China geht weiter voran

Felix Lee, Peking
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Klimaschutz Das hätte vor kurzem noch kaum jemand für möglich gehalten. Ausgerechnet China. Jahrelang blockierte der mit Abstand grösste Luftverschmutzer eine Vereinbarung zum Klimaschutz und liess sich erst auf konkrete Ziele ein, nachdem sich die USA zu weitgehenden Zugeständnissen bereit erklärt hatten. Die Einigung kam im Dezember 2015 noch unter Präsident Barack Obama zustande. Nun will sein Nachfolger Donald Trump, dass die USA dieser Einigung wieder den Rücken kehren.

China dagegen wird ohne Abstriche an seinen Verpflichtungen im Kampf gegen die Erderwärmung festhalten, wie Ministerpräsident Li Keqiang schon am Donnerstag nach einem Treffen mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel in Berlin erklärte – in Vorahnung des Entscheids von Trump. Gemeinsam mit der internationalen Gemeinschaft werde sein Land die Herausforderungen bewältigen und «seinen Teil zu einem grünen und nachhaltigen Wachstum der Weltwirtschaft beisteuern», sagte Li. «China steht zu seiner internationalen Verantwortung.» Beim China-EU-Gipfel in Brüssel ist gestern das gemeinsame Bekenntnis zum Pariser Klimaabkommen bekräftigt worden.

Noch ist China der grösste Luftverschmutzer

Würde sich auch China nicht mehr weiter an das Abkommen gebunden fühlen, stiege die Wahrscheinlichkeit, dass weitere Länder dazu auf Distanz gingen. Bildet China in den Zeiten von Trump nun die neue Speerspitze der Klimaretter? Noch ist die Volksrepublik aber der mit Abstand grösste Emittent von klimaschädlichem CO2. Knapp die Hälfte der weltweiten Kohleverbrennung geht auf die Chinesen zurück. Einer Studie der Netherlands Environmental Assessment Agency zufolge war China 2015 für rund 29 Prozent des weltweiten Kohlendioxidausstosses verantwortlich. Die USA folgten auf Platz zwei mit rund 14 Prozent. Doch China ist längst dabei, seine klimapolitischen Ziele umzusetzen – und diese womöglich zu übertreffen. Um die globale durchschnittliche Erwärmung der Erdatmosphäre auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, im Vergleich mit der Temperatur zur vorindustriellen Zeit, hatte China in Paris zugesagt, seinen CO2-Ausstoss spätestens ab 2030 zu drosseln. Chinas mächtige Entwicklungs- und Reformkommission (NDR) hat aber vor einigen Monaten angedeutet, dass dieser womöglich bereits 2014 seinen Höchststand erreicht hatte – und damit 16 Jahre vor dem in Paris vereinbarten Zeitpunkt.

Um 3,7 Prozent ging Chinas Kohleverbrauch 2015 zurück, um 2,9 Prozent im Jahr 2014. Im vergangenen Jahr lag der Rückgang bei rund 1,5 Prozent. Bis 2013 war der Kohleverbrauch der zweitgrössten Volkswirtschaft über ein Jahrzehnt lang fast durchgehend noch um mehr als fünf Prozent jährlich gestiegen. Diese Entwicklung ist auch deswegen bemerkenswert, weil Chinas Wirtschaft in diesem Zeitraum weiter um rund sieben Prozent im Jahr gewachsen ist. Bislang hiess es: Solange die Wirtschaft kräftig wächst, sei mit einer Drosselung kaum zu rechnen. Es müsse bereits als Erfolg angesehen werden, wenn der CO2-Ausstoss stagniere.

Tatsächlich hat sich in den letzten Jahren in China im Klimaschutz viel getan. Zwar werden die chinesischen Grossstädte auch weiter regelmässig von starkem Smog geplagt. Doch die Schadstoffbelastung geht zurück. Allein 2016 mussten Tausende von Fabriken schliessen 1,3 Millionen Arbeitsplätze fielen in der Kohleindustrie weg, weitere 500000 in der Stahlindustrie.

Grosse Investitionen in die Energiezukunft

Und auch im Bereich der erneuerbaren Energien prescht China vor. Derzeit investiert kein Land so viel in nichtfossile Energieträger. In den vergangenen Jahren sind in China so viele Solar- und Windkraftanlagen errichtet worden wie im Rest der Welt zusammen. Im aktuellen Fünfjahresplan bis 2020 sind weitere Investitionen von umgerechnet rund 430 Milliarden Franken vorgesehen. Für die Windenergie etwa heisst das, dass bis dahin die derzeit installierte Leistung von 151 Gigawatt auf über 205 Gigawatt steigen soll. Beim Solarstrom ist bis 2020 gar eine Verdreifachung vorgesehen. Mehr als 3,5 Millionen Chinesen arbeiten bereits im Bereich erneuerbare Energien, weitere zehn Millionen sollen in den nächsten drei Jahren hinzu kommen.

Chinas Planungssystem gebe eine eindeutige Richtung vor, schreibt Nicholas Stern, britischer Klimaexperte und langjähriger Chefökonom der Weltbank: «Klar, glaubwürdig und konstant.»

Felix Lee, Peking