Cambridge Analytica
Brittany Kaiser im Interview: Hätte Donald Trump ohne Sie die Wahl verloren?

Bei der Datenfirma Cambridge Analytica hat Brittany Kaiser am politischen Jahrhundertcoup mitgearbeitet: Donald Trump zum US-Präsidenten zu machen. Dann stieg sie aus. Im Interview nennt sie Facebook eine «Gefahr für die Demokratie» und warnt: «Wir sind heute noch weniger geschützt als vor vier Jahren.»

Fabian Hock, Deborah Gonzalez
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Setzt sich heute für Datenschutz ein: Whistleblowerin Brittany Kaiser.

Setzt sich heute für Datenschutz ein: Whistleblowerin Brittany Kaiser.

CH Media

Es war einer der grössten Datenskandale überhaupt: der Fall Cambridge Analytica. Das Unternehmen hatte vor der US-Wahl 2016 private Daten von 87 Millionen Facebook-Profilen abgesaugt. Sie sollen benutzt worden sein, um ausgewählten Wählergruppen personalisierte Botschaften zu senden. Das Ziel: Donald Trump sollte Präsident werden.

Bekanntlich ging das Rennen so aus, wie die Cambridge-Leute gehofft hatten. Die Firma selbst meldete nach Bekanntwerden des Skandals im Mai 2018 Insolvenz an. Welchen Anteil sie an Trumps Wahlsieg tatsächlich hatte, ist nicht bewiesen. Brittany Kaiser jedoch warnt: Für sie sind Datenfirmen wie Cambridge Analytica eine Bedrohung der Demokratie. Sie hat selbst dreieinhalb Jahre für die Firma in hochrangiger Position gearbeitet. Nachdem sie gekündigt hatte, ging sie als Whistle­blowerin an die Öffentlichkeit.

In der Netflix-Dokumentation «The Great Hack», die Chancen auf einen Oscar hat, tritt sie als Hauptfigur auf. Ihre Aussagen trugen dazu bei, dass Facebook-Chef Mark Zuckerberg vor dem US-Kongress erklären musste, warum private Daten auf seiner Plattform nicht sicher sind. Und Kaiser ist längst nicht fertig: Via Twitter hat sie nun begonnen, neue Dokumente zu veröffentlichen. Sie sollen Verstrickungen ihres Ex-Arbeitgebers in 68 Ländern belegen, darunter Brasilien und Iran.

Der Datenskandal um Cambridge Analytica

Was ist Cambridge Analytica?

Cambdridge Analytica war eine britisches Beratungs- und Datenanalyse-Unternehmen, das 2018 nach einem Facebook-Datenskandal Insolvenz anmelden musste.

Was passierte bei diesem Skandal?

Das soziale Netzwerk Facebook gab während Jahren Daten von 87 Millionen Nutzern an Cambridge Analytica weiter. Das Unternehmen verwendete diese Daten dann missbräuchlich, da Cambridge Analytica später unter anderem für das Wahlkampfteam von US-Präsident Donald Trump arbeitete und dort mit den Facebook-Nutzerdaten gezielt personalisierte Wahlwerbung schalten liess.

Was waren die Folgen?

Die Affäre sorgte weltweit für Schlagzeilen. Für Facebook war der Datenskandal die grösste und schwerste Krise der Unternehmensgeschichte. Cambridge Analytica wurde als Firma aufgelöst, existiert heute aber unter dem Namen «Emerdata» weiter. Auch in den Fokus geriet das Wahlkampfteam von Donald Trump.

Welche Personen gehörten zu den Hauptakteuren?

Durch den Skandal wurde Alexander Nix, der Chef von Cambridge Analytica, international bekannt. Auch Facebook-CEO Mark Zuckerberg geriet in ein schlechtes Licht. Im Zuge der polizeilichen Ermittlungen gerieten dann auch Donald Trumps Wahlkampfleiter Paul Manafort und der Wahlkampf-Digitalchef Brad Pascale in den Fokus der Ermittler.

Ist der Skandal noch nicht vorbei?

Die britische Zeitung The Guardian kündigte im Januar 2020 an, dass neue Dokumente veröffentlicht werden sollen, die belegen würden, dass Cambridge Analytica Daten verwendet habe, und damit weltweit mit Regierungen und Geheimdiensten zusammengearbeitet haben soll. (kca)

Nächste Woche kommt Kaiser in die Schweiz. Sie tritt am Worldwebforum in Zürich auf. Vorab hat sie mit der «Schweiz am Wochenende» über Wählerbeeinflussung, über die Macht von Facebook und ihre Zeit bei Cambridge Analytica gesprochen.

Wäre Donald Trump ohne Ihre Hilfe Präsident geworden?

Brittany Kaiser: Ein Wahlkampf besteht aus vielen Puzzleteilen. Besonders bei einer Wahl, die mit sehr geringem Vorsprung gewonnen wird. Wenn Sie Teile des Puzzles entfernen, ist es möglich, dass die Wahl anders ausgeht. Als das Wahlkampfteam von Donald Trump mir präsentiert hat, was sie genau gemacht hatten, konnte ich sehen, wie effektiv ihre Strategie war. Das lässt mich vermuten, dass, wenn Cambridge Analytica nicht Teil der Wahlkampagne gewesen wäre, Donald Trump sehr wahrscheinlich nicht gewonnen hätte.

Die Whistleblowerin

Wie alt Brittany Kaiser ist, weiss die Öffentlichkeit nicht genau. 31 oder 32 Jahre dürften es sein. Mit ihrem Auftritt in der Netflix-Doku «The Great Hack» wurde die gebürtige Texanerin weltbekannt. Als Whistleblowerin gewährt sie darin Einblick in die zweifelhaften Methoden der Datenfirma Cambridge Analytica, für die sie von 2015 bis 2018 arbeitete. Davor war sie unter anderem für das Wahlkampfteam von Barack Obama tätig und arbeitete für die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. (fho)

Es ist schwer vorstellbar, dass Sie Menschen wirklich so stark beeinflussen können.

Menschen glauben nicht gerne, dass sie beeinflussbar sind. Manche sind leichter zu beeinflussen als andere. Genau das verstehen Datensammler wie Cambridge Analytica: herauszufinden, wer die Personen sind, die anfällig für Beeinflussung sind.

Wie funktioniert das?

Menschen werden in kleine Gruppen eingeteilt, je nachdem, wie wahrscheinlich sie zur Wahl gehen, welchen Kandidaten sie wahrscheinlich unterstützen, welche Themen für sie am wichtigsten sind. Sind sie aufgeschlossen oder anfällig für angstbasierte Botschaften? Sind sie eingeteilt, erhalten sie auf sie zugeschnittene Botschaften.

Einige Gruppen sollen Botschaften erhalten haben, die sie überzeugen sollten, gar nicht zur Wahl zu gehen.

Ja. Das ist der besorgniserregendste Teil. Die Trump-Kampagne hat eine Gruppe identifiziert, die von der Wahl ferngehalten werden sollte. Das waren Leute, die nie für Donald Trump gestimmt hätten, sondern wenn überhaupt für Hillary Clinton. Sie hätten niemals davon überzeugt werden können, Trump zu wählen, aber sie konnten überzeugt werden, gar nicht zu wählen. Es wurde viel Zeit und Geld investiert, um diesen Leuten Nachrichten zu schicken. In den meisten Ländern ist das verboten, auch in den USA. Trotzdem sind die Leute davor nicht geschützt.

Warum nicht, wenn es doch gegen das Gesetz verstösst?

Weil Technologie und Gesetze noch nicht gut zusammenpassen. Plattformen wie Facebook haben keinen Weg gefunden, wenigstens die Gesetze, die wir längst haben, umzusetzen. Es ist Besorgnis erregend, wenn Facebook nun sagt, dass auch künftig bei politischer Werbung die Fakten nicht überprüft werden sollen.

Es würde noch mehr Sorgen bereiten, wenn ein Konzern wie Facebook entscheidet, was wir im Internet sehen dürfen und was nicht.

Nein, das ist ein krasses Missverständnis. Meine freie Meinungsäusserung ist moderiert. Mein Recht auf freie Meinungsäusserung endet dort, wo Ihre Menschenrechte beginnen. Ich darf mein Recht auf freie Meinungsäusserung nicht gebrauchen, um Menschen rassistisch oder sexistisch zu diskriminieren. Oder um Sie vom Wählen abzuhalten. Diese Dinge, die ich persönlich nicht tun darf, sollte ich auch im Internet nicht tun dürfen. Tech-Konzerne müssen unsere Gesetze auch online geltend machen. Weiter sollten sie allerdings nicht gehen. Es ist nicht Facebooks Aufgabe, zu moderieren, was es selbst für ethisch oder unethisch hält.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg musste vor dem US-Kongress antraben.

Facebook-Chef Mark Zuckerberg musste vor dem US-Kongress antraben.

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Sie haben dreieinhalb Jahre für Cambridge Analytica gearbeitet. Warum sind Sie so lange geblieben?

Ich habe meine gesamte Karriere als Campaignerin gearbeitet. Es ist schwer zu beurteilen, ob man effektiv war, wenn man an Kampagnen für Menschenrechte oder Umweltschutz arbeitet. Ich dachte, wenn ich lerne, mit den Werkzeugen von Cambridge Analytica zu arbeiten, kann ich mich wirkungsvoller für soziale Themen einsetzen.

Sie wussten aber, für wen Sie zu der Zeit arbeiteten.

Cambridge Analytica hat Klienten auf der ganzen Welt, darunter demokratische Parteien, grüne Parteien, Regierungen und Unternehmen. Donald Trump war einer von hundert Klienten. Unglücklicherweise sind das die prominentesten Klienten. Wir hatten aber auch eine Menge Projekte, die wirklich gut und aufregend waren. Ich blieb, weil ich dachte, ich könnte die Methoden für etwas Gutes einsetzen. Das war aber letztlich nicht der Fall.

Schliesslich haben Sie das Unternehmen aber verlassen.

Ich habe bei Cambridge gekündigt, weil ich deren unethisches Verhalten nicht mehr ertragen konnte. Zwei Monate nachdem ich ging, kamen die ersten Medienberichte heraus, dass Cambridge ihre Facebook-Datensätze nicht gelöscht hat. Ich dachte, wenn alle so aufgebracht wegen dieser spezifischen Sache sind, dann verstehen sie nicht, wie gross das Problem tatsächlich ist. Es geht nicht um Cambridge Analytica und um Facebook-Daten. Es geht um die gesamte Datenindustrie und darum, dass die Menschen keine Transparenz darüber haben, welche Daten über sie gesammelt werden und was damit gemacht wird. Ich dachte, es sei meine Pflicht, den Menschen zu sagen, was damals wirklich passiert ist.

Fürchteten Sie um Ihre Sicherheit?

Ja. Das war definitiv die beängstigendste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Ich wusste nicht, was passieren würde oder ob mir etwas zustossen könnte. Es gibt viele Whistleblower, die keinen Frieden mehr finden. Die keinen Job mehr bekommen und bedroht werden – genau wie ihre Familien.

Im Mittelpunkt des damaligen Skandals stand Facebook. Ist die Plattform eine Bedrohung für die Demokratie?

Absolut. Facebook ist die wichtigste Kommunikationsplattform der Welt. Mark Zuckerberg sagt, dass gewisse Standards nur für uns Normalbürger gelten, nicht aber für Politiker. Auch Werbung wird nicht nach Fakten gecheckt. Das ist eine grosse Bedrohung für die Demokratie.

Wie sollten wir mit Facebook umgehen? Sollten wir unsere ­Accounts löschen?

Selbst wenn Sie Ihren Account löschen, hat Facebook noch immer Ihre Informationen. Löschen bringt da nicht viel.

Wie können wir uns und unsere Daten denn schützen?

Wir müssen verstehen, was Fake News sind, und diese identifizieren. Uns fragen: Wie können wir kritischer sein? Was sind unsere Daten wert? Ein Beispiel: Die meisten Leute, die sich eine App runterladen, lesen die allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht. Dabei ist das sehr wichtig, denn man gibt so vieles frei. Facebook bekommt über die App Zugriff auf die Handykamera, auf das Mikrofon, auf die Kontaktliste. Gerade deswegen hatte ich jahrelang kein Facebook auf meinem Handy. Ich will all diese Informationen nicht freigeben. Der nächsten Generation müssen wir eines mitgeben: Sie muss besser aufpassen.

Zurück zur Politik. Sie haben für Trump und für die Brexit-Kampagne gearbeitet. Haben Sie auch mit der Alternative für Deutschland (AfD) gesprochen?

Steve Bannon hat versucht, uns dazu zu bringen, mit Leuten der Alternative für Deutschland zu sprechen. Einige meiner Kollegen und ich haben uns entschieden, dass wir mit ihnen nichts zu tun haben wollen.

Warum nicht?

Wegen ihrer rassistischen Ansichten. Ich weigere mich, mit solchen Leuten zusammenzuarbeiten. Stattdessen hatten wir ein Treffen mit der CDU. Bannon wollte unbedingt, dass wir uns mit einer politischen Partei treffen, um die Möglichkeit auszuloten, an der deutschen Wahl zu arbeiten.

Was ist in dem Meeting passiert?

Die CDU hat gesagt, dass die Nutzung von persönlichen Daten nicht zur politischen Kultur Deutschlands passe, dass sie da nicht mitmache und nicht mit uns arbeiten könne.

Hatten Sie Kontakt zu politischen Kampagnen in der Schweiz?

Ich glaube, dass es Gespräche gegeben hat. Ich bin nicht sicher, mit wem oder ob es tatsächlich zu einer Zusammenarbeit gekommen ist, denn die Schweiz hat solch strikte Datenschutzgesetze, dass eine Menge Strategien unmöglich gewesen wären.

Cambridge Analytica existiert nicht mehr, die Methoden schon. Was haben wir vom kommenden US-Wahlkampf zu erwarten?

Wir müssen uns bewusst sein, dass wir noch weniger geschützt sind als vor vier Jahren. Die Technologien sind heute besser entwickelt, ausserdem existieren viel mehr Daten über uns. Mark Zuckerberg hat entschieden, dass Politiker auf seiner Plattform nicht moderiert werden. Ich habe grosse Angst davor, was dieses Jahr in den USA passiert. Ich denke, dass es schlimmer wird als vor der Wahl 2016, es sei denn wir unternehmen etwas sehr Drastisches.

Das heisst, andere werden die Lücke füllen, die Cambridge Analytica hinterlassen hat?

Es gibt heute sicher viel mehr Cambridge Analyticas als vor vier Jahren.