Brisante Klage gegen Saudi-Arabien

Zacharias Moussaoui, der «zwanzigste» Attentäter vom 11. September 2001, beschuldigt hohe Repräsentanten des Königreichs, Al Qaida finanziert und einen Plan zum Abschuss der «Air Force One» ausgedacht zu haben.

Thomas Spang
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Zacharias Moussaoui während seiner Verurteilung durch ein US-Gericht im Jahr 2006. (Bild: ap/Dana Verkouteren)

Zacharias Moussaoui während seiner Verurteilung durch ein US-Gericht im Jahr 2006. (Bild: ap/Dana Verkouteren)

NEW YORK. Seit 2002 hatte Saudi-Arabien nach Kräften versucht, einen Prozess über Klagen von Angehörigen der 9/11-Opfer zu verhindern – jahrelang mit Erfolg. Doch die Kläger liessen nicht locker. Zwölf Jahre später finden sie nun Gehör in einem Bundesgericht in New York. Was jetzt aus dem «US-District Court for the Southern District» an die Öffentlichkeit gelangt, kann erklären, warum das Königreich so sehr bemüht war, es nicht zu einem Prozess kommen zu lassen. Es geht um brisante Vorwürfe über die Rolle Saudi-Arabiens bei den Anschlägen auf New York und Washington.

Terrorist als Kronzeuge

Als Kronzeuge haben die Kläger den mutmasslichen zwanzigsten Attentäter vom 11. September 2001 gewonnen, der in einem Hochsicherheitsgefängnis im US-Bundesstaat Colorado sitzt. Zacharias Moussaoui war wegen einer Verletzung des Einwanderungsrechts vor den Terroranschlägen festgenommen worden.

Der Prozess gegen ihn förderte zutage, dass er wie andere 9/11-Attentäter Flugunterricht genommen und 14 000 US-Dollar von einer Qaida-Zelle in Deutschland erhalten hatte. Wegen seiner Verstrickung in die Anschläge wurde er 2006 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Seiner von Richter George Daniels genehmigten Befragung durch Anwälte der Kläger ging ein langes Tauziehen mit dem Justizministerium voraus. Schliesslich konnte ihn das Anwälteteam vergangenen Oktober im Gefängnis zwei Tage lang einvernehmen.

Saudischer König im Zwielicht

Der Qaida-Mann beschuldigt Mitglieder des saudischen Königshauses, den Terror von Osama bin Laden mitbezahlt zu haben. Er sei unter anderen mit dem damaligen Kronprinzen Salman, der nun die Nachfolge des verstorbenen Königs Abdullah angetreten hat, zusammengetroffen und habe diesem Briefe Bin Ladens übergeben. Bin Laden stammt aus der Familie eines saudischen Baumagnaten mit besten Verbindungen zum Königshaus.

Moussaoui behauptet, er habe nicht nur als Kurier zum Palast gedient, sondern für Al Qaida seit 1998 auch Buch über Spenden geführt. Namentlich erwähnt er als Financiers den damaligen Chef des saudischen Geheimdienstes, Prinz Turki al-Faisal, Prinz Bandar bin Sultan, den langjährigen Botschafter in den USA, und eine Reihe führender saudischer Kleriker und Geschäftsleute. «Sheikh Osama wollte wissen, wer Geld gegeben hat», beschreibt Moussaoui seinen damaligen Auftrag.

US-Präsident im Visier Al Qaidas

Darüber hinaus sei er in Afghanistan mit einem Mitarbeiter der Abteilung für islamische Angelegenheiten in der saudischen Botschaft in den USA zusammengetroffen. Dieser habe ihn für den Abschuss der US-Präsidentenmaschine «Air Force One» mit einer Stinger-Rakete gewinnen wollen. Es sei vereinbart gewesen, in Washington «einen passenden Ort zu finden», der ihm nach dem Abschuss der Präsidentenmaschine die Flucht erlaubt hätte.

Saudi-Dementi «irreführend»

Die saudische Botschaft in Washington nennt die Vorwürfe haltlos. Die 9/11-Untersuchungskommission habe Behauptungen widerlegt, wonach saudische Offizielle Al Qaida Geld gegeben hätten. «Moussaoui ist ein gestörter Krimineller. Seine Worte haben keine Glaubwürdigkeit.»

Bob Kerry, ehemaliges Mitglied der 9/11-Kommission, erklärte in einer eidesstattlichen Erklärung vor Gericht, die Darstellung der Botschaft, die Untersuchung habe die saudische Regierung von dem Vorwurf der Unterstützung Al Qaidas entlastet, sei «fundamental irreführend». Zusätzliches Gewicht erhalten die bisher nicht bewiesenen Vorwürfe Moussaouis durch eine Prozess-Erklärung des Ex-Senators Bob Graham, der nach dem 11. September eine Untersuchung des Kongresses leitete. «Ich bin davon überzeugt, dass eine direkte Linie mindestens zwischen einigen Terroristen (…) und der Regierung von Saudi-Arabien bestand.» Graham fordert, 28 geheimgehaltene Seiten des Abschlussberichts öffentlich zu machen.

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