Bildung wird in den USA Luxusgut

BOSTON. Die Schere zwischen Einkommensentwicklung und Kosten für höhere Schul- oder Universitätsausbildung klafft in den USA immer weiter auseinander. Das gilt besonders für öffentlich finanzierte Hochschulen. Studienkosten stiegen seit 1982 um 440 Prozent.

John Dyer
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Studieren in hohen Hallen: Sich in der Annenberg Hall von Harvard aufhalten zu können, ist der Traum vieler US-Studenten. Die wenigsten können es sich leisten.

Studieren in hohen Hallen: Sich in der Annenberg Hall von Harvard aufhalten zu können, ist der Traum vieler US-Studenten. Die wenigsten können es sich leisten.

Amerikas Universitäten leiden unter Geldnot. Das hochangesehene System laufe Gefahr, unter höheren Kosten und geringeren Einnahmen zusammenzubrechen, heisst es in zwei Studien.

Die Situation sei so ernst, dass Experten den College-Absolventen als eine in Zukunft rare Spezies betrachten, weil die Ausbildungskosten in den kommenden Jahren in astronomische Höhen klettern werden. Die Ergebnisse beider Berichte gleichen sich: Die steigenden Kosten für die Hochschulausbildung könnten diese für die meisten Amerikaner unerschwinglich machen, sofern die Politik das System nicht ändert.

Die Studien sind vom National Center for Public Policy and Higher Education und von der National Association of State Universities and Land-Grant Colleges erstellt worden.

Die Studienkosten sind von 1982 bis 2007 um knapp 440 Prozent gestiegen, weitaus höher als die Ausgaben für Gesundheit, Wohnen oder Lebensmittel. Das mittlere Familieneinkommen ist im gleichen Zeitraum um etwa 150 Prozent gewachsen.

«Barriere statt Tor»

«Höhere Bildung ist zunehmend Barriere statt Tor zum Erfolg für die Studenten aus Familien mit niedrigem oder mittlerem Einkommen», sagt James Hunt, Direktor des National Centers, das eine der Studien erstellt hat. Der ehemalige Gouverneur von North Carolina fügt hinzu: «Die Bundesstaaten müssen etwas gegen diese Blockade unternehmen, um sicherzustellen, dass die USA wettbewerbsfähig mit anderen Industrienationen bleiben.»

Die Studienergebnisse kommen zu einem Zeitpunkt, in dem die Bundesstaaten massive Haushaltslücken aufweisen, welche die öffentliche Hochschulausbildung weiter gefährden. Deren Finanzierung ist seit Jahren rückläufig.

Die Studenten in den USA hinken inzwischen hinter denen anderer Nationen in Leistungsvergleichen nach, insbesondere in Mathematik und Lesekompetenz. Studenten, die von Harvard, Yale und anderen Eliteuniversitäten angenommen werden, laufen jedoch kein solches Risiko.

Diese renommierten Institutionen verfügen über viele Milliarden Dollar und geben armen Studenten grosszügigere Stipendien, als man sie in Europa kennt. Das Problem stellt sich Durchschnittsstudenten an Durchschnittsuniversitäten, insbesondere wenn diese öffentlich finanziert sind.

Lernen auf Kredit

Anders als in manchen europäischen Staaten gibt es in den USA keine kostenlose höhere Schule und Universitätsausbildung. Die meisten Amerikaner bezahlen ihren Universitätsabschluss aus eigener Tasche, oft mit Krediten, die sie jahrelang abbezahlen müssen. Doktoranden finanzieren sich oft durch Lehrtätigkeit an ihrer Universität.

In den «Community Colleges» stiegen laut dem Report der National Association die Kosten seit 1996 um vier Prozent pro Jahr. In den öffentlichen Forschungsuniversitäten sind die Kosten jährlich sieben Prozent höher als vor 20 Jahren. Private erfuhren seit 1996 durchschnittlich eine Kostensteigerung von jährlich sechs Prozent.

Nur die öffentlichen Universitäten von Kalifornien, Michigan und Virginia können im Vergleich mit den besten privaten US-Universitäten mithalten. Sie haben sich vor allem auf Zuwendungen reicher Ex-Studenten und Einnahmen aus Patenten gestützt.

Wenig Abschlüsse, viel Schulden

Die weit auseinanderklaffende Schere zwischen den steigenden Bildungskosten und den US-Einkommen ist erschreckend. Seit jeher sind die Amerikaner bereit, alles zu tun, um ihre Kinder auf das College zu schicken, auch wenn sie sich dafür bis zum Hals verschulden müssen.

Für die ärmsten Bürger mit den niedrigsten Einkommen bedeuten die Kosten der öffentlichen Universität 55 Prozent des mittleren Einkommens. Das ist eine Steigerung um 40 Prozent seit dem Studienjahr 1999/2000. Familien mit mittleren Einkommen wenden etwa 25 Prozent davon für das College auf, 18 Prozent mehr als vor acht Jahren.

Die Kostenexplosion fordert ihren Tribut. Die USA liegen mit der Zahl von College-Absolventen nur noch auf Platz 15 einer Liste von 29 Staaten, wie die Studie des National Center ergab. Höhere Absolventenzahlen als die USA haben europäische Länder.

«Wenn diese Entwicklung noch 25 Jahre so weitergeht, werden wir kein bezahlbares System der höheren Bildung mehr haben», sagt National-Center-Präsident Patrick Callahan. «Schon jetzt sind wir eines der wenigen Länder, in denen die 25- bis 34jährigen weniger gebildet sind als ältere Berufstätige.»