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Busreise ins Unbekannte

Tausende von Flüchtlingen und Migranten haben das wilde Lager in Calais in Bussen verlassen. Fürs Erste werden sie auf das ganze Land verteilt. Und dann?
Stefan Brändle/Paris

Endlich bewegte sich einmal etwas im «Dschungel», wie das Lager genannt wird. Viele der Sudanesen und Eritreer, Afghanen und Iraker wirkten fast erleichtert, als sie ihre Zelte und Baracken gestern Morgen zum letzten Mal verliessen, um sich auf eine Busreise ins Unbekannte zu begeben. In einer Warteschlange erklärte ein Afghane, nach sechs Monaten in dem Elendscamp sei er bereit, «überallhin zu gehen». Ein Afrikaner meinte, er sei «zufrieden mit Frankreich und sehr unzufrieden mit England».

Die schätzungsweise noch 8000 Flüchtlinge und Migranten wollten ursprünglich vom Sanddünen-Slum aus nach England übersetzen, wo sie sich sprachlich, familiär und für die Arbeitssuche besser gewappnet wähnten. In letzter Zeit war es aber immer schwieriger geworden, als blinder Passagier über den Ärmelkanal zu gelangen. Wegen der unwürdigen Bedingungen im Camp – und des einsetzenden Präsidentschaftswahlkampfes – hatte Präsident François Hollande schon vor einem Monat die Räumung des Lagers angekündigt. Seither zogen Asylbeamte durch das Lager und forderten die Leute auf, in Frankreich um Asyl zu ersuchen.

Cognac nimmt fünf Familien auf

Diese Vorarbeit zahlte sich gestern aus: Die Migranten widersetzten sich der Räumung nicht und ordneten sich in teils langen Warteschlangen in vier Gruppen von Männern, Frauen, Familien und «fragilen» Personen. In einem Hangar mussten die Männer per Frankreich-Karte zwei Wunschregionen auswählen und ihre Personalien angeben. Deren 3000 fuhren darauf in einem der 60 Busse in alle Richtungen Frankreichs davon. Bis am Mittwoch sollen 7500 Flüchtlinge abtransportiert werden.

Ziel sind die 280 Auffangzentren (CAO), die Innenminister Bernard Cazeneuve seit Wochen im ganzen Land hat einrichten lassen. Die Gemeinde Cognac beispielsweise nimmt fünf Familien auf; das Pyrenäendorf Lagrasse, das 600 Einwohner zählt und schon Vietnamesen und Kosovaren Asyl geboten hatte, empfängt 52 Männer aus Calais. In Saint-Brevin am Atlantik kam es hingegen in der Nacht auf gestern zu einem Brandanschlag auf ein noch leeres CAO. In La Tour-d'Aigues in der Provence demonstrierte die Front-National-Abgeordnete Marion Maréchal-Le Pen am Sonntag gegen die Aufnahme von Migranten; eine Gegenkundgebung hiess die Flüchtlinge willkommen.

Im Kleinen erinnerte dies fast an die Flüchtlingsaufnahme in Deutschland. Neben den Calais-Flüchtlingen nimmt das Land in diesem Jahr 80 000 Asylbewerber auf. Frankreichs Intellektuelle, die sich sonst zu allem äussern, sind bei diesem Thema erstaunlich schweigsam. Dabei ist es wenige Monate vor den Präsidentschaftswahlen ein erstrangiges Politikum. Innenminister Cazeneuve lobte die «Asyltradition» des Landes, und auch der Polizeipräfekt Nordfrankreichs, Fabienne Buccio, stand die Erleichterung über die friedlich angelaufene Räumung ins Gesicht geschrieben. Die konservative Ex-Ministerin Nadine Morano warf der Linksregierung jedoch vor, sie verwandle «Migranten mit Ziel England in illegale Immigranten für ganz Frankreich».

Viele dürften an den Kanal zurückkehren

Die Behörden wollen in den 280 Aufnahmezentren binnen drei Monaten alle Fälle prüfen und je nachdem Asylverfahren einleiten. Wer in einem anderen Land erstmals EU-Boden betreten hat, soll dorthin zurückgeschafft werden. Das dürfte für rund drei Viertel der Migranten aus Calais gelten. Wenn sie merken, dass ihnen die Ausweisung aus Frankreich droht, dürften sie sich, wie die Erfahrung in anderen Auffangzentren zeigt, wieder auf den Weg an den Ärmelkanal machen.

Der Vorsteher des lokalen Hilfswerks «L'Auberge des Migrants», Christian Salomé, erwartet, dass die meisten Abgereisten eines Tages nach Calais zurückkommen würden. Deren 2000 wollten das Lager gar nicht erst verlassen, sagte er. Wenn das Medieninteresse einmal eingeschlafen sei, werde die Polizei eine eigentliche «Jagd» auf sie veranstalten, um die Errichtung neuer Lager zu verhindern, meint Salomé.

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