Bemühungen um Frieden in Afghanistan gescheitert

KABUL. Nach wochenlangem Zaudern soll der Deckname es wohl richten: Afghanistans radikalislamische Talibanmilizen verkündeten am Dienstag ihre Frühjahrsoffensive und tauften sie «Azm», was Entschlossenheit heisst.

Willi Germund
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KABUL. Nach wochenlangem Zaudern soll der Deckname es wohl richten: Afghanistans radikalislamische Talibanmilizen verkündeten am Dienstag ihre Frühjahrsoffensive und tauften sie «Azm», was Entschlossenheit heisst. Das klingt nach einer Kopie von «Resolute Support» – resoluter Unterstützung, welche die Nato-Militärallianz Kabuls Regierung zusichert. Doch hinter der Offensive verbirgt sich ein schwerer Rückschlag für Friedensbemühungen. «Sie sind vorläufig alle am Ende», sagt in Kabul der Talibankenner Wahid Mozhda.

Pakistan zieht nicht mit

Der afghanische Staatspräsident Ashraf Ghani, der im Herbst des vergangenen Jahres sein Amt übernahm, hat viel Energie in Friedensbemühungen investiert und das Verhältnis zum Nachbarn Pakistan entspannt. Kabuls Hoffnungen wurden jedoch bald enttäuscht. «Die Pakistaner haben ihren Ton geändert, aber nicht ernsthaft versucht, die Taliban an den Verhandlungstisch zu drängen», hiess es bereits vor Wochen in Kabuler Regierungskreisen.

Jetzt droht am Hindukusch nicht nur eine Zunahme von Attacken und Attentaten. Auch das Verhältnis zu Pakistan wird laut Diplomaten wieder spürbar eisiger werden. Offiziell rechtfertigten die Talibanmilizen das Ende aller Gesprächskontakte mit der Ghani-Regierung mit der fortgesetzten Präsenz eines kleinen Kontingents ausländischer Truppen am Hindukusch. «Das wichtigste Ziel unserer Angriffe werden die ausländischen Besatzer und ihre Militärbasen sein», hiess es in der Ankündigung der Frühjahrsoffensive, die morgen beginnen soll.

Wachsende IS-Konkurrenz

Talibanvertreter in ihrem Auslandsbüro in Doha, der Hauptstadt des arabischen Emirats Qatar, machten dagegen noch im Januar deutlich, dass «rund 1000 ausländische Soldaten nach dem Jahr 2016» kein Hinderungsgrund für ein politisches Ende des Konflikts seien. «Kabul erweckte den Eindruck, die Taliban würden sich von Pakistan kommandieren lassen», sagt Mozhda, «das wollen sie nicht hinnehmen.»

Tatsächlich haben sich die islamistischen Milizen zerstritten und in zwei Fraktionen gespalten. Die Gefolgsleute von Talibanchef Mullah Omar treten für Gespräche ein. Seine Gegner um Kommandant Abdul Qayum Zakir halten Gespräche für sinnlos und wollen weiterkämpfen.

Mullah Omar scheint zudem immer mehr die Konkurrenz des sogenannten «Islamischen Staats» (IS) zu fürchten. Mehrere islamistische Splittergruppen in Afghanistan haben sich hinter der schwarzen Fahne der Terrorbewegung vereinigt. Zudem kamen aus dem benachbarten Pakistan zahlreiche zentralasiatische Kämpfer mit ihren Familien nach Afghanistan und agieren hier mit dem Namen der Terrorgruppe.

Militärisch kaum bereit

Die Talibanmilizen erwischen die afghanische Regierung mit der schon lang befürchteten Offensive auf dem falschen Fuss. Präsident Ashraf Ghani hat ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt noch immer keinen Verteidigungsminister ernennen können. Von den insgesamt 350 000 Soldaten und Polizisten sind lediglich etwa 33 000 Mitglieder von Spezialeinheiten in der Lage, schwere Angriffe zurückzuschlagen – aber nur, solange es nicht mehrere gleichzeitig gibt. Denn auch nach einem Jahrzehnt massiver Militärhilfe besitzen Kabuls Sicherheitskräfte nicht genügend Helikopter, um sie gleichzeitig an mehreren Stellen des Landes einsetzen zu können. Bei einem Besuch in Washington bat Präsident Ghani zudem dringend um die Wiederaufnahme der Luftüberwachung an den Grenzen, die im Rahmen des Nato-Rückzugs vom Hindukusch eingestellt worden ist.