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Brutale Hexenjagd im Pazifik

Der Glaube an schwarze Magie ist in Melanesien weit verbreitet. Insbesondere in Papua-Neuguinea, wo sich ganze Stämme bekriegen und vermeintliche Hexen immer skrupelloser verfolgt werden.
Elio Stamm/Honiara
Vorchristliche Traditionen und Glaube an Magie: Eine als Skelett bemalte Frau raucht bei einem Ritual in Papua-Neuguinea. (Bild: getty/Eric Lafforgue)

Vorchristliche Traditionen und Glaube an Magie: Eine als Skelett bemalte Frau raucht bei einem Ritual in Papua-Neuguinea. (Bild: getty/Eric Lafforgue)

«Das Opfer wurde mit glühenden Eisenstangen am ganzen Körper traktiert, inklusive Genitalien. Das linke Ohr der Frau wurde abgeschnitten und sie blutete stark.» Diese Beschreibung entstammt nicht einer mittelalterlichen Quelle, sondern einem Artikel, der kürzlich im «Post-Courier», der grössten Tageszeitung Papua-Neuguineas, erschien. In nüchternem Nachrichten-Englisch beschrieb die Zeitung, was einer Frau in der zweitgrössten Stadt des Landes widerfahren war. Eine Gruppe junger Männer griff die angeblich für den Tod eines Kindes verantwortliche Frau bei einer Bushaltestelle auf, entkleidete sie und quälte sie einen ganzen Morgen lang in aller Öffentlichkeit. Sie überlebte schwer verletzt, weil die Polizei einschritt, kurz bevor man sie verbrennen wollte.

Die verschiedenen Arten der Magie

Der Artikel schockiert westliche Augen nicht nur anhand der grausamen Details der Folterung, sondern auch in der Art, wie er diese begründet. Augenzeugen, die suggerieren, es handle sich tatsächlich um eine Hexe, kommen ausführlich zu Wort. So heisst es: «Das Opfer schien trotz schwerer Verbrennungen keine Schmerzen zu spüren, nicht einmal als die glühenden Eisenstangen in ihr Fleisch getrieben wurden.»

Der Glaube an Magie gehört in den nur wenig entwickelten melanesischen Staaten im Südpazifik zum Weltbild. Es gibt Magie, die hilft, sich zu verlieben; Magie, welche Tiere besser gedeihen lässt. Aber auch schwarze Magie existiert, die anderen schadet. Wenn Menschen einen Unfall haben oder unerwartet sterben, dann wird oft nicht nach einer naturwissenschaftlichen Begründung gesucht. Die Angehörigen fragen sich: «Wer war dafür verantwortlich?». Eine Faustregel dafür, was mit einer der Hexerei verdächtigen Person geschieht, gibt es nicht.

Dazu sind die «Glaubensrichtungen» im heterogenen melanesischen Raum viel zu unterschiedlich. Gemeinsam aber haben die Fälle, dass der durch Hexerei angerichtete Schaden kompensiert werden muss. Mit Geld, Verbannung oder im Extremfall gar mit dem Tod. Nur so lässt sich der Friede zwischen Clans, die in Melanesien mehr zählen als das Individuum, wieder herstellen.

Öffentliche Lynchjustiz

Wie viele Menschen bei der Hexenjagd zu Schaden kommen, ist nicht festzumachen. Aus Vanuatu, Fidschi und den Salomonen sind nur einzelne Todesfälle bekannt. In Papua-Neuguinea, dem mit Abstand grössten Land Melanesiens, zählt man jährlich bis zu 50 tödliche Übergriffe. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch um einiges höher liegen, gelangen die meisten Fälle doch meist nie an die Öffentlichkeit. Sorgen macht den Behörden die neue «Qualität» der Übergriffe. Wie die Parlamentarierin Dame Carol Kidu kürzlich in einem Interview im australischen Radio sagte, seien «Hexen» traditionellerweise von einer kleinen Gruppe von vielleicht zwei, drei Leuten im Schutz der Nacht umgebracht worden. «Heute aber werden die Opfer im Rahmen eines öffentlichen Spektakels gelyncht, vor den Augen von Kindern.»

Hexerei als Kriegsgrund

Philip Gibbs ist ein Missionar, der schon seit langer Zeit in Papua-Neuguinea lebt, und viele Arbeiten zur Hexerei publiziert hat. Gemäss Gibbs sind es meist sozial benachteiligte Frauen, welche der Hexerei verdächtigt werden wie Witwen ohne Söhne etwa. Wer am Rand der Gesellschaft lebe, der gelte als anders, sei damit verdächtig und könne zudem keine Vergeltung üben. Ihre «Opfer» hingegen sind Männer, und zwar eher mächtige als bedeutungslose, so der Glauben.

Nicht nur Individuen leiden unter dem Glauben an Magie. Im mit dichtem Dschungel überwachsenen Hochland von Papua-Neuguinea sind Hexerei-Vorwürfe gar der Hauptgrund für bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen ganzen Stämmen. Der Schweizer Anthropologe Tobias Schwörer von der Universität Luzern hat für seine Doktorarbeit einige Monate im östlichen Hochland verbracht. Seine Untersuchung kam zu einem erschreckenden Resultat: 22 der 37 bewaffneten Konflikte der Stämme Fore, Auyana and Tairora zwischen 1975 und 2007, bei denen über 60 Menschen ums Leben kamen, wurden durch den Glauben an Hexerei verursacht. Ein UNO-Bericht aus dem Jahr 2010 bestätigt Schwörers Analyse.

Die Polizei steht oft abseits

Zudem sind die Kämpfe im Vergleich zu früher brutaler geworden: Schusswaffen haben Pfeil und Bogen ersetzt und die Zahl der Opfer ansteigen lassen. Erst Anfang November sind bei Stammeskämpfen im südlichen Hochland durch die Explosion einer Handgranate 14 Menschen getötet worden. Die involvierten Clans sind oft derart stark bewaffnet, dass die Polizei sich nicht mehr einzuschreiten getraut. Der katholische Bischof von Kundiawa schätzt, dass in Chimbu, der mittleren der vier Hochland-Provinzen, bis zu 15 Prozent der Bevölkerung Hexerei-Flüchtlinge sind. Menschen, die bei Kämpfen vertrieben wurden, oder aus Angst, verhext zu werden, ihr Dorf verlassen haben.

Wirkungslose Todesstrafe

Während die Stammeskämpfe nur selten den Weg in die internationalen Medien finden, haben Verbrennungen und Enthauptungen von Frauen zuletzt weltweit für Schlagzeilen gesorgt und die Regierung von Papua-Neuguinea unter Druck gesetzt. Diese hat mit populistischen Massnahmen reagiert. Sie hat ein Gesetz von 1971 abgeschafft, das Hexerei indirekt anerkannte. Zudem hat die Regierung die Todesstrafe eingeführt. Experten bezweifeln allerdings, dass dies der richtige Weg ist. Selbst die härtesten Strafen können nicht abschreckend wirken, wenn der Arm des Staates nicht bis in die Dörfer reicht. Viel nötiger sind Veränderungen in der Gesellschaft. Darüber waren sich die Melanesien-Experten einig, die sich kürzlich im australischen Canberra zu einer Hexerei-Konferenz trafen. Solange sich junge, alkoholisierte Männer ohne Perspektive durch die Jagd auf «Hexen» Anerkennung erhoffen, ist dem Phänomen schwer beizukommen.

Die Konferenz plädierte für die Stärkung kirchlicher Organisationen und traditioneller Machtstrukturen. So versucht die katholische Kirche den Menschen medizinisches Wissen über Krankheiten und Todesursachen zu vermitteln. Und sie schickt Mitarbeiter an Beerdigungen, um die trauernden Familienmitglieder abzulenken, wenn sie beginnen, einen Schuldigen zu suchen. «Ich musste auch schon einmal die Schuld auf den Toten schieben», sagt Missionar Gibbs. «Das ist besser als noch einen weiteren Toten zu beklagen.»

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