten kommt es einer Diffamierung ihres Heimatlandes gleich, wenn Behördenversagen und gesellschaftliche Übel aufgedeckt werden.

Auch Videojournalist Mathias Bölinger hat das mitgekriegt. «Sofort abschieben!», kommentierte ein User einen seiner Beiträge online. Ein anderer fragt: «Wieso hat ihn niemand getötet?» Ein chinesischer Journalist, Xu Jianhui, gab seinen drei Millionen Followern auf der Online-Plattform Weibo gar einen Leitfaden mit, wie sie ausländischen Reportern begegnen sollten: sofort nach dem Journalistenausweis fragen, mit dem Smartphone filmen, den Sicherheitsbehörden Bescheid geben und Taxifahrer daran hindern, die Journalisten mitzunehmen.

Drangsalierungen gehören für internationale Korrespondenten in China zwar längst zum Alltag. Bislang aber beschränkten sich die Überwachung, Polizeiverhöre und Internierungen vor allem auf «sensible» Gebiete wie die Uiguren-Provinz Xinjiang. Spätestens seit dem Rauswurf fast aller amerikanischen Journalisten im letzten Jahr hat sich die Situation für die Presse noch einmal deutlich verschärft.

Doch auch wenn Staatschef Xi Jinping immer stärker gegen kritische Berichterstattung vorgeht, ist der historische Tiefpunkt längst nicht erreicht: Noch unter Mao Zedong stellten die Roten Garden im Jahr 1967 den Reuters-Journalisten Anthony Grey für 27 Monate unter Hausarrest, töteten seine Hauskatze und verschmierten das Blut auf dem Bett des heute 83-jährigen Briten.

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