Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Bei diesem Job gibt es Lohn fürs Nichtstun

In Schweden gibt es eine einzigartige, lebenslange Stelle mit Beamtenlohn, die gar keine Arbeit erfordert. Das ist kein Witz, sondern gut bezahlte Kunst. Hunderte bewerben sich.
Niels Anner, Kopenhagen
Einstempeln, faulenzen, ausstempeln: Ein solcher Job wird in Schweden vergeben. (Bild: Getty)

Einstempeln, faulenzen, ausstempeln: Ein solcher Job wird in Schweden vergeben. (Bild: Getty)

Ein klein wenig Disziplin ist erforderlich, wie bei jedem Job. Im Fall der Stelle auf einem Bahnhof in Göteborg sind die Anforderungen allerdings minim: Am Morgen muss bei einer Stechuhr ein- und bei Arbeitsschluss wieder ausgestempelt werden. Dazwischen herrscht die grosse Freiheit: Der Arbeitnehmer bestimmt selber, was er oder sie tut – das Finden von Aufgaben ist Teil des Jobs, wie es im Stellenbeschrieb heisst. Pflichten, Zuständigkeiten oder Personalverantwortung gibt es ebenso wenig wie Vorgesetzte.

Tätigkeiten könnten also schreiben sein, musizieren, das Gespräch mit Leuten suchen, putzen – oder einfach nichts tun. Das wird mit umgerechnet 2240 Franken pro Monat entlöhnt, was dem Einstiegslohn eines Beamten entspricht; und wie für Staatsangestellte gibt es Lohnerhöhungen nach Dienstalter, bezahlte Ferien, Elternurlaub und Pension. Der Job ist lebenslang, er kann aber vom Arbeitnehmer gekündigt werden, sollte er die Lust verlieren. Dann – oder wenn die Pensionierung ansteht – wird die Stelle erneut vergeben. Als Qualifikationen sind gefragt, dass man aufgeweckt, offen und freundlich ist sowie Göteborg mag.

Kritik aus der Künstlerszene

Was paradiesisch tönt, ist ein revolutionäres Kunstwerk namens «Ewige Anstellung» (Evig anställning), mit dem die Künstler Simon Goldin und Jakob Senneby eine Ausschreibung der Stadt Göteborg sowie des schwedischen Kunstrates, einer Behörde der Kulturministeriums, gewonnen haben. Das Projekt ist Teil der künstlerischen Begleitung des gross angelegten Ausbaus des öffentlichen Verkehrs, der mit einer Gestaltung eines neuen Stadtteils im Westen Göteborgs einhergeht. Die Jury nannte es ein sehr originelles Konzept, das auf eindrückliche Weise das Verständnis von öffentlicher Kunst erweitere.

Vorgeschrieben ist der Arbeitsort, wobei auch dies nur ungefähr. Die Stechuhr wird im Bahnhof Korsvägen im neuen Stadtteil stehen, wenn dieser 2026 fertiggestellt ist. Der gesuchte Mitarbeiter erhält dort ­einen Umkleideraum, ansonsten kann er sich aber frei im und um den Bahnhof herum bewegen. Wenn das lebende Kunstwerk eingestempelt hat, zeigt eine Lampe an, dass gearbeitet wird. Den Künstlern geht es darum, Fragen zum Arbeitsleben aufzuwerfen, zum Sinn menschlicher Arbeit im Roboterzeitalter, zur Bedeutung von Lohn und zur Debatte über ein Grundeinkommen. Der Arbeitnehmer soll selber über seine Arbeit bestimmen können. «Es geht auch darum, zu zeigen, dass es im Job lustvolle Aktivitäten und weniger lustige gibt – und alles dazwischen», sagt Lotta Mossum, Chef-Kuratorin beim Kunstrat.

Gleichzeitig soll auf Einkommensunterschiede hingewiesen werden. Der Lohn für den Job soll nämlich aus einer Stiftung generiert werden, als Ertrag von Investitionen. Das Stiftungskapital von rund 750 000 Franken sollte so laut Berechnungen für 120 Jahre ausreichen. Die Künstler wollen damit aufzeigen, dass die meisten ihren Lohn erarbeiten müssen, während andere von ihrem Kapital leben können.

Auch wenn der Job erst 2026 angetreten werden kann, kommen die Bewerbungen bereits her­ein – zu Hunderten. Darunter sind viele Ausländer, die nach Göteborg ziehen möchten. Die Bewerber schreiben laut dem Kunstrat, warum sie sich als besonders qualifiziert ansehen und wie sie die Arbeit angehen wollen. Einige schlagen vor, für eine Non-Profit-Organisation zu arbeiten oder ein Buch zu schreiben. «Etwas für die Menschheit beitragen», erklärte ein Bewerber.

Das Projekt hat auch seine Kritiker. So wird bemängelt, es handle sich hier nicht um öffentliche Kunst, es fehle das Visuelle. Der Kunstkritiker Frans Peterson schrieb, es sei eine exzentrische Idee von jemandem aus der Elite, der andere ausnütze, um sie umzusetzen. Doch der Kunstrat streicht die Einzigartigkeit hervor: Diese Art von Kunst könne sich in unerwartete Richtungen entwickeln, rege eine Debatte an und finde im öffentlichen Raum statt.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.