Bergkarabach: Internationaler Druck fehlt

Analyse zum Konflikt zwischen Aserbaidschan und Armenien

André Widmer
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Die Kriege im Irak und in Syrien sowie in der Ostukraine, das destabilisierte Libyen, die Raketentests in Nordkorea, Katar in der Zange seiner Nachbarn: Es gibt genügend Brandherde auf der Welt, die die Schlagzeilen in diesen Tagen dominieren. Der Konflikt zwischen Armenien und Aserbai-dschan um das Gebiet Bergkarabach gehört derzeit definitiv nicht dazu. Zu Unrecht: Er schwelt latent vor sich hin und hat aufgrund der geopolitischen Ausgangslage das Potenzial zur Destabilisierung von grossen Teilen des Südkaukasus.

Auf der internationalen politischen Tagesordnung ist der Disput zuletzt im April letzten Jahres nach oben gerückt. Während mehrerer Tage kam es damals zu heftigen Zusammenstössen zwischen armenischen und aserbaidschanischen Kampfverbänden. Jene Eskalation war die heftigste Auseinandersetzung seit dem Ende des Krieges 1994. Just nun vor einigen Tagen starben an der sogenannten «Kontaktlinie» zwei aserbaidschanische Zivilisten – gemäss Meldung durch armenischen Artilleriebeschuss. Der Aufschrei in Aserbaidschan war besonders gross, weil eines der Opfer ein 18-monatiges Kleinkind ist. Die armenische Separatistenbehörde in Bergkarabach bezichtigte derweil den Gegner, die Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde zu missbrauchen. Eines der Hauptprobleme dieses Konfliktes: Es gibt nur ein Waffenstillstandsabkommen, aber keinen Friedensvertrag. Schusswechsel gibt es praktisch täglich.

Der Konflikt hat eine Vorgeschichte: Während des Zusammenbruchs der Sowjetunion sagte sich die armenische Bevölkerungsmehrheit von Bergkarabach von Aserbai-dschan los und wollte sich mit dem Mutterland Armenien vereinigen. Daraufhin entbrannte ein Krieg zwischen den separatistischen Paramilitärs und der Republik Aserbaidschan auf der anderen Seite. Das Endresultat: Fast 20 Prozent Aserbaidschans – nicht nur Bergkarabach – sind jetzt armenisch besetzt. Hunderttausende mussten fliehen, es kam zu einer ethnischen Entflechtung der Bevölkerungsgruppen. Die Behauptung der armenischen Separatisten, dass Aserbai-dschan die Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde missbraucht, ist somit zutiefst zynisch: Entlang der Waffenstillstandslinie leben viele aserbaidschanische Flüchtlinge, die vor Armeniern geflohen sind. Die geografische Lage und die politischen Konstellationen bringen es mit sich, dass der Bergkarabach-Konflikt nach wie vor nicht gelöst ist. Das umstrittene Gebiet liegt im ohnehin instabilen Südkaukasus. Armeniens Schutzmacht ist Russland, Aserbaidschan pflegt bekanntlich eine grosse Nähe zur Türkei. Der Iran wiederum ist Nachbar Armeniens und Aserbaidschans. Gas- und Ölpipelines durchqueren den Südkaukasus.

Auch für den Westen wäre also eine bessere Sicherheitslage im Südkaukasus Gold wert. Der internationale Druck auf die Streithähne Armenien und Aserbaidschan fehlt jedoch. Der Schlüssel dazu liegt allerdings ohnehin in erster Linie in Moskau. Leider sieht es aber nicht danach aus, dass Russland stärkeren Einfluss für eine Konfliktlösung geltend machen wird. Schwelende Konflikte verunmöglichen nämlich die weitere Integration ehemaliger Sowjetrepubliken in westliche Bündnisse – siehe Georgien und aktuell die Ukraine.

André Widmer

Der Autor recherchiert regelmässig in den Ex-Sowjetrepubliken. 2013 erschien sein Buch «Der vergessene Konflikt» über den Territorialdisput um die Region Bergkarabach.