Britische Politik und Medien beschwichtigen

LONDON. Dass die Angst vor dem Terror zur Selbstzensur führen kann, demonstrierten die Medien auf der Insel einmütig: Keine einzige der grossen Londoner Zeitungen nahm die «Charlie Hebdo»-Karikaturen auf die Titelseite.

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LONDON. Dass die Angst vor dem Terror zur Selbstzensur führen kann, demonstrierten die Medien auf der Insel einmütig: Keine einzige der grossen Londoner Zeitungen nahm die «Charlie Hebdo»-Karikaturen auf die Titelseite. Das Risiko sei «zu hoch», teilte der Chefredakteur des «Independent», Amol Rajan, mit. Tatsächlich warnte der bekannte Hassprediger Anjem Choudary in der «Times» unverblümt vor «Konsequenzen» für angebliche Beleidigungen des Islam.

Grossbritanniens Trauma

Grossbritannien ist spätestens seit dem 7. Juli 2005 an den Gedanken gewöhnt, dass religiös motivierte Einheimische nicht vor Massenmorden an ihren Mitbürgern zurückschrecken. Damals rissen vier Selbstmordattentäter in London 52 U-Bahn- und Buspassagiere in den Tod. Im Mai 2013 töteten zwei Jihadisten auf offener Strasse den Soldaten Lee Rigby. Ein ähnlicher Anschlag wie in Paris gilt weiterhin als wahrscheinlich. Im vergangenen Sommer wurde deshalb die offizielle Terrorwarnung auf die zweithöchste Stufe gesetzt. Es gebe keinen Anlass, daran etwas zu ändern, sagte gestern Innenministerin Theresa May. Die Sicherheitsvorkehrungen, auch an der Grenze zu Frankreich, wurden verstärkt.

Polizistenexekution auf Front

Das Einknicken vor «falsch verstandener Rücksichtnahme gegenüber Moslems», so der einflussreiche Kolumnist David Aaronovitch, hat Tradition. Auch als es 2006 um die kruden Mohammed-Karikaturen in «Jyllands-Posten» ging, bildeten die britische Presse und Politik eine fast beängstigende Einheitsfront in Beschwichtigung. Während die Medien gestern die religiösen Gefühle schonten, liessen sie gegenüber einem der zwölf Opfer jede Sensibilität vermissen: Boulevardblätter und auch «seriöse» Zeitungen wie die «Times» oder der «Guardian» zeigten auf der Titelseite den Moment der Polizistenexekution – eine ungewollte Verstärkung des Angsteffekts, den die Pariser Kriminellen erreichen wollten. (sbo)