Biden spricht in Kenosha den Afroamerikanern Mut zu und stellt damit sicher, dass der Kontrast zum politischen Gegner möglichst gross ist

Nach Donald Trump hat am Donnerstag auch Joe Biden die Kleinstadt Kenosha (Wisconsin) besucht, Schauplatz tödlicher Unruhen in der vergangenen Woche. Während der Präsident den Ordnungshütern für ihre Arbeit dankte, traf sich der Präsidentschaftskandidat der Demokraten mit Afroamerikanern zur Aussprache.

Renzo Ruf aus Washington
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Joe Biden sprach zu und mit Afroamerikanern – später auch mit Jacob Blake.

Joe Biden sprach zu und mit Afroamerikanern – später auch mit Jacob Blake.

Keystone

Politik ist auch die Kunst, den Kontrast zum politischen Gegner zu vergrössern. Deshalb verzichtete der Präsidentschaftskandidat Joe Biden am Donnerstag während seinem Besuch in der Kleinstadt Kenosha im Bundesstaat Wisconsin auf ein Gespräch mit Polizisten oder Nationalgardisten. Auch sah der Demokrat davon ab, sich mit Geschäftsinhabern oder Liegenschaftsbesitzern zu treffen, die bei den Unruhen in der vergangenen Woche ihr Hab und Gut verloren hatten.

Präsident sei ein «Angstmacher», sagt Biden

Denn Biden wollte Präsident Donald Trump, der am Dienstag nach Kenosha gereist war, nicht kopieren – sondern den Wählerinnen und Wählern verdeutlichen, dass er für ein anderes Amerika stehe. Ein «hoffnungsvolles» Amerika, in dem es keinen Platz für «Angstmacher» wie dem Präsidenten habe, wie es der Demokrat formulierte.

Also traf sich Biden ziemlich genau zwei Monate vor der Präsidentschaftswahl mit der Familie von Jacob Blake; der 29-jährige Afroamerikaner war am 23. August von einem weissen Ordnungshüter in Kenosha durch sieben Schüsse in den Rücken schwer verletzt worden. Dieser Polizeieinsatz führte zu anfänglich friedlichen Demonstrationen, die allerdings eskalierten, bis ein selbsternannter Ordnungshüter zwei Aktivisten tötete. Biden traf sich in Kenosha auch mit Vertretern der afroamerikanischen Bevölkerung in einer Kirche zu einem Meinungsaustausch.

Gespräch mit Jacob Blake

Biden sprach gegen 90 Minuten lang mit der Familie von Blake, die er und seine Gattin Jill am Flughafen von Milwaukee trafen. Telefonisch tauschte er sich auch mit Jacob Blake aus, der sich immer noch in Spitalpflege befindet, auch wenn er nun die Intensivstation verlassen konnte. «Er sagte, dass er sich durch nichts besiegen lasse», erzählte Biden später über sein Gespräch mit dem jungen Afroamerikaner. Obwohl Blake, Vater dreier Söhne, derzeit nicht wisse, ob er aufgrund seiner schweren Rückenverletzungen jemals wieder gehen könne, wolle er nicht aufgeben, sagte Biden.

Joe Biden verdeutlichte mit seinem Auftritt, dass er ganz andere Ansichten hat wie Donald Trump, der die Stadt am Dienstag besuchte.

Joe Biden verdeutlichte mit seinem Auftritt, dass er ganz andere Ansichten hat wie Donald Trump, der die Stadt am Dienstag besuchte.

Keystone

Anschliessend spielte Biden seine bevorzugte Rolle: Den mitfühlenden Staatsmann, der dank eines langen Lebens und zahlreichen Schicksalsschlägen im Stand ist, Trost zu spenden. In einer evangelisch-lutherischen Kirche in Kenosha sprach er den versammelten Afroamerikanern Mut zu. Er sagte, die Ereignisse in den vergangenen Monaten – insbesondere der gewaltsame Tod von George Floyd in Minnesota (Minneapolis) – habe auch die weisse Bevölkerung Amerikas aufgerüttelt. Der Polizeieinsatz «traf einen Nerv», sagte Biden. Und er versicherte den versammelten Aktivisten auch, dass die Gegenkampagne von Trump in der breiten Bevölkerung nicht auf Resonanz stosse. Der Präsident versucht, die Diskussion um Polizeigewalt und Rassismus auf die Schlagworte «Recht und Ordnung» zu verengen; aktuelle Meinungsumfragen deuten aber darauf hin, dass der konziliante Ansatz Bidens auf mehr Zustimmung stösst.

Der Demokrat rief seinem Publikum allerdings auch in Erinnerung, dass er kein Verständnis für gewalttätige Proteste oder Sachbeschädigungen habe. Auch nahm er die heftige kritisierte Stadtpolizei in Schutz. Es spiele keine Rolle, «wie wütend sie sind», sagte Biden, wer gegen Gesetze verstosse, müsse zur Verantwortung gezogen werden.

Afroamerikaner sind mit der Geduld am Ende

Obwohl niemand im Publikum die Brandstiftungen und Plünderungen in der vergangenen Woche verteidigte, deuten die Anwesenden doch an, dass sie mit der Geduld zu Ende sind. So sagte die 31-jährige Aktivistin Porche Bennett, eine Vertreterin der Organisation Black Lives Activists Kenosha (BLAK), dass sie genug von leeren Versprechungen habe. Sie wolle nicht mehr ständig aufgrund ihres Aussehens oder ihrer Kleidung beurteilt werden, sagte Bennett. Auch wolle sie die gleichen Rechte haben wie alle anderen Bewohner Amerikas. «Wenn ich der Polizist gewesen wäre», der Jacob Blake in den Rücken schoss, «wäre ich nun im Gefängnis von Kenosha.» (Der Polizist befindet sich immer noch auf freiem Fuss.)

Die Aussagen von Bennett sorgten für eine Mini-Kontroverse, weil die Aktivistin einleitend festhielt: Sie wolle die Wahrheit sagen, und werde sich deshalb nicht an das Skript halten, das ihr zugesteckt wurde. In einem Interview mit einem Journalisten der «Washington Post» betonte Bennett aber später, dass es sich dabei nicht um ein Skript des Wahlkampfteams von Joe Biden gehandelt habe.

Biden sprach den Rednern Mut zu. Und er erinnerte sie an die Worte des kürzlich verstorbenen Bürgerrechtlers John Lewis, der immer und immer wieder die Wichtigkeit von Wahlen betont habe. Biden wäre aber nicht Biden, wenn er nicht auch einen Fauxpas begangen hätte. In einer besonders langfädigen Stellungnahme sprach darüber, wie er seine Reformvorstellungen mittels Steuererhöhungen finanzieren wolle. Er verzichte aber, sagte Biden, auf Details einzugehen, sonst werde er «erschossen», weil er derart lange spreche.

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