Bischöfe gegen «billige Gnade»

Heute wird der Hirtenbrief des Papstes zum Missbrauch von Kindern in der irischen Kirche veröffentlicht. Derweil haben die bayrischen Bischöfe einen historischen Entschluss gefasst. Künftig soll die weltliche Justiz Verdachtsfälle untersuchen.

Walter Brehm
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Papst Benedikt XVI. beim sonntäglichen Angelus-Gebet: Der Pontifex erscheint oft nicht nur räumlich weit von den Sorgen vieler Gläubiger entfernt. (Bild: ap/Gregorio Borgia)

Papst Benedikt XVI. beim sonntäglichen Angelus-Gebet: Der Pontifex erscheint oft nicht nur räumlich weit von den Sorgen vieler Gläubiger entfernt. (Bild: ap/Gregorio Borgia)

«Und sie bewegt sich doch.» Nicht die Welt ist gemeint, wie in dem angeblichen Zitat von Galileo Galilei, sondern die katholische Kirche. Die Nachricht kommt aus Bayern. «Von nun an wird jeder Verdacht auf Kindsmisshandlung oder auf sexuellen Missbrauch von staatlichen Ermittlungsbehörden geprüft werden.» Als erste katholische Instanz in Deutschland hat sich die bayrische Bischofskonferenz klar vom Anspruch abgegrenzt, Missbrauch im Rahmen der Kirche vorrangig auch durch die Kirche ahnden zu lassen.

Die Bischöfe der sieben bayrischen Diözesen und des pfälzischen Bistums Speyer wollen den Vorrang weltlicher Justiz im Missbrauchs-Verdachtsfall auch von der deutschen Bischofskonferenz fordern. «Aus kirchlicher Sicht darf es keine billige Gnade mehr geben», erklärte der Münchner Erzbischof Reinhard Marx.

Wir nicht, die anderen auch

Die Zeitung «Die Welt» schreibt: «Es nutzt nichts, darauf zu verweisen, dass über 80 Prozent aller Fälle von Kindsmissbrauch in Familien stattfinden,

dass sich kirchliche Missbrauchsfälle im Vergleich zu Schulen, Kindergärten und anderen weltlichen Institutionen im Promillebereich bewegen.» Das Blatt argumentiert: «Die Kirche hat sich wie keine andere Institution dem Absoluten verschrieben.» Aus diesem Anspruch lässt sich ableiten, dass die Kirche im Kampf gegen den Missbrauch eine Vorreiterrolle spielen muss, auch wenn die wenigsten Fälle in ihren Reihen stattfinden.

Nicht zu viel erwarten

Heute wird der Hirtenbrief von Papst Benedikt XVI. zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche veröffentlicht. In erster Linie wird es darin um den Missbrauch in der irischen Kirche gehen. Zur Hoffnung vieler Katholiken, der Papst werde grundsätzlich Stellung beziehen, sagt Kurienkardinal José Saraiva Martins: «Der Heilige Vater wird den irischen Katholiken, aber auch allen Bischöfen deutlich die nötigen Wege weisen, wie die Plage der Pädophilie in der Kirche ausgemerzt werden kann.

» Dass der Papst auch ein «eigenes Wort» zu den Vorfällen in Deutschland oder in anderen Ländern sagen wird, bezweifelt der Münchner Erzbischof Marx jedoch.

Eine ideale Vorgabe

Der Schritt der bayrischen Bischöfe ist deshalb von so grosser Bedeutung und wäre eine ideale Vorgabe für eine Klärung durch den Vatikan.

Nur wenn alle Gläubigen darauf vertrauen könnten, dass Verbrechen im Rahmen der Kirche künftig ohne Rücksicht auf Stellung und Person der Verdächtigen von einer unabhängigen Justiz untersucht und geahndet werden, öffnete sich der Raum, um alle Probleme ohne Misstrauen und Tabus zu klären.

Opferschutz und Würde

Strafverfolgung wird aber immer wieder mit dem Argument Opferschutz hintertrieben.

Laut Abt Martin Werlen wurde zum Beispiel in der Stiftsschule Einsiedeln seit den 70er-Jahren in fünf Fällen von Missbrauch auf Strafanzeigen verzichtet. Es gelte, den Betroffenen die «Hoheit über das Verfahren zu geben», nicht über ihre Köpfe hinweg zu entscheiden, argumentieren viele Kleriker. Es ist aber aus der Opferhilfe auch bekannt, wie sehr Betroffene darauf angewiesen sein können, dass ihnen die «Last» der Strafanzeige abgenommen wird.

Missbrauchsopfer können bei allem Leiden über lange Zeit emotional an den Täter gebunden sein, unfähig, sich ihre Würde aus eigenem Antrieb zurückzuerobern. Die Leiden der Betroffenen müssen deshalb so schnell wie möglich gelindert werden, statt ihnen aufzubürden, sie über Jahrzehnte der Scham zu ertragen.

Der Entscheidung der bayrischen Bischöfe zu folgen, hiesse: Das blosse Bedauern der Opfer zu beenden, Verantwortung zu übernehmen, indem die Tatverdächtigen im Namen der Kirche der Justiz überantwortet würden.

Chance für neues Vertrauen

Der Hirtenbrief des Papstes wird die Probleme der katholischen Kirche nicht auf wundersame Weise lösen. Er kann aber die Chance eröffnen, dass Debatten über Sexualität im allgemeinen, den Zölibat und Homosexualität im besonderen innerhalb der Kirche und nicht gegen sie geführt werden. Zu verhindern sind sie nicht mehr.

Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising. (Bild: ap/Michael Probst)

Reinhard Marx, Erzbischof von München und Freising. (Bild: ap/Michael Probst)

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