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Gucci und Prada unter Hammer und Sichel: China wird 70

Vor 70 Jahren rief Mao die Volksrepublik China aus. Das Land hat einen beachtlichen Wandel hingelegt. Doch wie lange geht das noch gut?
Felix Lee
Schon im Vorfeld des 1. Oktober feiern die Chinesen den runden Geburtstag ihres Landes. (Bild: AFP, Hangzhou, 15. September 2019)

Schon im Vorfeld des 1. Oktober feiern die Chinesen den runden Geburtstag ihres Landes. (Bild: AFP, Hangzhou, 15. September 2019)

In der Grossen Halle des Volkes sieht es so aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Hinter der Tribüne prangt das Staatswappen der Volksrepublik. Ein prächtiger roter Stern dient als Lichtquelle. Alles ist so choreografiert wie zu Zeiten Mao Tse-tungs. Doch der ist seit 43 Jahren tot. Die Volksrepublik China gibt es länger mit Kapitalismus als ohne. Trotzdem wird jedes Jahr im Frühjahr, wenn der Nationale Volkskongresses zusammentritt, an den kommunistischen Ritualen festgehalten, als würde es das moderne China mit den glitzernden Wolkenkratzern und der Luxus-Mall ein paar hundert Meter weiter nicht geben.

Doch genau das ist es, was die kommunistische Führung ihren Bürgern vermitteln will, wenn sie am 1. Oktober den 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik mit Rede des Staatschefs Xi Jinping und grosser Militärparade begeht: Stabilität und der alleinige Machtanspruch. Die Botschaft: Ohne die Kommunistische Partei gäbe es kein neues China.

Politisch starr, wirtschaftlich wandlungsfähig – das ist es, was China heute auszeichnet. Das war nicht immer so. Als 1949 Mao an die Macht kam, wollte er nichts Geringeres als den wahren Kommunismus auf Erden. Was die Chinesen in der Folge mit dem «Grossen Sprung nach vorn» und der Kulturrevolution erleben sollten, waren ideologisch aufgeladene Kampagnen der grausamsten Art. Die Bilanz von Maos fast 30-jährigen Diktatur: mindestens 38 Millionen Tote und ein völlig traumatisiertes Volk.

Freie Märkte in einem unfreien politischen System

Erst mit dem Tod Maos endeten diese schrecklichen Experimente. Sein Nachfolger Deng Xiaoping öffnete das Land und liess freie Märkte zu. «Ausprobieren», lautete sein Motto. Was sich bewährte, sollte fortgesetzt werden. Ging etwas schief, wurde es verworfen. Mit ideologischen Scheuklappen räumte er auf. An der KP-Herrschaft hielt aber auch er fest.

Mit dieser Politik setzte Deng den grössten Wohlstandsgewinn der Menschheitsgeschichte in Gang. Lebten zu Beginn seiner Reformpolitik 90 Prozent der Chinesen unter der Armutsgrenze, ist absolute Armut heute in der Volksrepublik passé. China entwickelte sich zur grössten Handelsmacht und zur zweitstärksten Volkswirtschaft der Welt. Deng war der Architekt eines Systems, in dem freie Märkte erfolgreich in einem politisch unfreien Rahmen funktionieren. Gucci und Prada unter Hammer und Sichel.

Diese Politik hat China weit gebracht. Ein Problem aber ist die völlige Entideologisierung. Unter Deng wurde der Kommunismus beliebig. Keiner wusste mehr, was er in China eigentlich bedeutete. Mit 90 Millionen Mitgliedern ist die Kommunistische Partei zwar so gross wie nie. Doch die meisten treten heute aus Karrieregründen bei. Nur wer Mitglied ist, hat Chancen auf einen Aufstieg, in einer Behörde oder einem Staatsunternehmen. Der kommunistische Gedanke an sich spielt keine Rolle mehr.

Was bleibt, ist der Nationalismus. Den setzt die Führung zuweilen ein. Wenn sie den Erwartungen nicht gerecht wird, setzt er sie allerdings auch unter Druck. Das zeigt sich am Handelsstreit mit den USA. Um einen zu grossen wirtschaftlichen Schaden für das Land abzuwenden, ist die chinesische Führung an einer Lösung mit Washington interessiert. Macht sie allerdings zu grosse Zugeständnisse, könnte ihr das im eigenen Land als Schwäche ausgelegt werden. Auch gesellschaftlich wird es für die Führung schwieriger. Die wachsende Mittelschicht fordert eine nachhaltigere und sozialere Entwicklung. Die Menschen sind immer besser ausgebildet und wollen mitreden.

China wird sich neu erfinden müssen

Vor allem aber ökonomisch steht das Land vor grossen Herausforderungen. Für eine Volkswirtschaft ist es viel leichter, von einem unterentwickelten Land zu einem Schwellenland aufzusteigen. Die Regierung muss nur für die entsprechende Infrastruktur sorgen. Arbeitskräfte zu Niedriglöhnen gab es in China lange Zeit zuhauf. Sehr viel schwieriger ist es für ein Land, zu den westlichen Industriestaaten aufzuschliessen. Denn das erfordert Hightech-Jobs und jede Menge Investitionen in Bildung und Forschung. Mit dem industriepolitischen Programm «Made in China 2025» peilt Chinas Führung genau das an. Doch ob das ausreicht?

Ein Drittel der chinesischen Bevölkerung lebt nach wie vor von wenig mehr als dem Anbau auf den ihnen zugeteilten Parzellen. Die Kalkulation der Führung: Sollen alle Chinesen am Wohlstand teilhaben, kann sich das Land nur eine Landbevölkerung von unter zehn Prozent leisten. Für alle anderen Bürger müssen Jobs im Dienstleistungssektor oder der Industrie geschaffen werden. Momentan holt der Staat jährlich zwischen 10 und 20 Millionen Menschen vom Land in die Städte und versorgt sie mit Wohnungen und Arbeitsplätzen. Das schafft Wachstum.

Irgendwann im Laufe des nächsten Jahrzehnts wird diese Entwicklung aber zu Ende gehen. Spätestens dann wird sich Chinas Führung wieder neu erfinden müssen.

Maos Mütze als Mode-Accessoire

Kopfbedeckung «Mütze grün, mit rotem Stern». Oder: «Nur die besten Mützen, echt getragen von Rotgardisten» – mit diesen Slogans bewirbt Taobao, Chinas grösster Onlineshop, die Mao-Mütze. Abgebildet ist sie in allen erdenklichen Varianten: klassisch in Grün, Blau, Grau und Schwarz, aber auch modisch zweifarbig oder bunt. Aber auf keiner fehlt der rote Stern.

Dass die Mao-Mütze wieder vermehrt in Peking zu sehen ist, hat auch mit dem 1. Oktober zu tun, dem Nationalfeiertag, den die chinesische Führung anlässlich des 70. Geburtstags der Gründung der Volksrepublik besonders feierlich begehen will. Reliquien finden zu solchen Anlässen in China regelmässig Abnehmer. Doch nicht nur das: Die Mao-Mütze ist auch als Mode-Accessoire wieder angesagt.

Die nach Mao benannte Mütze ist um einiges älter als die Volksrepublik China. Es handelt sich um eine klassische Schieber- und Ballonmütze, wie sie seit dem Zeitalter der Industrialisierung von der Arbeiterklasse getragen wurde. Sie war Teil der typischen Arbeiterkleidung. Was sie so praktisch machte: Selbst lange Haare liessen sich praktisch verstauen, damit sie etwa bei der Arbeit nicht ins Räderwerk von Maschinen gerieten. Dort, wo kommunistische Parteien an die Macht kamen, wurde die Arbeitermütze geadelt, so ab 1949 mit Maos Machtergreifung auch in China. Mao selbst soll sie aber gar nicht oft getragen haben.

Wozu auch. Schliesslich hatte er schon in frühen Jahren nur noch lichtes Haar, viel zu schützen gab es nicht. Ein anderes Gerücht klingt aber plausibler. Mao soll sich nicht gern gewaschen haben. Und jedes zusätzliche Kleidungsstück hätte seinen Körpergeruch nur verstärkt. (lee)

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