Beide Augen zugedrückt

Die Chefin der US-Drogen-Strafverfolgungsbehörde ist zurückgetreten. Ihre Beamten feierten Sexparties, die von kolumbianischen Drogenkartellen finanziert wurden. Sie konnten mit Nachsicht rechnen.

Thomas Spang
Drucken
Teilen

WASHINGTON. Acht Jahre lang stand die 59jährige Michele Leonhart an der Spitze der US-Drogen-Strafverfolgungsbehörde (DEA), die sich auch für die Bekämpfung des weltweiten Drogenhandels zuständig sieht. In dieser Zeit machte sie sich einen Namen als strikte Gegnerin der Liberalisierung der Marihuana-Gesetze in den USA. Als die Bürger Colorados und Washington States in Referenden Marihuana legalisierten, riet sie der Bundesregierung, dagegen einzuschreiten.

Über dreissig Fälle

Wiederholt kritisierte die von Präsident Barack Obama ins Amt berufene Direktorin der «Drug Enforcement Agency» seine Bereitschaft, die Gliedstaaten gewähren zu lassen. In einem Interview mit dem Magazin «New Yorker» widersprach sie Obamas Einschätzung, dass Marihuana nicht gefährlicher sei als Alkohol. «Alle illegalen Drogen sind schlecht», sagte sie 2012 in einer Anhörung im Kongress, als Abgeordnete wissen wollten, ob Marihuana nicht weniger bedenklich sei als Crack, Kokain, Heroin und andere Drogen.

Umso erstaunlicher ist die Milde der Hardlinerin gegenüber den Verfehlungen ihrer eigenen Drogenfahnder. Auf Einsatz in Kolumbien vergnügten sich DEA-Agenten laut einem Untersuchungsbericht des US-Justizministeriums über Jahre auf Sexparties «mit Prostituierten, die lokale Drogenkartelle in den von der Regierung angemieteten Gebäuden bezahlten».

In drei Fällen erhielten hochrangige DEA-Offiziere mit Zugang zu sensiblen Informationen von den Drogenbossen «Geld, teure Geschenke und Waffen». Der Bericht des Justizministeriums hält mindestens 33 Vorfälle fest, bei denen Beamte der Drogenverfolgung «in unangemessener Verbindung mit kriminellen Elementen standen».

Laxe Reaktion der Chefin

Der zuständige Generalinspektor Michael E. Horowitz, der neben der DEA auch andere Behörden auf Fehlverhalten untersucht, beklagte sich über mangelnde Kooperation und Behinderung seiner Untersuchungen durch die Behörde. Während die betroffenen Agenten nicht gewusst haben wollten, wer ihnen die Prostituierten bezahlte, ist die Angelegenheit für Horowitz eindeutig. Aufgrund der vorliegenden Erkenntnisse mussten die DEA-Beamten wissen, dass dahinter die Drogenkartelle steckten.

Statt hart in den eigenen Reihen durchzugreifen, unternahm Leonhart wenig. Sie suspendierte sieben der zehn Agenten, die an Sexparties teilnahmen, zwischen zwei und zehn Tagen vom Dienst. In anderen Fällen ging die Behörde nicht einmal Hinweisen auf Fehlverhalten im Einsatzgebiet nach.

Keine Hilfe aus Weissem Haus

Leonhart geriet letzte Woche in einer Anhörung im Repräsentantenhaus wegen ihres laxen Eingreifens massiv unter Druck. Der Sprecher des Weissen Hauses, Josh Earnest, lehnte es später ab, der bedrängten DEA-Chefin zu Hilfe zu eilen. An einer Pressekonferenz im Weissen Haus erklärte Earnest, der Präsident habe «hohe Erwartungen» an alle, die seiner Regierung dienen. Leonhart verstand das offenkundig als Misstrauensvotum und reichte ihren Rücktritt ein.

Befürworter einer effektiveren Drogenpolitik zeigten sich erleichtert. «Ich möchte den Präsidenten ermutigen, diese wichtige Position mit jemandem zu besetzen, der versteht, wie überholt die Marihuana-Strategie ist», erklärte der demokratische Abgeordnete Earl Blumenauer aus Oregon. «Die amerikanische Öffentlichkeit ist schon viel weiter.»