Broccoli statt Bier, virtuelles Feuerwerk statt Strassenparty: So passen sich die Nationalfeiern weltweit Corona an

Corona warf seinen Schatten über zahlreiche Nationalfeiertage. Besonders patriotisch reagierte Kanadas Premierminister Justin Trudeau.

CH Media-Ausland-Korrespondenten
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Einsam waren dieses Jahr viele Nationalfeiern – auch im «Land der Freien».

Einsam waren dieses Jahr viele Nationalfeiern – auch im «Land der Freien».

Bild: Getty (New York, 4. Juli 2020)

Frankreich, 14. Juli: Tränen in Paris

Es war ein trister «Quatorze Juillet» für Frankreich vor gut zwei Wochen. Feststimmung wollte nirgends aufkommen – weder an den Tanzbällen noch beim Feuerwerk vor der Eiffelturm-Kulisse. Statt der farbenprächtigen Militärparade über die Pariser Champs-Elysées gab es auf dem Concorde-Platz ein mageres Ersatz-Defilee unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Präsident Emmanuel Macron hatte die Schweiz (in der Person von Alain Berset) und einige andere Länder dazu eingeladen, um ihnen für die Aufnahme elsässischer Coronapatienten auf dem Höhepunkt der Krise zu danken. Dabei waren auch Krankenpfleger und Notfallärztinnen. Einige weinten, als zum Gedenken an die 30'000 Coronatoten in Frankreich Blasmusik ertönte. Fürs nächste Jahr hoffen die Franzosen wieder auf einen stimmigen, fröhlichen – einen richtigen Quatorze Juillet!

Stefan Brändle aus Paris


Deutschland, 3. Oktober: Kaum Fähnchen, kein Fest

Kann gut sein, dass Deutschland diesen «Tag der Einheit» so nötig hat wie noch keinen davor. Denn die Republik fühlt sich im dreissigsten Jahr der angeblich wiedergewonnenen Verbundenheit zerrissen – zwischen alten und neuen Bundesländern. Da wäre ein Fest zum runden Geburtstag schon was. Feiern wollte man in Brandenburgs Hauptstadt Potsdam.

Hunderttausende hätten sich quer durch die deutsche Regionalkulinarik essen und trinken sollen. Im Rest der Republik wird, ausser an Amtsgebäuden, auch in diesem Jahr aber kein Fähnchen wehen – und der Tag geht den meisten sonst wo vorbei. Potsdam hat mit der Glienicker Brücke, die einst die DDR und West-Berlin trennte, zudem ein Einheits-Sahneschnittchen herzuzeigen gehabt. Aber ach: Das Fest fällt aus. Bleibt die Hoffnung, dass 2021 alles besser sein wird: mit Corona – und mit der Einheit.

Cornelie Barthelme aus Berlin


Russland, 12. Juni: Ein Sieg, der keiner war

Am 12. Juni feierte Russland sich selbst. Vor 30 Jahren deklarierte der Kongress der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik in Moskau die Souveränität Russlands. Das Land machte einen ersten Schritt in Richtung Demokratie – und hat die Bedeutung des «Tags Russlands», wie der Nationalfeiertag genannt wird, schnell vergessen.

Die Nationalisten nutzten ihn lange Jahre, um ihren «Russischen Marsch» samt fremdenfeindlichen Parolen durchzuziehen. Die Oppositionellen riefen an diesem Tag zu Demos auf. 2020 aber blieb es ruhig. Gefeiert wurde online, mit Wettbewerben wie «Wer malt die originellste Russland-Flagge». Und der Staat nutzte den Tag, um quer durch das Land seinen «Sieg» gegen das Coronavirus zu verkünden, auch wenn es noch heute knapp 6000 Neuinfektionen täglich gibt.

Inna Hartwich aus Moskau


Amerika, 4. Juli: Patriotismus auf Distanz

Aus emotionaler Sicht war der amerikanische Nationalfeiertag in diesem Jahr so anstrengend wie noch nie. Und zwar nicht, weil ich meine Liebe für überschwänglichen Patriotismus entdeckt hätte – sondern weil es für meine Frau und mich schwierig war, unsere beiden Kinder auf Distanz zu den Nachbarn zu halten. Traditionsgemäss versammeln sich bei Einbruch der Nacht einige Familien auf unserer Quartierstrasse, um Feuerwerke abzubrennen.

Für den Nachwuchs war das der Höhepunkt des Abends – auch weil es derzeit an Höhepunkten mangelt. Dem Virus ist dies aber egal. Deshalb versuchten wir, im Durcheinander den Mindestabstand zwischen den Familien einzuhalten. Das führte zu bösen Blicken einiger Mütter und Väter. Immerhin: Niemand wurde krank. Ich bin dennoch froh, dass es fast noch ein Jahr dauern wird zum nächsten 4. Juli.

Renzo Ruf aus Washington


Spanien, 12. Oktober: Kolumbus kommt zu kurz

Corona schafft, was Kritiker schon immer forderten: Spaniens «Fiesta Nacional» am 12. Oktober ohne pompöse Militärparade zu feiern. 2019 zogen noch 3500 Soldaten am königlichen Staatsoberhaupt Felipe VI. vorbei. Zehntausende Menschen säumten die Madrider Prachtallee Paseo de la Castellana. 2020 wird nun zeremoniell abgerüstet.

Nur eine kleine Feier vor dem Königspalast ist geplant. Vor kleinem Publikum – und natürlich mit Maske. Ein Tag der nationalen Einheit war der «Spanientag» übrigens noch nie: Die Ministerpräsidenten der nach Unabhängigkeit strebenden Regionen Katalonien und Baskenland bleiben dem Staatsakt grundsätzlich fern. Und Kritiker der spanischen Kolonialzeit sind empört, dass mit dem 12. Oktober an die Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus 1492 erinnert wird.

Kolumbus war im Auftrag der spanischen Krone unterwegs. Die Ankunft des Seefahrers markiert in ihren Augen den Anfang der kolonialen Unterdrückung der indigenen Völker: kein Grund zum Feiern.

Ralph Schulze aus Madrid


Kanada, 1. Juli: Politische Brokkoliernte

Wenn Kanada am «Canada Day» seinen Geburtstag feiert, versammeln sich jeweils Hunderttausende vor dem Parlament in der Hauptstadt Ottawa. Politiker gehen händeschüttelnd durch die Menge. Danach wird gefeiert, das Alkoholverbot im öffentlichen Raum wird nicht ganz so eng gesehen. 2020 aber war alles ganz anders.

Statt den begeisterten Mengen versammelten sich nur ein paar hundert Verschwörungstheoretiker und Gegner all dessen, was die Welt mit dem weltoffenen Kanada verbindet. Sie wetterten gegen Masken, gegen Impfpflicht, gegen 5G, gegen Justin Trudeau. Der Premierminister selbst besuchte einen Bauernhof und half bei der Brokkoliernte – als Zeichen der Solidarität mit jenen, die besonders stark von der Krise betroffen sind. Ein Feuerwerk gab’s dann aber doch noch: Ein virtuelles, das über Millionen Bildschirme flimmerte.

Gerd Braune aus Ottawa