Berauscht von der Armee

Mit der grössten Militärparade in der Geschichte der Volksrepublik hat China des Endes des Zweiten Weltkriegs in Asien vor 70 Jahren gedacht. Und sich dabei als unangreifbare Grossmacht in Szene gesetzt.

Finn Mayer-Kuckuk/Peking
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Im Stechschritt marschieren 12 000 Elitesoldaten an der Ehrentribüne am Tor des Himmlischen Friedens in Peking vorbei. (Bild: epa/Wu Hong)

Im Stechschritt marschieren 12 000 Elitesoldaten an der Ehrentribüne am Tor des Himmlischen Friedens in Peking vorbei. (Bild: epa/Wu Hong)

Xi Jinping schwitzt wie jeder andere, der bei 30 Grad in einem dunklen Mao-Anzug eine Stunde lang in der prallen Sonne stehen muss. Er bewegt jedoch keinen Gesichtsmuskel, gibt sich unnahbar, fast etwas unbeteiligt. Und doch konzentrieren sich 12 000 Elitesoldaten und 40 000 Zuschauer auf diesen Mann: den Oberbefehlshaber der Volksbefreiungsarmee. Auf sein zackig gesprochenes Wort hin setzt sich eine Parade aller Truppengattungen der Volksbefreiungsarmee in Bewegung – zur Inspektion durch Xi hier am Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

Bei der Militärparade zum Ende des Zweiten Weltkriegs präsentierte sich China gestern als unangreifbare Grossmacht. Die Volksbefreiungsarmee zeigt lange Reihen von nuklear bestückten Interkontinentalraketen, die Ziele überall auf der Welt treffen können, ausserdem Drohnen, Raketenabwehreinheiten und Kampfjets der neuesten Generation. Staatliche Kommentatoren betonten, dass Demütigungen wie seinerzeit die Wehrlosigkeit gegenüber dem Angreifer Japan heute unmöglich seien. Die Volksbefreiungsarmee sei «ein Schild für die nationale Würde».

Weniger Soldaten, mehr Schlagkraft

In einer Rede setzte Xi jedoch den Schwerpunkt beim Thema Frieden. «China bleibt der friedlichen Entwicklung verpflichtet. Wir Chinesen lieben den Frieden», sagte er und kündigte bei dieser Gelegenheit an, die Truppen um 300 000 Mann auf zwei Millionen Soldaten zu verkleinern. Hinter der Verkleinerung steckt jedoch eine Stärkung. Statt Millionen von Soldaten mittelmässig auszurüsten und auszubilden, sollen hochgradig bewegliche Einheiten auf Weltstandard entstehen. Xi setzt damit einen Trend von Militärreformen fort, der auf punktuelle Schlagkraft statt grosse Zahlen setzt. China hat zudem auch nach der Verkleinerung das grösste Heer der Welt. «Die Rüstungsausgaben werden weiterhin schnell ansteigen», sagt Analyst Paul Burton vom Forschungshaus IHS. In diesem Jahrzehnt werde sich das Verteidigungsbudget glatt verdoppeln. Die Qualität der Ausrüstung steige im Gleichschritt an.

Die technischen Möglichkeiten zeigen sich auch in den neuen Waffen, die China auf der Parade erstmals präsentiert. Xi lobte zwar die Allianz der Länder, die seinerzeit Japan und Deutschland besiegt haben, doch eine ganze Reihe der Kriegsgeräte ist von Reichweite und Zielsetzung her auf einen bestimmten Gegner ausgerichtet: den globalen Rivalen USA.

China zeigt sein Waffenarsenal

Die bedrohlichste Neuerung ist eine Rakete vom Typ Ostwind-21D, die Schiffe aus grosser Entfernung treffen kann, ebenso wie die etwas grössere Ostwind-26, die sogar Atomsprengköpfe tragen soll. China hat damit nun die Mittel, amerikanische Flugzeugträger zu versenken, bevor sie sich Chinas Küsten auch nur nähern können. Eine der wichtigsten Optionen der Amerikaner ist damit potenziell ausgeschaltet. Rüstungsexperten zufolge hat sich China damit in der Kategorie der Anti-Schiffs-Waffen an die Weltspitze gesetzt.

Xi liess auch ein ganzes Aufgebot von Interkontinentalraketen zeigen, darunter das besonders grosse Modell Ostwind-5B, das eine tödliche Last von bis zu drei Tonnen Gewicht bis nach Washington und noch viel weiter tragen kann. Sie hat die Fähigkeit, sich beim Wiedereintritt in drei Flugkörper aufzuteilen und damit am US-Raketenschild vorbeizukommen. Es handelt sich um typische Waffen der nuklearen Abschreckung.

Kriegsgerät und Friedenstauben

Nach der Parade des Tötungsgeräts legten die Organisatoren wieder mit einer Friedensbotschaft nach und liessen weisse Tauben in den Himmel aufsteigen. Bei vielen Chinesinnen und Chinesen, die das Spektakel im Fernsehen verfolgten, kam die doppelte Botschaft von der eigenen Stärke bei vorgeblich friedlichen Motiven gut an. «Ich wünsche mir, dass China jeden Tag stärker wird!», schreibt Jin Jing, ein Beamter aus Urumqi im Westen des Landes, in seinem Blog. «Es ist bloss zu bemängeln, dass in den Augen unserer Soldaten heute nicht mehr genug Kampfgeist funkelt.» Andere sahen die Veranstaltung differenzierter. «Ich finde es gut, dass uns heute keiner mehr etwas tun kann, aber ist so eine Parade wirklich eine Friedensbotschaft?», fragt die 32jährige Pekingerin Xiaomei.

Niemand im Land mag dagegen an diesem Jubeltag daran erinnern, dass die Volksbefreiungsarmee von 1927 bis 1950 vor allem in einen Bürgerkrieg eingebunden war. Sie hat daher die Truppen der bürgerlichen Republik ebenso sehr bekämpft wie die Japaner. Um die eigene Rolle im Sieg gegen Japan hervorzuheben, betonen chinesische Historiker in diesen Tagen, dass die meisten japanischen Soldaten in China gefallen seien – nicht auf dem Meer, wo die US-Marine die Flotte des Kaisers dezimiert hat.

70 Jahre Misstrauen

Japan ist generell der Hauptgegner der Propagandakampagne, von der die Militärparade begleitet ist. Die Länder stehen sich seit Kriegsende misstrauisch und oft immer noch fast feindlich gegenüber. Es ist der Regierung in Tokio in all den Jahrzehnten nie gelungen, sich überzeugend für Kriegsgreuel zu entschuldigen und die Vergangenheit zu bewältigen. Peking hat seinerseits gerade in den vergangenen Jahren den Groll des eigenen Volkes gegen das Nachbarland gezielt schürt. Im Fernsehen sind laufend Filme und Serien zu sehen, die die Japaner als wahre Teufel darstellen.

Die Gedenkfeier galt dementsprechend nach offizieller Sprechweise dem «Sieg im Widerstand des chinesischen Volkes gegen die japanische Aggression und den weltweiten antifaschistischen Krieg». In Tokio kam die Veranstaltung dementsprechend schlecht an. Der japanische Premier Shinzo Abe hatte die Einladung abgesagt und auch keinen Vertreter geschickt. China hält solche Militärparaden für gewöhnlich nur zu runden Jahrestagen der Gründung der Volksrepublik ab. Es ist das erste Mal, dass sie dem Sieg über Japan gilt.

Erstmals zeigt China auch seine neue Mittelstreckenrakete, den «Guam Killer». (Bild: ap/Andy Wong)

Erstmals zeigt China auch seine neue Mittelstreckenrakete, den «Guam Killer». (Bild: ap/Andy Wong)