Besatzung stand unter Druck

Absturz der polnischen Präsidentenmaschine im April vergangenen Jahres: Laut russischer Untersuchung ist die Besatzung schuld. Polen hegt Vorbehalte.

Paul Flückiger
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Vizepremier Nick Clegg (Bild: ap)

Vizepremier Nick Clegg (Bild: ap)

Warschau. Enormer Druck auf die Besatzung und Pilotenfehler sind laut russischer Untersuchung schuld am Absturz der polnischen Präsidentenmaschine am 10. April vergangenen Jahres in Smolensk. Dies hält ein gestern in Moskau präsentierter Bericht der russischen «Zwischenstaatlichen Luftfahrtkommission» (MAK) fest. Der Entscheid, trotz dichten Nebels, mangelnder Sicht und Warnungen der Bordgeräte nicht auf einen andern Flughafen auszuweichen und mit der Landung zu beginnen, habe zum Absturz geführt, sagte MAK-Chefin Tatiana Anodina an einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz. Das Datum für die Publikation des gut 200seitigen Berichts war von den Russen so gewählt worden, dass sowohl Polens Premierminister Donald Tusk wie der polnische Vertreter in der MAK, Edmund Klich, in den Winterferien waren.

Polnische Kritik bleibt

Noch am Mittag kehrte Tusk überstürzt aus den Dolomiten heim; auch Klich brach seine Ferien ab. Beide hatten eine erste Version des Abschlussberichts im Oktober kritisiert. Erst Mitte Dezember hatte Polen 150 Seiten mit Änderungswünschen und Zusätzen nach Moskau geschickt. Diese seien zu rund 20 Prozent berücksichtigt worden, war nun in Moskau zu hören. Von polnischer Seite wird vor allem bemängelt, dass die Arbeit des Towers sowie die technischen Mängel des Smolensker Flughafens im Bericht nicht erwähnt werden.

Polens Oppositionschef Jaroslaw Kaczynski, Zwillingsbruder des beim Absturz zusammen mit 95 Mitreisenden umgekommenen Staatspräsidenten, kritisierte postwendend: «Jeder, der Russland kennt, wusste, dass der Bericht so aussehen wird:» Kaczynski stört vor allem, dass die ganze Schuld auf Polen geschoben wird.

In der polnischen Presse war spekuliert worden, die Tower-Mitarbeiter in Smolensk hätten die Landung auf Geheiss von Moskau erlaubt – aus Angst vor einem internationalen Skandal. Der MAK-Bericht hält nun fest, da es sich bei dem tragischen Flug um einen internationalen Zivilflug gehandelt habe, sei allein die Mannschaft für den Landeversuch verantwortlich gewesen. Warschau hat den Flug bisher als militärisch qualifiziert, was mehr Verantwortung für den Tower mit sich zöge.

Präsident Lech Kaczynski wollte damals in den Wäldern von Katyn bei Smolensk Gräber besuchen, in denen 22 000 im Zweiten Weltkrieg vom sowjetischen Geheimdienst ermordete Polen liegen. Wegen des verspäteten Eintreffens des Präsidentenpaares auf dem Warschauer Flughafen und wegen schlechten Wetters geriet die Besatzung bald unter Zeitdruck.

Luftwaffenchef mit Promillen

Vor allem in der Endphase des Flugs waren sowohl der Protokollchef als auch Polens Luftwaffenchef, General Andrzej Blasik, zeitweise im Cockpit. «Die Gegenwart hoher Entscheidungsträger übte Druck auf die Piloten aus», sagte MAK-Chefin Anodina. Dazu kommt, dass bei Blasik 0,6 Promille Alkohol im Blut festgestellt wurden. Dass dies zum Absturz der Maschine beigetragen habe, steht aber nirgends im Bericht. Auch wird festgehalten, dass die Black-Box-Untersuchung kein direkter Druck seitens Lech Kaczynskis zutage gefördert habe. Die russische Behauptung, die polnischen Piloten hätten zu schlecht russisch gesprochen, wird widerlegt. Oppositionschef Kaczynski sieht dennoch kein Körnchen Wahrheit im dem MAK-Befund: «Der Bericht macht sich über Polen lustig.»