Bundestagswahlen
Unterwegs in der AfD-Hochburg: Der Grüne Nino Haustein und seine Feinde von Rechts

Im tiefen Osten Deutschlands will sich Nino Haustein in den Bundestag wählen lassen. Der Grüne ist so etwas wie der Hauptfeind der Rechtspopulisten.

Christoph Reichmuth, Freital
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Schwatz mit SPD-Kandidat Fabian Funke (vorne): Nino Haustein und - im Hintergrund - Parteikollegin Lydia Engelmann beim Wahlkampf in Freital.

Schwatz mit SPD-Kandidat Fabian Funke (vorne): Nino Haustein und - im Hintergrund - Parteikollegin Lydia Engelmann beim Wahlkampf in Freital.

crb/11.09.2021

Samstag kurz vor 10 Uhr, Freital, Sachsen. Nur noch wenige Tage bis zu den Wahlen. Ein Ort mit zweifelhaftem Ruf. Hier gab es 2015 hässliche Proteste von Rechtsextremisten gegen die Unterbringung von Flüchtlingen. Hier entstand die selbsternannte rechtsextreme Bürgerwehr «Gruppe Freital», die Sprengstoffanschläge auf Asylunterkünfte verübte. Hier, in der Region, holt die im Visier des Verfassungsschutz stehende Alternative für Deutschland (AfD) Traumwerte bei Wahlen. Im gesamten Bundesland waren es 2019 über 27 Prozent. Es gibt Landkreise, da holte die AfD sogar 48 Prozent der Stimmen.

Von den Menschen hier will sich Nino Haustein, 31-jähriger Oberstufen- und Gymnasiallehrer, am 26 September in den Bundestag wählen lassen. Haustein und seine Parteikollegin Lydia Engelmann haben auf dem Marktplatz der 40'000 Einwohner zählenden Stadt - unweit von Dresden gelegen - ihren Wahlkampf-Stand aufgestellt. Just daneben die SPD, die CDU und die Freien Wähler. Es gibt für die Wählerinnen und Wähler Bonbons, Kuchen und Fahrrad-Reparatur-Kits mit dem grünen Logo drauf, natürlich auch grüne Wahl-Prospekte. Gleich hinter den Ständen der Parteien gibts Sächsischen Honig, Gulasch und allerlei Krimskrams auf dem eher spärlich besuchten Samstagsmarkt.

Für ein Tempolimit, Gendern und Vegi-Schnitzel

Nino Haustein ist so etwas wie der Todfeind der Rechtsaussen. Er steht mit seiner Partei für Tempolimit, für das Aus des Verbrennungsmotors, für Gender-Sprache und Vegi-Schnitzel. Im August wurde Haustein von Unbekannten angegriffen, als er mit einem Parteikollegen nachts in Pirna grüne Wahlplakate aufgehängt hatte. Zwei Angreifer, eine politisch motivierte Attacke. Haustein sagt:

«Das macht einem schon Angst.»

Inzwischen ermittelt der Staatsschutz gegen Unbekannt. Haustein weiss, dass seine Partei hier und in seinem Wahlkreis in der Sächsischen Schweiz einen schweren Stand hat. «Oft höre ich den Vorwurf, wir seien doch die Verbotspartei und deshalb könne man uns nicht wählen». Immerhin, die Grünen dürften sich bei den Wahlen auch im konservativen Sachsen steigern.

In Umfragen liegt die Ökopartei in Sachsen momentan bei etwa 10 Prozent - das ist eine Verdoppelung zu den Prozenten, die die Grünen bei den Bundestagswahlen 2017 in der Region geholt haben. Hausteins Chancen auf Einzug ins Parlament sind gering. Wichtig sei in erster Linie, dass die Grünen Teil der nächsten Bundesregierung würden, sagt er.

«Ohne starke Grüne können wir die Klimaziele nicht erreichen».

«Ich wähl die AfD»

Die meisten Marktbesucher ziehen an den Politständen eher uninteressiert vorbei. Der eine oder die andere interessiert sich höchstens für Kugelschreiber, Reparatur-Kits und Bonbons, selbst, wenn da Parteilogos von CDU, SPD oder Grünen drauf sind. Auch der freundliche 67-jährige Freitaler hat es mehr auf das Reparatur-Kit als auf den Werbeprospekt der Grünen abgesehen. Haustein verwickelt ihn in ein kurzes Gespräch. «Ich sag mal ehrlich: Ich wähl die AfD», sagt der Mann, ein pensionierter Kohlearbeiter, viele Jahre unter Tage am Schuften. «Ich finde, die Moslems sollen raus aus Deutschland. Was machen die denn hier?»

Nun entwickelt sich ein kurzes Gespräch, Haustein und Parteikollegin Engelmann erzählen von muslimischen Freundinnen und Freunden, die sich für die Gesellschaft täglich engagierten. Der Mann bleibt freundlich, lässt sich aber nicht umstimmen. Unweit von Hausteins Stand verkauft ein Mann um die 50 Gulasch an die Marktbesucher. Er schimpft spürbar emotional gegen die Ökopartei:

«Die Grünen sind eine Verbotspartei. Die wollen uns das Auto wegnehmen und vorschreiben, wie wir zu leben haben.»

Mit grimmigem Blick in Richtung des Grünen Wahlstandes fügt er hinzu. «Wir können das Klima nicht auf dem Rücken der Menschen retten.»

Nicht alle Sachsen sind, freilich, konservativ und Grünen feindlich eingestellt. In persönlichen Begegnungen mit den Menschen will Haustein das Image seiner Partei bei jenen korrigieren, die in den Grünen die böse Verbotspartei sehen, die nur Klimaschutz zum Thema hat. «Wir wollen uns breiter präsentieren», sagt Haustein. Noch immer seien die Kaufkraft in Sachsen gering, die Löhne tief, die Infrastruktur ausbaufähig. Ein bisschen wollen die Grünen hier auch Kümmerer-Partei sein, sagt Haustein:

«Viele fühlen sich abgehängt.»

Haustein lässt sich von den Anfeindungen der Rechten nicht unterkriegen. Er kämpft weiter für seine Ideale. Auch wenn die Chance, dass Nino Haustein in den Bundestag gewählt wird, äusserst gering ist. Nichtsdestotrotz will er im Wahlkampf-Endspurt noch einmal seine ganze Energie für seine Partei aufwenden. «Das neue Parlament braucht starke Grüne».

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