BELGRAD: Der unbelehrbare Karadzic: Kriegsherr, Nationalist, Wunderheiler

Der einstige bosnische Serbenführer Radovan Karadzic gilt als Inbegriff der brutal gescheiterten grossserbischen Idee. Obwohl ihm viele Kriegsverbrechen angelastet wurden, ist er auch heute von seiner "gerechten Sache" überzeugt.

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Radovan Karadzic stand am 11. Juli 2013 vor dem Kriegsverbrechergericht in Den Haag. Heute wird das Urteil gefällt. (Bild: Michael Kooren/AP POOL REUTERS)

Radovan Karadzic stand am 11. Juli 2013 vor dem Kriegsverbrechergericht in Den Haag. Heute wird das Urteil gefällt. (Bild: Michael Kooren/AP POOL REUTERS)

BELGRAD. Karadzic ist auch vor dem UNO-Tribunal für Kriegsverbrechen seiner Überzeugung treu geblieben. Das Weltbild des 70-Jährigen ist intakt: Eine Verschwörung des Vatikans, der USA, Deutschlands und Österreichs hat das von ihm angestrebte Grossserbien verhindert.

Der Psychiater spielte danach eine "historische Rolle" im jahrhundertelangen Kampf seines Volkes gegen die Muslime, die er als zivilisatorisch rückständig betrachtet.

Mehr als 100'000 Tote und Millionen Vertriebene im Bürgerkrieg Bosnien-Herzegowinas (1992-1995) sind für ihn noch immer nur bedauernswerte Begleiterscheinungen bei der Durchsetzung des "heiligen Ziels", alle Serben im auseinandergebrochenen Jugoslawien in einem einzigen Staat zu vereinen.

Gott selbst habe seine Landsleute als "himmlisches Volk" und ihn als dessen Führer auserwählt. Als "Präsident" der bosnischen Serben und Oberbefehlshaber ihrer Armee spielte er von 1990 bis zu seinem erzwungen Abgang 1996 die Rolle seines Lebens.

"Extrem extrovertierter Mensch"

Der orthodoxe serbische Bischof Amfilohije beschreibt den Mann, der als grösster Kriegsverbrecher seit dem Zweiten Weltkrieg vor Gericht steht, als tiefgläubigen Christen. Er sei ein "Gigant" des serbischen Volkes.

Die heimischen Psychologen zeichnen ein weniger positives Bild seiner Persönlichkeit. Er sei bis heute ein Narziss geblieben, der nach "Wahrnehmung, Anerkennung und Applaus" süchtig ist. Für den "extrem extrovertierten Menschen" wäre es "psychologischer Selbstmord, wenn er kein Publikum hätte", lautet die Diagnose.

Neue Identität dank Geheimdienst

Diese "Selbstverliebtheit" und "Geltungssucht" habe ihn auch in aller Öffentlichkeit und doch unentdeckt in Belgrad leben lassen - als verkleideter Wunderheiler mit schlohweissem Haar, das er zu einem mächtigen Knoten gebunden hatte.

Regelmässig hielt er Vorträge, heilte durch Handauflegen und besuchte seine Stammkneipe "Narrenhaus", wo er unerkannt unter dem grossformatigen eigenen Porträt an der Wand platz nahm.

Sein 12-jähriges Untertauchen hätte aber nicht funktionieren können, wenn der serbische Geheimdienst ihm nicht eine neue Identität verpasst hätte - mit echten Personalpapieren, die in der Provinzstadt Ruma ausgestellt worden waren.

Die Hintergründe wurden niemals geklärt. Unklar ist auch, warum er gerade am 21. Juli 2008 verhaftet und an das UNO-Tribunal in Den Haag ausgeliefert wurde.

Den Westen an der Nase herumgeführt

Karadzic, sein ebenfalls vor dem UNO-Tribunal stehender Militärchef Ratko Mladic und der in einer Tribunalzelle an Herzinfarkt gestorbene serbische Präsident Slobodan Milosevic waren das Dreigestirn des radikalen Nationalismus des grössten Volkes im jugoslawischen Vielvölkerstaat.

Am Ende hatte sich der stets nach Dominanz strebende Karadzic selbst mit diesen beiden Mitstreitern hoffnungslos verzankt.

Weil er westliche Demokratien als verweichlicht verabscheute, spielte Karadzic viele Jahre mit ihren Spitzenpolitikern Katz und Maus, führte sie an der Nase herum.

Er liess internationale Hilfstransporte für die leidende Bevölkerung plündern oder besteuern, nahm UNO-Soldaten als "lebende Schutzschilde", akzeptierte viele Friedenspläne, um sie am nächsten Tag in Bausch und Bogen zu verwerfen. In seinen öffentlichen Auftritten genoss er seine Kontakte mit praktisch allen Spitzenpolitiker der wichtigsten Weltmächte.

Vom Mediziner zum Parteichef

Der in Montenegro in ärmlichen Verhältnissen geborene Karadzic kam als Jugendlicher ins multiethnische Sarajevo, wo er Medizin studierte und mit seiner Frau Liljana eine psychiatrische Praxis führte. Vorübergehend arbeitete er im Kosevo-Spital - später ein Zentrum für Folter- und Kriegsopfer. Beide haben einen Sohn und eine Tochter.

Die steile politische Karriere begann Karadzic als Vorsitzender der 1990 gegründeten Serbisch-Demokratischen Partei (SDS). Auf Druck des Auslandes verschwand er 1996 aus der Öffentlichkeit. Seine Firmen sollen während des Krieges durch Einfuhrmonopole für Zigaretten, Alkohol, Zement oder Öl riesige Verdienste abgeworfen haben. (sda)