Brexit zeigt ein gespaltenes Land

Premier David Cameron hat die EU-Abstimmung angesetzt und verloren. Nun will er nicht mehr Kapitän des Staatsschiffs sein.

Sebastian Borger/London
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Als mit dem Premier auch seine Frau Samantha auf die sonnenbeschienene Downing Street vor dem Amtssitz des britischen Regierungschefs tritt, wissen die versammelten Journalisten, was die Stunde geschlagen hat. Für eine politische Erklärung würde David Cameron den privaten Halt nicht brauchen; es geht also um ihn persönlich.

Zunächst aber zeigt der 49-Jährige an diesem Freitag- morgen gegen 8.20 Uhr nochmal, warum er oft wie geschaffen schien für sein Amt. Er rühmt die demokratische Teilhabe der Briten, lobt sein eigenes Lager und macht den Brexit-Befürwortern artig ein Kompliment für deren «schwungvolle und leidenschaftliche» Kampagne. Inmitten der Turbulenzen an Finanzmärkten und Börsen wolle er zur Stabilisierung des Staatsschiffs beitragen. Als Kapitän für die nächste Etappe aber tauge er nicht: Nun sei neue Führung gefragt. Bis zum konservativen Parteitag Anfang Oktober solle ein neuer Vorsitzender feststehen.

«Es war mir eine Ehre»

Ganz zum Schluss bricht dem Mann im blauen Massanzug kurzzeitig die Stimme. Er liebe dieses Land, verkündet Cameron. «Es war mir eine Ehre, es anzuführen.» Sagt's und verschwindet hinter der schwarzen Tür mit der Nummer 10.

Spätestens in diesem Moment wird deutlich: Der knappe Entscheid der Briten für den Austritt aus der EU hat das Land von Grund auf verändert, einen Premier gestürzt, der erst vor 14 Monaten überraschend ein zweites Mandat gewonnen hatte, diesmal für die konservative Alleinregierung. 33,5 Millionen Wahlberechtigte sind am Donnerstag an die Urnen geeilt; eine Beteiligung von 72 Prozent hat es zuletzt in der Unterhauswahl 1992 gegeben. Erkennbar brannte das Thema vielen Menschen auf den Nägeln. Am Ende ist das Ergebnis klar: 51,9 Prozent für Austreten, 48,1 Prozent für Bleiben. Über eine Million Stimmen liegen dazwischen.

Dabei hatten am Nachmittag und Abend des Donnerstags alle Anzeichen in die entgegengesetzte Richtung gewiesen. Aus der City werden Gewinne für das Pfund gemeldet, die letzten Umfragen sprechen alle von einer Mehrheit zugunsten der EU, ebenso die Buchmacher.

Unmittelbar nach Schliessung der Wahllokale meldet sich der Nationalpopulist Nigel Farage von der Unabhängigkeitspartei (Ukip) zu Wort. «Bleiben» habe knapp gewonnen. Die Wählernachbefragung von YouGov spricht erneut von einer 52:48- Mehrheit für den Verbleib.

Land vielfach entzweit

Alles falsch. Nach dem Intermezzo der Auszählung in Gibraltar – die Kronkolonie auf der iberischen Halbinsel votiert deutlich für die EU – stürzen kurz nach Mitternacht schon die ersten Ergebnisse aus England die Brexit-Gegner in Depressionen.

Die erfreulich hohe demokratische Teilhabe macht die Spaltung des Landes deutlich. Während die Hauptstadt London, Schottland und Nordirland mit teils klarer Mehrheit für den Verbleib votieren, räumen die EU-Feinde in allen englischen Regionen ab, vor allem im ländlichen Raum, entlang der Ostküste sowie in Cornwall. Mit einigen Daten behalten die Demoskopen immerhin recht: Tatsächlich votieren Menschen im Rentenalter über 65 klar für den Brexit, junge Leute unter 30 mehrheitlich dagegen. Es ist der Aufstand der Provinz gegen die Metropolen, der Armen gegen die gebildete Mittelschicht, der weissen Kleinbürger und Handwerker gegen die multikulturelle Identität ihres Landes. Nicht zufällig erwähnt Cameron in seiner kurzen Rede die Einführung der Schwulenehe als eine der wichtigsten Errungenschaften seiner Amtszeit. Und er spricht davon, sein Land sei zwar «nicht perfekt», tauge aber als Model für die postmoderne «multiethnische, multireligiöse Gesellschaft». Ob das noch immer stimmt?

Viel Aufmerksamkeit für die EU

«So rasch wie möglich» sollten nun die Verhandlungen zwischen der EU und Grossbritannien beginnen, sagen die Präsidenten von Kommission, Rat und Parlament der EU übereinstimmend. Nicht einmal bis zu Camerons Amtsübergabe Anfang Oktober wollen sie warten.

Da werde in Kürze «die gewaltige Kluft zwischen politischer Rhetorik und der Realität ausserhalb des Landes» deutlich, teilt kühl Robin Niblett mit, Leiter der aussenpolitischen Londoner Denkfabrik Chatham House. Die britische Regierung müsse nun gewaltige Mengen an Aufmerksamkeit der EU widmen – «ironischerweise deutlich mehr als zu Zeiten der Mitgliedschaft».

David Cameron Britischer Premier, hat Rücktritt angekündigt (Bild: epa)

David Cameron Britischer Premier, hat Rücktritt angekündigt (Bild: epa)