Birmingham: Ein Abbild der englischen Gesellschaft

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Verhaftungen Die Hagley Road im Birminghamer Stadtteil Edgbaston ist ein Abbild der Gesellschaft in Englands zweitgrösster Stadt: bunt, multikulturell und ein wenig schäbig.

In der Nacht auf gestern drangen hier bewaffnete Spezialkommandos in zwei Wohnungen über einem persischen Restaurant ein, offenbar auf der Suche nach Komplizen und Unterlagen des Terroristen von Westminster. Auch im nahen Stadtteil Winson Green wurden Wohnungen durchsucht und mehrere Männer vorübergehend festgenommen. Es habe acht Festnahmen gegeben.

Anschlagsfahrzeug wurde in der Stadt angemietet

Laut dem Terrorabwehr-Chef von Scotland Yard, Mark Rowley,sei der Angreifer wohl «vom internationalen Terrorismus» angestiftet worden. Nach der Bekennung des IS zum Anschlag wurde der Verdacht bestätigt. Auch das bei dem Anschlag verwendete Fahrzeug, ein grauer SUV, wurde nach Informationen der BBC in der Stadt angemietet. Wie in vielen anderen britischen Grossstädten gehören auch in Birmingham mittlerweile bis zur Hälfte der Bevölkerung ethnischen Minderheiten an.

Die grössten Gruppen stammen aus den früheren Kolonien Pakistan und Bangladesch. Nicht umsonst hat die öffentlich-rechtliche BBC ihre Komödie «Citizen Khan» in der Metropole Mittelenglands angesiedelt. Der fiktive «Bürger Khan» ist ein grossherziger, grossmäuliger Einwanderer aus Pakistan, der sich im (echten) Stadtteil Sparkhill als «Anführer der Gemeinschaft» aufspielt und damit seine fromme Frau ebenso zur Verzweiflung treibt wie seine säkularen Töchter.

Potenziell fruchtbarer Boden für Hasspredigten

Neben Hunderttausenden bestens integrierten Muslime gibt es in Birmingham auch tiefverwurzelte islamistische Gruppierungen bis hin zu gewaltbereiten Dschihadisten. Erst kürzlich zeigte eine eindrucksvolle Statistik: Neben der Hauptstadt London ist Birmingham Schauplatz der meisten Strafverfahren gegen islamistische Extremisten. Dass hier die Hasspredigten von Dschihadisten auf fruchtbaren Boden fielen, wissen die Briten spätestens seit dem Fall ­Moazzam Begg.

Über hundert Dschihad-Reisende stammen aus Birmingham

Der junge Brite geriet als Betreiber einer islamischen Buchhandlung in Birmingham erstmals 2000 ins Visier des Staatsschutzes. Kurz darauf übersiedelte er mit seiner jungen Familie nach Afghanistan, wurde 2002 in Pakistan festgenommen und als Terrorverdächtiger nach Guantánamo Bay überstellt. Seit seiner Freilassung ohne Anklage im Jahr 2005 engagiert sich Begg, 48, mit der Organisation Cage («Käfig») für islamistische Terrorhäftlinge.

Dazu zählen unter anderen auch zwei junge Männer aus Birmingham, die Ende 2014 wegen ihres Engagements im syrischen Bürgerkrieg zu langjährigen Haftstrafen verurteilt wurden. Nach Geheimdienstschätzungen sind rund 850 junge Briten muslimischen Glaubens über die Türkei nach Syrien und in den Irak gereist. Weit mehr als 100 waren in Birmingham aufgewachsen.

Anführer der Paris-Anschläge hielt sich ebenfalls vor Ort auf

Immer wieder gingen von der Millionenstadt auch Planungen für Terroranschläge auf der Insel aus; eine Gruppe lokaler Extremisten sitzt seit 2007 in Haft, weil sie einen Soldaten entführen und ermorden wollten. Lokale Gruppen haben mittlerweile Kontakte zur Terrormiliz IS geknüpft. Vom Anführer der Pariser Anschläge, dem Belgier Abdelhamid Abaaoud, weiss man, dass er wenige Monate zuvor Glaubensbrüder in Birmingham und London besuchte. Zwei Beteiligte wurden vergangenen Herbst zu Haftstrafen verurteilt.

Neben dem harten Kern von Gewalttätern beherbergt Birmingham auch eine Reihe islamistischer Überzeugungstäter, die mit friedlichen Mitteln für ihre Sache arbeiten.

Skandal um Unterwanderung des Schulsystems

Im Frühjahr 2014 erschütterte eine Serie von Enthüllungen das Schulsystem der Stadt: Anonymen Beschuldigungen zufolge hatten Fundamentalisten systematisch örtliche Schulen in den ärmsten Vierteln der Stadt mit einem hohen Anteil von Muslimen unterwandert und mehrere Direktoren zum Rücktritt gezwungen, um den Unterricht nach islamistischen Grundsätzen zu gestalten. Am Ende genauer Untersuchungen mussten einige Schlüsselfiguren ihre Posten in der Schulverwaltung räumen.

Die Verschwörung scheiterte aber vor allem daran, dass die meisten Eltern eine säkulare Erziehung ihrer Kinder sicherstellen wollten und sich gegen die Einflussnahme durch Anhänger der orthodoxen salafistischen Glaubensrichtung wehrten. (sbl/red)