Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

CHINA: Einsam, aber kaufkräftig

Mit Konsumrabatten wollte der Internetgigant Alibaba ursprünglich die vielen Singles im Land über ihre Einsamkeit hinwegtrösten. Inzwischen hat sich daraus der grösste Verkaufstag der Welt entwickelt.
Felix Lee, Schanghai
Umsatzzahlen in Echtzeit: Am Ende sind es über 26 Milliarden Franken – an nur einem Tag. (Bild: Felix Lee (Schanghai, 11. November 2017))

Umsatzzahlen in Echtzeit: Am Ende sind es über 26 Milliarden Franken – an nur einem Tag. (Bild: Felix Lee (Schanghai, 11. November 2017))

Felix Lee, Schanghai

Li Mei braucht eigentlich gar nicht auf Mitternacht warten. Die 23-Jährige hat ihre Grossbestellung schon vor Tagen aufgegeben. Angesichts der vielen Angebote hat sie ihrem bereits recht vollen Warenkorb auf Tmall in den letzten Stunden noch ein paar Dutzend Artikel mehr hinzugefügt. Die Bestellung läuft automatisch, sobald der Kalender den 11. November anzeigt. Das ist in der speziell auf ihrem Smartphone installierten App so eingestellt.

Trotzdem fiebert sie mit. «Der Countdown gehört doch zum Singles’ Day dazu», sagt sie. Und wenn dann nach Mitternacht bei der Live-Übertragung gezeigt wird, wie viel Umsatz der chinesische Internetgigant Alibaba über seine Handelsplattformen wie Tmall und Taobao in den ersten Stunden gemacht hat, wird auch ihre Bestellung darin enthalten sein. «Das gibt einem das Gefühl, dabei zu sein, wenn ein neuer Rekord gebrochen wird», sagt Li Mei.

Mit einer Riesenparty auf dem Schanghaier Expogelände stimmt der chinesische Internet-riese Alibaba in der Nacht zu Sonnabend auf Chinas wichtigsten Online-Verkaufstag ein. US-Sänger Pharrell Williams gibt sein Debüt im Reich der Mitte. Hollywood-Star Nicole Kidman ist dabei. Sie und viele chinesische Stars treten gemeinsam mit Alibaba-Gründer Jack Ma in einer Fernsehgala auf, die die chinesischen Staatssender landesweit übertragen. Auf einer riesigen Leinwand rast pünktlich ab Mitternacht eine digitale Uhr mit neun Zifferplätzen los, so schnell, dass die letzten vier Zahlen nicht mehr zu erkennen sind. Und der Rekord wird gebrochen.

Shoppen gegen die Einsamkeit

Nach den ersten zwei Stunden hat Chinas Internetgigant Alibaba über seine Handelsplattformen Waren im Wert von umgerechnet mehr als 10 Milliarden Franken umgesetzt. Bis zur Mittagszeit am Samstag liegen die Verkäufe bei 18,24 Milliarden Franken – mehr als am gesamten 11. November 2016. Am Ende sind es 26,56 Milliarden Franken. Den «Tag der Singles» am 11.11. gibt es in China seit über 20 Jahren. Weil das Datum an diesem Tag nur aus Einsen besteht, hatten chinesische Studenten ihn in den späten 1990er-Jahren zu einer Art Anti-Valentinstag erkoren, um etwa mit Single-Partys oder Blind Dates aus der Not eine Tugend zu machen.

Denn Singles gibt es in der Volksrepublik eine Menge. Über 143 Millionen Chinesen gelten als alleinstehend. Sie machen 11 Prozent der chinesischen Gesamtbevölkerung aus. Und das in einem Land, in dem Ehe und Familie einen hohen Stellenwert haben. Vor allem Männer zwischen 30 und 40 haben es schwer, eine Partnerin zu finden – die erst vor zwei Jahren abgeschaffte Ein-Kind-Politik lässt grüssen. Ihre Einführung vor knapp 35 Jahren hat zu einem erheblichen Männerüberschuss geführt: Auf 100 Frauen kommen 117 Männer.

Alibaba-Gründer Jack Ma griff die Idee auf und machte sich Gedanken, wie er aus dem Tag der einsamen Herzen Profit schlagen könnte. Und was kann im modernen China am besten über Einsamkeit hinwegtrösten? Ausgiebiges Shoppen. 2014 gaben die chinesischen Konsumenten erstmals mehr aus, als an den US-Vorbildern Black Friday und Cyber Monday zusammen umgesetzt wird. Händler in den USA läuten an diesen beiden Tagen rund ums Thanksgiving-Wochenende mit Rabatten das Weihnachtsgeschäft ein. In China wird Weihnachten aber gar nicht begangen. Dennoch lag der Wert der verkauften Waren im vergangenen Jahr bereits bei über 15 Milliarden Franken – und damit fast dreimal so hoch wie beim Black Friday und Cyber Monday in den USA. In diesem Jahr werden es am Ende des Tages in China wohl über fünfmal so viel sein.

Jahresvorrat an Gesichtscrème

Der 11. November hat sich denn auch zu einem Tag der Superlative gemausert – zur Freude der Konsumindustrie weltweit. Mehr als 140 000 Marken machen in diesem Jahr allein auf den Alibaba-Plattformen mit. Die chinesische Post rechnet damit, dass in den nächsten Tagen das Personal von Logistikunternehmen auf mehr als drei Millionen Mitarbeiter aufgestockt werden muss, um die wahrscheinlich über eine Milliarde verschickten Pakete zum Kunden zu bringen. Alibaba gibt zu, dass diese hohen Zahlen nicht zuletzt deswegen zu Stande kommen, weil viele Konsumenten ihre Einkäufe bewusst auf den 11. November schieben, um die Rabatte des Singles’ Day mitzunehmen. So auch Li Mei. Sie hat in ihrem Warenkorb unter anderem eine Nintendo Switch stehen, einen Thermomix, jede Menge Kleider, einen Jahresvorrat an Gesichtscrème sowie eine Flugreise nach Amsterdam.

Für besonders grosses Aufsehen sorgte in den sozialen Medien das Angebot eines chinesischen Schnapsherstellers, der für 11111 Yuan (umgerechnet 1650 Franken) den ersten 99 Käufern einen lebenslangen Vorrat seines Baijius verspricht. Wer es unter die Auswahl schafft, darf sich über monatliche Lieferungen von jeweils zwölf Kisten à zwölf Flaschen dieses hochprozentigen Reisschnapses freuen. Und sollten sie in den nächsten fünf Jahren sterben, werde das Lieferrecht automatisch an ein Familienmitglied übertragen. Single muss der Käufer also nicht sein.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.