Bis der erste Sturm vorüber ist

Als Folge des Brexit glaubt Ökonomin Caroline Hilb Paraskevopoulos von der St. Galler Kantonalbank weder an eine Börsenbaisse noch an eine Rezession. Anlegern rät sie zur Ruhe, die Nationalbank sei gefordert, und der Brexit berge für die Schweizer Wirtschaft auch Chancen.

Thomas Griesser Kym
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Die Frankenstärke und Unsicherheit, die Investitionen hemmt, belasten den Schweizer Maschinenbau. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Die Frankenstärke und Unsicherheit, die Investitionen hemmt, belasten den Schweizer Maschinenbau. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Frau Hilb, auf das Ja des britischen Stimmvolks zum Brexit hat der Schweizer Franken aufgewertet, und die Börsen haben verloren. Sind das kurzfristige Schocks oder länger anhaltende Entwicklungen?

Caroline Hilb Paraskevopoulos: Die starke Abwärtsbewegung an den Börsen ist ein kurzfristiger Schock, der schnell wieder ausläuft und nicht in eine Börsenbaisse mündet. Beim Franken sieht es etwas anders aus. Seine Aufwertung spiegelt die Unsicherheit, die als Folge des Brexit aus Europa kommt. Der Franken bleibt als sicherer Hafen gesucht. Wir werden deshalb verstärkte Interventionen der Schweizerischen Nationalbank SNB sehen.

Die SNB hat bereits gestern Eingriffe am Devisenmarkt bestätigt und angekündigt, dass sie weiter aktiv bleiben wolle am Markt. Bleibt sie also weiterhin gefordert?

Hilb: Ganz sicher. Die SNB wird über geraume Zeit verstärkt intervenieren. Eine Aufwertung des Frankens möchte sie auf jeden Fall verhindern. Wichtig ist vor allem auch, dass die Europäische Zentralbank stillhält, also keine weiteren Zinssenkungen vornimmt. Sonst müsste auch die SNB wohl oder übel an der Zinsschraube drehen.

Wie wahrscheinlich ist das?

Hilb: Falls sich die Märkte beruhigen, und davon gehe ich aus, glaube ich nicht, dass die EZB in den nächsten Wochen die Zinsen noch weiter senkt. Zumal sie schon mit ihrem Anleihekaufprogramm stark engagiert ist. Damit kann sie allfällig steigende Renditen von Staatsanleihen viel rascher unter Kontrolle bringen.

Wegen der Ungewissheit und Befürchtungen über einen Dämpfer des Wirtschaftswachstums dürfte die Tiefzinsphase anhalten, oder?

Hilb: Ja. Das Zinsniveau wird sich wohl noch einen Tick tiefer einpendeln, und die Tiefzinsphase dürfte noch länger anhalten. Für die Konsumenten bedeutet das, die Hypothekarzinsen bleiben sicher tief. Sehr anspruchsvoll bleibt die Lage dagegen für Sparer oder Pensionskassen.

Die Börsen haben verloren, Gold ist teurer geworden – inwieweit sollte ein privater Investor Umschichtungen vornehmen in seinem Portfolio?

Hilb: Ich würde mal den ersten Sturm vorüberziehen lassen. Sicher nicht verkaufen würde ich Franken-Obligationen mit guter Bonität. Auch Schweizer Aktien würde ich behalten. Man kann sich auch überlegen, seine Anlagen mit Aktien noch weiter auszubauen, muss aber gute Nerven haben. Doch eine weltwirtschaftliche Rezession wird der Brexit nicht auslösen.

In welcher Lage sind Schweizer Exporteure?

Hilb: Zum einen sind die Währungsverschiebungen ein Risiko. Mit einem Kurs von 1.07 oder 1.08 Franken pro Euro kann die Schweizer Wirtschaft einigermassen umgehen. Das zweite aber ist, dass als Folge des Brexit die Verhandlungen zwischen der Schweiz und der EU in den Hintergrund treten. Das schafft Ungewissheit über die weitere Entwicklung, und das kann Investitionen hemmen oder dazu führen, dass Schweizer Firmen Pläne für Investitionen im Ausland aus der Schublade ziehen.

Ist die Ostschweizer Wirtschaft speziell betroffen?

Hilb: Ja, weil überdurchschnittlich viele Ostschweizer Firmen mit der EU verbandelt sind. Am stärksten betroffen vom Brexit ist ja Deutschland, dessen Wirtschaft vergleichsweise stark nach Grossbritannien exportiert. Wenn nun die deutsche Wirtschaft unter einer Abkühlung der britischen Konjunktur leidet, trifft das auch unsere Unternehmen, weil Deutschland unser wichtigster Handelspartner ist.

Wenn in ein paar Jahren Grossbritannien nicht mehr Teil der EU ist, kann es dann zu Behinderungen im schweizerisch-britischen Aussenhandel kommen?

Hilb: Nein, denn Grossbritannien kann nun direkt mit der Schweiz bilateral verhandeln. An Verschlechterungen hat niemand ein Interesse. Der Warenaustausch kann gar einfacher werden. Eine Option könnte sein, dass die Schweiz als Nicht-EU-Land relativ zügig ein neues Freihandelsabkommen mit Grossbritannien abschliesst, unabhängig davon, was bei den Austrittsverhandlungen der Briten und der EU zustande kommt.

Da der weltgrösste Finanzplatz London künftig nicht mehr in der EU liegt: Kann der Schweizer Finanzplatz davon profitieren?

Hilb: Es ist sicher für den Schweizer Finanzplatz kein Nachteil, und grundsätzlich könnte er profitieren. Aber das ist alles noch weit weg. Grossbritannien und die Schweiz sitzen im gleichen Boot, beide wollen einen freien Marktzugang von Dienstleistungen zur EU. Es ist denkbar, dass europäische Banken ihre Zelte in London abbrechen. Aber statt nach Zürich könnten sie ebenso gut nach Frankfurt oder Paris zügeln.

Die Briten sind eine wichtige Gästegruppe für den Schweizer Tourismus. Kommen jetzt weniger wegen der Frankenaufwertung?

Hilb: Möglich. Aber Ferien bucht man ja im Allgemeinen eine gewisse Zeit im Voraus.

Umgekehrt können schnell entschlossene Schweizer mit England-Ferien profitieren.

Hilb: Ja, durchaus – falls man gerne mit dem Regenschirm in der Hand Sommerferien verbringen möchte!

Caroline Hilb Paraskevopoulos Leiterin Anlagestrategie und Analyse, St. Galler Kantonalbank (Bild: pd)

Caroline Hilb Paraskevopoulos Leiterin Anlagestrategie und Analyse, St. Galler Kantonalbank (Bild: pd)