BREXIT-ZOFF
Fischstreit eskaliert: Frankreich sperrt seine Häfen für britische Boote und droht mit Blackout auf Kanalinsel Jersey

Weil Grossbritannien französischen Fischern den Zugang zu seinen Gewässern verweigert setzt Frankreich auf happige Retorsionsmassnahmen. Der Konflikt hat das Potenzial, zu einem Handelskrieg auszuarten.

Remo Hess, Brüssel
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Unter Druck: Der britische Premier Boris Johnson (Archiv).

Unter Druck: Der britische Premier Boris Johnson (Archiv).

Keystone

Mit historischen Analogien sollte man vorsichtig sein. Aber die Massnahmen, die Frankreich am Mittwochabend gegen Grossbritannien ankündigte, erinnern schon etwas an die von Napoleon 1806 erlassene Kontinentalsperre: Ab dem 2. November wird britischen Fischerbooten das Anlaufen französischer Häfen verboten. Frankreich führt zudem wieder strenge Kontrollen für Waren und Lastwagen ein, die den Eurotunnel in Richtung Grossbritannien und umgekehrt durchqueren.

Im vergangenen Dezember, als die Verhandlungen über das Brexit-Freihandelsabkommen in der heissen Schlussphase waren, hatten ähnliche Kontrollen zu kilometerlangen Staus und Engpässen in britischen Supermärkten geführt.

Als weitergehende Massnahme droht Paris sogar damit, die Stromversorgung der britischen Kanalinsel Jersey zu kappen.

Hintergrund ist ein Streit um Fischereilizenzen, der seit Monaten tobt: Frankreich wirft Grossbritannien vor, französischen Fischern Fangrechte zu verweigern und gegen die Bestimmungen des Brexit-Abkommens zu verstossen.

Französischer Europaminister: Einzige Sprache, die London versteht

In einem Interview rechtfertigte der französische Europaminister Clement Beaune die harten Massnahmen. Man sei «extrem geduldig» gewesen. Aber jetzt sei es nötig, «die Sprache der Stärke» zu sprechen. Beaune: «Ich fürchte, dies ist leider die einzige Sprache, welche diese britische Regierung versteht»

Noch am späten Mittwochabend machte Frankreich ernst und setzte ein britisches Fischerboot fest, das vor seiner Küste ohne Lizenz unterwegs war.

London empört: So geht man nicht unter Alliierten um

Der britische Brexit-Minister David Frost reagierte empört: «Es ist sehr enttäuschend, dass Frankreich es für nötig hält, spät am Abend Drohungen gegen die britische Fischereiindustrie und, wie es scheint, gegen Händler im Allgemeinen auszusprechen». Grossbritannien werde sich überlegen, welche Gegenmassnahmen es ergreifen werde». Das sei nicht das Verhalten, dass man von einem engen Alliierten und Partner erwarte.

Der Konflikt hat das Potenzial, zu einem waschechten Handelskrieg auszuarten. Die Fischerei ist auf beiden Seiten des Ärmelkanals ein hochemotionales Thema. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron befindet sich ausserdem im Wahlkampf und muss innenpolitisch Stärke demonstrieren. Und auch die Regierung von Premierminister Boris Johnson ist wegen der prekären Versorgungslage im Nachgang zum Brexit und wegen der Corona-Pandemie unter Druck.

Streit um Nordirland kommt noch dazu: Beziehungen EU-UK auf Tiefpunkt

Die Beziehungen zwischen der EU und Grossbritannien sind aber auch abseits des Fischkriegs auf einem Tiefpunkt angelangt: London droht damit, das Nordirland-Protokoll auszusetzen, das eine unsichtbare Grenze in der ehemaligen Bürgerkriegsregion garantiert. Die EU müsse auf die im Brexit-Abkommen festgelegte Rolle des Europäischen Gerichtshof zurückkommen, welcher im in Binnenmarkt verbliebenen Nordirland als Streitschlichter auftritt. Eine solche Änderung des gemeinsam ausgehandelten Abkommens schliesst Brüssel bislang aber kategorisch aus.

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