Britisches Lehrstück

Die Verfilzung von Politik und Medien hat in Grossbritannien zu wüsten Auswüchsen geführt. Doch das ist nicht nur ein britisches Phänomen. Von Urs Bader

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Fast täglich in der vergangenen Woche sind neue empörende Details über den britischen Abhörskandal zu Tage gefördert worden. Nach und nach ergab sich daraus ein unappetitliches Bild symbiotischer Beziehungen im Dreieck zwischen Politik, Polizei und Medien. Allzu oft scheinen diese Beziehungen kriminell gewesen zu sein, oft waren oder sind sie «nur» ethisch äusserst bedenklich.

Da geht es um das Abhören von Telefonen, um Bestechungs- und Schweigegelder, gezielte Indiskretionen, das Durchsuchen vertraulicher Akten, Erpressung, Lügen, Checkbuch-Journalismus, Begünstigung der eigenen Klientel, Verschleppung von polizeilichen Untersuchungen. Insgesamt die Ingredienzien für eine Schmierengeschichte, wie sie in einem der unzimperlichen bis aggressiven britischen Boulevardblätter hätte publiziert werden können, die im Zentrum des ganzen Skandals stehen, der mit «Abhörskandal» nur ungenau beschrieben ist.

Wissentlich weggeschaut

Es ist im Kern ein politischer und gesellschaftlicher Skandal. Möglich wurde er durch die Nähe insbesondere zwischen Medien und Politik. «Die Wahrheit ist: Wir stecken da alle mit drin», sagte der britische Premier Cameron. Er hat die Dynamik dieses Skandals lange unterschätzt – oder hat ihn nicht zur Kenntnis nehmen wollen, weil er mittendrin steckt. Er ist, oder war es zumindest, eng befreundet mit zwei Personen, die im Murdoch-Medienimperium einflussreich waren oder noch sind und nun durch die Abhöraffäre schwer belastet wurden.

Cameron ist aber nur der hinterste in der Reihe von Regierungschefs, die um die Gunst von Rupert Murdoch gebuhlt haben. Etabliert hat das symbiotische Verhältnis zwischen ihm und der Politik Premierministerin Thatcher. Es war dann 1994 der neue Labour-Chef und spätere Premier Blair, der erstmals einer britischen Partei eine professionelle Imagekampagne verpasste – mit Hilfe eines früheren Journalisten des Boulevardblatts «Daily Mirror». Und auch Blair suchte die Nähe zu Murdoch, der dafür empfänglich war, Labour hin oder her. Der Erfolg blieb nicht aus, von 1997 bis 2010 war Labour an der Macht.

Premier Cameron brachte die Problematik auf den Punkt, wenn er sagte, die Chefs aller Parteien seien «so versessen» darauf gewesen, die Unterstützung der Zeitungen zu gewinnen, dass sie «wissentlich weggeschaut» hätten. Eben von kriminellen oder doch ethisch bedenklichen Machenschaften dieser Zeitungen.

Unzulässige Nähe

Dass in einer Demokratie zwischen Politik und Medien «Hygiene-Regeln» zu beachten sind, ging vergessen: Die eine Seite macht Politik, die andere berichtet darüber und kommentiert sie – damit sollte es sein Bewenden haben. Wenn sich Medien durch gefällige Berichterstattung politische Vorteile zu «erkaufen» suchen, ist dies ebenso unzulässig wie wenn sich Politiker den Medien andienen und sich anbiedern, um «gute Presse» zu erhalten. Früher oder später muss so eine Vetternwirtschaft aus dem Ruder laufen. Siehe Grossbritannien.

Die allzu vertraute Nähe zwischen Politikern und Medien ist aber durchaus nicht nur ein britisches Phänomen. Ganz zu schweigen von den oft mehr als nur fragwürdigen Informationsbeschaffungs-Methoden der Boulevardblätter. In Österreich heisst es etwa, gegen die «Kronen Zeitung» könne niemand regieren. Die Verflechtung zwischen journalistischer und politischer Elite ist schon fast sprichwörtlich.

Voyeuristisches Publikum

Wenn Premier Cameron sagte: «Wir stecken da alle mit drin», dann dachte er wohl nicht an die Leserinnen und Leser der Boulevardblätter. Aber tatsächlich stecken auch sie da mit drin – mit ihrem Voyeurismus, der sich an allerlei Sensationen und Unappetitlichem ergötzt. Die Empörung – nicht nur all der Reue mimenden Politiker – über all die schlimmen Journalisten ist deshalb etwas scheinheilig. Immerhin verkaufte sich das nun eingestellte Revolverblatt «News of the World» täglich 2,7 Millionen Mal.