Brüssel trauert – Europa zeigt Herz

Am Tag nach den Anschlägen laufen die Ermittlungen auf Hochtouren. Mittlerweile ist klar: Es gibt einen Zusammenhang zwischen den Anschlägen von Paris und Brüssel. Zudem sind drei Attentäter identifiziert.

Peter Riesbeck/Brüssel
Drucken
Teilen
«Gegen den Hass»: Grosse Solidarität mit den Opfern der Anschläge im Zentrum von Brüssel. (Bilder: ap/Martin Meissner)

«Gegen den Hass»: Grosse Solidarität mit den Opfern der Anschläge im Zentrum von Brüssel. (Bilder: ap/Martin Meissner)

Am Tag danach hat sich am frühen Morgen nieselndes Grau über Brüssel gelegt. Doch der Regen kann die Trauer nicht wegwischen, die auf vielen Gesichtern im Zentrum von Brüssel zu sehen ist. Frieden steht dort etwa in verschiedenen Sprachen. Und: «Bruxelles dans le coeur» – «Brüssel im Herzen». Zwischen den wuchtigen Säulen der alten Börse ist eine belgische Fahne aufgereiht und ein Transparent mit der Aufschrift: «Gegen den Hass.»

Um 12 Uhr steht in Brüssel alles still. Die Stadt gedenkt der Opfer. Unten vor der Börse. Aber auch ein paar Kilometer weiter im Gebäude der EU-Kommission. Der belgische König Philippe und seine Frau Mathilde sind gekommen, der belgische Premierminister Charles Michel. Und Frankreichs Regierungschef Manuel Valls. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker kämpft mit den Tränen. Seine Stellvertreterin Kristalina Georgieva hält ein kleines Schild: ein gelbes Herz auf schwarzem und roten Grund. Brüssel trauert und Europa zeigt Herz.

Als Kriminelle bekannt

Derweil stellt Chefermittler Frédéric de Leeuw erste Ergebnisse vor. Bei zwei Attentätern handelt es sich um die beiden belgischen Brüder Ibrahim und Khalid el Bakraoui. Beide sind den Ermittlern als Kriminelle bekannt. Ibrahim el Bakraoui war 2010 nach einem brutalen Überfall auf eine Bank zu zehn Jahren Haft verurteilt worden. Der Fall hatte damals landesweit Aufsehen erregt, auch weil er bei seiner Festnahme wild um sich schoss. Sein Bruder, der 27jährige Khalid el Bakraoui, hatte vor den Anschlägen im vergangenen November in Charleroi eine Wohnung für die Attentäter angemietet. Ebenso wie das Appartement in Forst, das die Ermittler vor einer Woche stürmten. Salah Abdeslam, der einzige überlebende Attentäter von Paris, konnte damals noch fliehen. Aber zwei Dinge scheinen für die Ermittler nun klar. Erstens: Es gibt Überlappungen mit dem Brüsseler Gangstermilieu. Und: Es gibt eine Verbindung zwischen den Anschlägen von Paris und Brüssel.

Taxifahrer gibt entscheidenden Tip

Chefermittler De Leeuw spricht unaufgeregt, mit klarer Stimme. Und erklärt: Ibrahim el Bakraoui habe sich am Flughafen in die Luft gesprengt, sein Bruder Khalid in der Metrostation Maelbeek. Und es gibt einen Abschiedsbrief. In Schaerbeek stellen die Ermittler einen Laptop sicher. Darauf findet sich das Testament von Ibrahim el Bakraoui. «Ich weiss nicht mehr, was ich tun soll. Ich werde überall gesucht und fühle mich nirgends mehr sicher. Ich habe Angst, im Gefängnis zu landen», zitiert De Leeuw. Das legt den Verdacht nahe: Die Brüsseler Attentäter handelten nach der Festnahme Salah Abdeslams am vergangenen Freitag eher aus Panik denn aus kühler Planung. Am Abend wird bekannt, dass es sich beim zweiten Selbstmordattentäter vom Brüsseler Flughafen um den im Zusammenhang mit den Pariser Anschlägen gesuchten Najim Laachraoui handelt. Nach dem vierten Mann wird noch gefahndet. Auch hat es in der Nacht im Brüsseler Viertel Schaerbeek eine Festnahme gegeben. Mehr aber wollen die Ermittler dazu zunächst nicht sagen. Ein Taxifahrer hat die Ermittler auf eine Wohnung in Schaerbeek aufmerksam gemacht, von wo drei der Attentäter zum Flughafen Zaventem aufgebrochen waren. Dort finden die Ermittler 15 Kilo von jener Sorte Sprengstoff, den auch die Attentäter von Paris benutzten.

Mehr Informationen austauschen

Derweil kommen nach den Anschlägen verschiedene politische Forderungen aufs Tapet. EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos zeigt sich entschlossen, den Terroristen die Stirn zu bieten. «Wir müssen die Informationen austauschen, die da sind», sagt auch der deutsche Bundesinnenminister Thomas de Maizière. Die Debatte folgt stets einem Muster. Erst kommt der Anschlag und dann der Ruf nach strengeren Sicherheitsgesetzen. «Wir müssen die bestehenden Beschlüsse umsetzen», sagte EU-Innenkommissar Dimitris Avramopoulos und kündigte ein Sondertreffen der EU-Innenminister an.

Das System versagt

Mittel zur Terrorbekämpfung wie das Schengener Informations-System (SIS) gäbe es genug. Allerdings sind die EU-Staaten zurückhaltend. Weil sich Nachrichtendienste schwer damit tun, Informationen in eine für jeden Polizisten zugängliche Datenbank einzugeben. Die Dienste fürchten, dass sie damit ihre Quellen und Methoden preisgeben und sich so selber schaden. In Europa gilt: Man kooperiert eher auf der Basis persönlichen Vertrauens denn auf Gesetzen. Salah Abdeslam, der jetzt festgenommene mutmassliche Attentäter von Paris, etwa wurde im vergangenen September in Österreich und im Oktober in Ulm kontrolliert. Kein System schlug Alarm. Obwohl Abdeslam in Belgien in einer Datei für radikalisierte Islamisten erfasst war.

Nach den Anschlägen von Paris hatten die EU-Staaten auch Passkontrollen bei der Wiedereinreise auch für EU-Bürger beschlossen. So sollen Syrien-Rückkehrer künftig bei der Einreise an den EU-Aussengrenzen kontrolliert werden. Diese Massnahme ist jedoch noch nicht überall umgesetzt. Auch deshalb reagiert EU-Innenkommissar Avramopoulos so unwirsch auf die neuen Forderungen. De Maizière würde gerne eine Verbindung ziehen, etwa zu anderen Daten wie Eurodac, der Datenbank mit Fingerabdrücken von Asylbewerbern. Avramopoulos warnt jedoch davor, zwischen Terror und Migration einen Zusammenhang zu sehen.

Trauer in den Nationalfarben: Ein Belgier zündet eine Kerze für die Toten an. (Bild: Martin Meissner (AP))

Trauer in den Nationalfarben: Ein Belgier zündet eine Kerze für die Toten an. (Bild: Martin Meissner (AP))

Gemeinsam gegen den Terror – Blumen als Zeichen der grossen Anteilnahme. (Bild: Martin Meissner (AP))

Gemeinsam gegen den Terror – Blumen als Zeichen der grossen Anteilnahme. (Bild: Martin Meissner (AP))