CHINA: Guter Bürger, böser Bürger

Der Staat bewertet das moralische und politische Verhalten seiner Bürger im Internet und belohnt und bestraft sie entsprechend. Was nach orwellschem Horror klingt, ist in China vielleicht bald Realität.

Felix Lee, Peking
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Ein Punktesystem soll chinesische Bürger laufend bewerten. (Bild: Nicolas Asfouri/Getty (Peking, 27. Mai 2017))

Ein Punktesystem soll chinesische Bürger laufend bewerten. (Bild: Nicolas Asfouri/Getty (Peking, 27. Mai 2017))

Felix Lee, Peking

Wer bei Ebay einkauft, für den ist es völlig normal, seine Zahlungsmoral hernach bewerten zu lassen. Umgekehrt können Ebay-Käufer Sterne verteilen, wenn der Anbieter das einhält, was er verspricht. Banken prüfen bei der Kreditvergabe sehr genau, ob ihr potenzieller Kunde finanziell ­abgesichert ist. Was aber die chinesische Regierung derzeit vorbereitet, geht einen gewaltigen Schritt weiter.

Sie erwägt, künftig das Nutzerverhalten ihrer Bürger im Inter­net nicht nur genau zu erfassen, sondern es auch begutachten zu lassen. Nutzer, die über das Internet etwa gesunde Babynahrung oder Bücher kommunistischer Staatsführer bestellen, sollen Pluspunkte erhalten, Gleiches gilt für Bestellungen von umweltfreundlichem Papier oder Gemüse aus dem Umland. Wer sich ­hingegen Sexvideos im Netz ­ansieht oder zu viele modische Kleidungsstücke bestellt, muss mit Minuspunkten rechnen. Vor einem Jahr hatte Chinas Regierung die Einführung eines «Social Credit System» angekündigt für alle Belange des gesellschaftlichen Lebens. In der chinesischen Online-Community ist seitdem von «Citizen Scoring» die Rede.

Jobverlust bei schlechter Bewertung

Noch sind es Überlegungen. Doch den Entwürfen zufolge will China das gesamte Verhalten seiner Bürger in den sozialen Netzwerken erfassen und dafür Punkte vergeben. Verkehrsdelikte oder Steuersünden sollen ebenso in die Bewertung mit einfliessen wie soziales und politisches Verhalten. Wer häufig etwa regierungskritische Kommentare verfasst, soll neben der ohnehin drohenden politischen Repression via Citizen Scoring künftig Minuspunkte erhalten, die dann für alle einsehbar sind.

Vorgesehen ist, dass Nutzer mit einer hohen Punktzahl, die diesen Wert auch halten können, vergünstigte Kredite oder Gutscheine für Auslandsreisen erhalten. Wer hingegen konstant niedrig bewertet wird, muss sogar damit rechnen, seinen Job zu verlieren. Über eine Smartphone-App kann sich jeder über den eigenen Punktestand informieren. Nicht nur Behörden, Banken und Einkaufsplattformen sollen Einsicht erhalten, sondern auch Unternehmen und sogar Reiseveranstalter sowie Fluggesellschaften.

Rüpelhaftes Verhalten im Ausland

Ausgangspunkt dieser Überlegungen sind zahlreiche Berichte über das rüpelhafte Verhalten vieler chinesischer Touristen der vergangenen Jahre, insbesondere im Ausland. Seitdem sich immer mehr Chinesen Fernreisen leisten können, häufen sich weltweit die Klagen über ihr Benehmen. Sie drängeln, unterhalten sich sehr laut und schreien in ihre Smartphones. Beim Trinkgeld knausern sie, lassen in Hotels Besteck und Handtücher mitgehen. Obwohl sie als kaufkräftig gelten, haben in Frankreich einige Pensionen bereits die Aufnahme von chinesischen Reisegruppen verweigert. Als die Stewardess einer thailändischen Fluggesellschaft im vergangenen Jahr nicht gleich parierte, wie es der chinesische Fluggast wollte, kippte dieser heisses Wasser über die Flugbegleiterin. Vor drei Jahren hatte die Staatsführung daraufhin ein Gesetz verabschiedet, das schlechtes Benehmen von Touristen im Ausland unter Strafe stellt. Chinesische Reisende, die unangenehm im Ausland auffallen, ­landen seitdem auf schwarzen Listen und erhalten Reiseverbot.

Die nun vorgelegten Pläne von Citizen Scoring gehen aber sehr viel weiter. Die chinesische Führung wirbt für ihr Vorhaben mit der Begründung, dass ebenso ­Firmen bewertet würden und die Ergebnisse für jeden dann öffentlich einsehbar seien. Nach diversen Milchpulver- und Gammel­fleischskandalen begegnen viele Bürger der Lebensmittelindustrie mit Misstrauen.

Bislang ist die Teilnahme freiwillig. Doch den Plänen zufolge könnte es schon 2020 zur Pflicht für jeden chinesischen Staats­bürger werden, sich mit seiner Personalausweisnummer für eines dieser Punktesysteme ­registrieren zu lassen.

«Das ist die Totalüberwachung»

Schon jetzt erproben diverse chinesische Online-Dienste in Pilotprojekten unterschiedliche Bewertungssysteme. Derzeit am weitesten verbreitet ist der Dienst von Sesame Credit, hinter dem Chinas grösster Online- Konzern Alibaba steht. Mit seinen Handelsplattformen Taobao und Tmall hat Alibaba bereits jede Menge Daten von insgesamt nahezu einer halben Milliarde Nutzern gesammelt.

«Wer zehn Stunden am Tag vor dem Rechner sitzt und Videospiele spielt, dürfte nicht gerade sehr agil sein», wird Li Yingyun von Sesame Credit im chinesischen Wirtschaftsmagazin «Caixin» zitiert. Wer hingegen häufig Biogemüse online bestelle, zeige Verantwortung und Gesundheitsbewusstsein.

Tencent, der Betreiber des in China sehr weit verbreiteten Kurznachrichtendienstes Weixin (WeChat), testet ebenfalls ein System, das das Verhalten seiner Nutzer bewertet. Auf Geheiss der chinesischen Führung durchleuchtet Tencent schon jetzt ­immer wieder die Einträge der Nutzer und lässt dann politisch Heikles löschen.

Citizen Scoring jedoch gehe weit über Massnahmen für höflichere Bürger im Ausland und eine bessere Unternehmens­moral hinaus, kritisiert der chinesische Netzaktivist Wang Bo. Werde erst einmal das Verhalten von jedem Bürger im Internet erfasst, sei es zum gläsernen Menschen nicht mehr weit. «Das ist dann die Totalüberwachung.»