Benny Gantz soll in Israel eine neue Regierung bilden - wer ist der Mann, der Netanjahu ablösen soll?

Nach zehn Jahren Benjamin Netanjahu soll ein neuer Premierminister die Geschicke Israels leiten. Doch Benny Gantz steht vor einer sehr schweren Aufgabe.

Pierre Heumann aus Tel Aviv
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Benny Gantz hat in Israel den Regierungsauftrag erhalten. (Bild: Atef Safadi/EPA, Jerusalem, 3. Oktober 2019)

Benny Gantz hat in Israel den Regierungsauftrag erhalten. (Bild: Atef Safadi/EPA, Jerusalem, 3. Oktober 2019)

In Israel kommt das fast schon einer kleinen Sensation gleich: Erstmals seit zehn Jahren soll ein Kandidat, der nicht Benjamin Netanjahu heisst, eine Koalition auf die Beine stellen. Nachdem es Netanjahu nicht gelungen ist, eine mehrheitsfähige Regierung zusammenzustellen, soll es nun sein Gegenspieler Benny Gantz versuchen.

Der ehemalige Generalstabschef hat 28 Tage Zeit, um mindestens 61 Parlamentarier hinter sich zu scharen. Gelingt ihm das, wird er der 13. Premier des Landes sein. Doch Gantz hat schlechte Karten. Weil seine Partei Blau-Weiss mit 33 Mandaten mindestens 28 Parlamentarier von anderen Parteien überzeugen müsste, sich ihm anzuschliessen, braucht er das Geschick eines politischen Zauberers, um ins Büro des Regierungschefs einzuziehen. Allzu viele Tricks stehen ihm dazu allerdings nicht zur Verfügung. Im Gegensatz zu Netanjahu sind Gantz theatralische Gesten fremd. Er spricht, als wäre ihm das Reden eine Last.

Trotz seiner zurückhaltenden Art hat Gantz in der Armee eine schnelle Karriere hingelegt. 2011 wurde er Generalstabschef. Mit Themen wie Iran, Gaza oder Syrien ist er bestens vertraut. Sein damaliger Chef Netanjahu pries ihn bei der Verabschiedung als «herausragenden Offizier».

Sympathien für Friedensgespräche

Nachdem Gantz die Uniform abgelegt hatte, versuchte er sich zunächst als Geschäftsmann. Dann zog es ihn in die Politik. Er gründete eine eigene Partei und wenig später das Bündnis Blau-Weiss.

Welche Politik er verfolgen würde, wisse niemand, meint der «Haaretz»-Kolumnist Anshel Pfeffer. Als Offizier durfte er sich politisch nicht äussern, und während des Wahlkampfes blieb er vage. So viel steht aber fest: In Sicherheitsfragen denkt er ähnlich wie Netanjahu, zeigt aber mehr Sympathien für Friedensgespräche. Innenpolitisch würde er sich für Themen einsetzen, die für säkulare Bürger wichtig sind und die von Religiösen abgelehnt werden. Dazu gehören die Anerkennung der gleichgeschlechtlichen Ehe sowie die Dienstpflicht für ultra-orthodoxe Israeli.

Eine grosse Koalition mit Netanjanus Likud-Partei könnte die Partnerprobleme von Gantz lösen. Aber erst wenn feststeht, dass Netanjahu, dem Korruption vorgeworfen wird, tatsächlich angeklagt wird. Dann könnte es innerhalb des Likud zu einem Putsch gegen Netanjahu kommen. Und dann wäre für Gantz der Weg frei. Blau-Weiss und Likud würden zusammen über eine ausreichende Mehrheit verfügen.

Gantz könnte sich zwar auf andere Bündnispartner stützen – zum Beispiel auf ultraorthodoxe oder rechte Parteien. Doch fast jede Partei stellt Bedingungen, die Gantz nur schwer erfüllen kann, oder hat Forderungen, die andere potenzielle Partner ablehnen. Mitunter sind es auch persönliche Animositäten unter Parteichefs, die einer Kooperation im Weg stehen.

Es droht die dritte Wahl in einem Jahr

Die Aufgabe, sich in diesem Klima der politischen Gegensätze und privaten Feindschaften durchzusetzen, würde niemandem leichtfallen. Aber für Gantz ist die Herausforderung besonders schwierig. Der 60-Jährige hat in einer Umgebung Karriere gemacht, in der Hierarchien beachtet und Befehle befolgt werden. Kaum neun Monate in der Politik, hat er aber anderseits bereits zwei Wahlkämpfe geführt, ist mit dem erfahrenen und politisch mit allen Wassern gewaschenen Netanjahu praktisch gleichgezogen – und hat ihm das Heft der Regierungsbildung nun aus der Hand genommen.

Scheitert Gantz an seiner Aufgabe, werden die Bürger ein drittes Mal innerhalb eines Jahres wählen müssen.