Berlusconi schleicht sich an

Zwei Wochen vor den italienischen Parlamentswahlen ist der frühere Premier Berlusconi bis auf wenige Prozentpunkte an die führende Linke herangerückt. Diese zeigt sich unbeirrt siegesgewiss.

Dominik Straub
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Silvio Berlusconi ist im Wahlkampf wieder in seinem Element. (Bild: epa/Ettore Ferrari)

Silvio Berlusconi ist im Wahlkampf wieder in seinem Element. (Bild: epa/Ettore Ferrari)

ROM. «Eine ukrainische Umfrage sieht Berlusconi bei 122 Prozent der Stimmen.» So verspottete der linke Spitzenkandidat Romano Prodi 2006 die von Silvio Berlusconi in Auftrag gegebenen und für dessen Rechtskoalition verheissungsvollen Wahlprognosen. Auch Ex-Premier Massimo D'Alema liess sich von Berlusconis bezahlten Demoskopen nicht beeindrucken und verglich die Umfragen-Besessenheit des Cavaliere mit der antiken Praxis, vor einem Krieg ein Orakel zu befragen: «Berlusconi hat den Flug der Vögel beobachtet und glaubt nun, dass ihm das Schicksal günstig gesinnt sei.»

Tatsächlich schien Berlusconi, der zuvor fünf Jahre miserabel regiert hatte, auch im Wahlkampf von 2006 chancenlos: Die unabhängigen Umfragen sahen ihn wenige Wochen vor den Wahlen unaufholbare 6 bis 7 Stimmenprozente hinter Prodis Mitte-Links- Koalition zurück. Der Rest ist Geschichte: Prodi gewann in der Abgeordnetenkammer mit einem Zufallsmehr von 24 755 Stimmen, und im Senat verfügte er über eine Mehrheit von gerade zwei Sitzen. Die heterogene Mitte-Links-Regierung Prodis machte danach eine jämmerliche Figur, stürzte nach zwei Jahren – und bereitete damit den Boden für Berlusconis triumphale Rückkehr bei den Wahlen 2008.

«Nicht mal mit einem Fernrohr»

Das gleiche Szenario könnte sich an den Wahlen in zwei Wochen wiederholen. Auch diesmal tobt wieder ein Kampf der Umfragen, auch diesmal wiegen sich Berlusconis Gegner in trügerischer Siegesgewissheit. «Ein Überholmanöver Berlusconis vermag ich nicht mal mit einem Fernrohr zu entdecken», sagt der Chef des links-moderaten Partito Democratico (PD), Pier Luigi Bersani. Zuvor hatte Berlusconi, eine Umfrage seiner Hausdemoskopin Alessandra Ghisleri in der Hand, einmal mehr erklärt, man sitze der Linken bis auf 1 oder 2 Prozentpunkte im Nacken und werde in den verbleibenden zwei Wochen Wahlkampf zum Überholen ansetzen.

Bis zum Wahltermin dürfen nun keine Umfragen mehr veröffentlicht werden. So haben gestern die meisten italienischen Medien ein letztes Mal detaillierte Umfrageergebnisse publiziert. Resultat: In der Abgeordnetenkammer verfügt die Linkskoalition von Bersani noch über einen Vorsprung von 1,7 Prozent (Ghisleri) bis maximal 7 Prozent («Corriere della Sera»). Im Senat scheint eine Linksmehrheit bereits ausser Reichweite: In der Lombardei, die vermutlich über Sieg oder Niederlage in der kleinen Parlamentskammer entscheidet, liegt Berlusconi in Führung.

Das Blaue vom Himmel

Wieder einmal hat Berlusconi demonstriert, dass ihm als Wahlkämpfer niemand auch nur annähernd das Wasser reichen kann. In den vergangenen Wochen hat er den Italienern einmal mehr das Blaue vom Himmel versprochen; gleichzeitig verunglimpfte er den abtretenden Premier Mario Monti als Knecht des «deutschen Hegemons». Berlusconi versteht es, die Instinkte seiner Landsleute anzusprechen, vor allem die niederen: Statt des von Monti errichteten «fiskalistischen Polizeistaats» stellt er eine weitere Amnestie für Steuersünder in Aussicht. In den verbleibenden zwei Wochen wird der Cavaliere noch einen Zacken zulegen. Im Wahlkampf 2008 hatte er zum Beispiel versprochen, dass seine Koalition im Falle einer Wahl den Krebs besiegen werde.

Erneut Links-Mitte-Koalition?

Noch sind sich die meisten Kommentatoren sicher, dass Berlusconi kein viertes Mal Premier wird. Es werde ihm zwar gelingen, der Linkskoalition die Mehrheit im Senat zu vermasseln, nicht aber deren Sieg in der Abgeordnetenkammer zu verhindern. Die wahrscheinliche Folge eines derartigen Wahlausgangs wäre die Bildung einer Regierungskoalition aus Bersanis Linken und Montis Mitte als Juniorpartner. Dies entspräche, was die politische Bandbreite betrifft, ziemlich genau der gescheiterten Unione von Prodi. Das sind keine ermutigenden Aussichten für das krisengeschüttelte Italien.