Boko Haram verübt Massenmord

Bis zu 500 Menschen sind von Jihadisten bei Angriffen auf mehrere Dörfer im Nordosten Nigerias getötet worden. Zeugen berichten, die Armee habe trotz Warnungen für die Region nahe der kamerunischen Grenze nicht eingegriffen.

Walter Brehm
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Es ist der bisherige Höhepunkt einer Menschen verachtenden Gewaltspirale, an der die jihadistische Terrororganisation Boko Haram in Nigeria fast pausenlos dreht. Die Bilanz einer Serie von Angriffen auf die Kleinstadt Nghose und umliegende Dörfer in der Grenzregion zu Kamerun ist auch nach den Massstäben der Terroristen schockierend: Bis zu 500 Menschen, darunter auch Kleinkinder, sollen in einer Nacht massakriert worden sein.

Christen und Moslems als Opfer

«Hunderte Leichen liegen herum, weil niemand sie beerdigen kann», zitieren Zeitungen in der nigerianischen Hauptstadt den Chef des Dorfes Attagara. Der Parlamentarier Peter Biye erklärte: «Die Aufständischen haben die ganze Region unter Kontrolle. Niemand kann die wirkliche Zahl der Opfer kennen, weil niemand in die Gegend vordringen kann.»

Was es gibt, sind nicht verifizierbare Berichte von Überlebenden. Sie berichten von einem zynisch-perfiden Vorgehen der Jihadisten. Demnach sind Hunderte wie Soldaten uniformierte, aber maskierte Männer auf Lastwagen und Motorrädern in die Dörfer eingedrungen. Angeblich von der Armee zum Schutz vor Boko Haram eingesetzt, trommelten sie die Dorfbewohner zusammen, um dann wahllos in die Menge zu schiessen. In das Knattern der Maschinengewehre sollen sie dabei «Allahu akbar» (Gott ist gross) gerufen haben.

Die Opfer des Massakers waren Angehörige der Glavda-Volksgruppe, einer multireligiösen Minderheit. Ihre Dörfer und Orte sind mehrheitlich von Christen, aber mindestens zu einem Drittel auch von Moslems bewohnt. In vielen Dörfern gibt es beide Religionen sowie Nigerianer und Kameruner in einer Familie.

Armee lässt Region im Stich

Die Grenzregion gilt seit längerem als «No-Go-Zone» für Nigerias Armee. Der Chef des Ortes Askira sagte der lokalen Presse: «Ich habe vor Tagen um Schutz der Armee gebeten und zur Antwort bekommen: zuerst müssen die Soldaten ihren Sold bekommen.»

Bei den jüngsten Angriffen sollen demnach sogar Einheiten der Armee in der Nähe gewesen sein, aber nicht eingegriffen haben. Dies und dass die Terroristen mit Armeefahrzeugen in die Dörfer einrückten, schürt in der Bevölkerung den Verdacht, dass Teile der Sicherheitskräfte Nigerias mit den Boko-Haram-Jihadisten unter einer Decke steckten. Viele glauben auch, dass die modernen Waffen, mit denen die Mörder auffallen, nicht aus deren Vernetzungen mit Al-Qaida-nahen Jihadisten in den Nachbarländern stammen, sondern aus den Arsenalen der Armee.

Konflikt-Internationalisierung

Während Armee und Polizei in Nigeria zunehmend ins Zwielicht geraten, versucht sich die Regierung des Nachbarlandes Kamerun im Antiterror-Kampf zu profilieren. Der 81jährige Staats- und Armeechef Paul Biya hat 3000 Soldaten in die Grenzregion zu Nigeria entsandt, die Boko Haram immer wieder als Rückzugsgebiet nutzt. Zwischen 700 und 1000 Jihadisten sollen sich im Norden des Landes aufhalten. «Die Kameruner müssen wissen, dass der Armeechef einen Befehl erteilt hat, der auch umgesetzt wird», sagte ein Armeesprecher in der Hauptstadt Jaoundé.

Kamerun hat aber im Gegensatz zu Nigeria keine Sondereinheiten für den Antiterror-Kampf und auch keine Kampfhelikopter. Es ist zu vermuten, dass Jaoundé bald internationale Militärhilfe anfordert – und eine weitere Internationalisierung des Konflikts in Nigeria näher rückt.

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