BAYERN: Rückkehr des «Märchenonkels»

Sechs Jahre nach der Plagiatsaffäre um seine Doktorarbeit wagt sich der einstige Star der deutschen Politik, Karl-Theodor zu Guttenberg, zurück auf die Politbühne. Er soll die CSU im Wahlkampf unterstützen.

Christoph Reichmuth/Berlin
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Christoph Reichmuth/Berlin

Er war der Star der deutschen Politszene. Die Bevölkerung und der Boulevard liebten den glamourösen Minister mit den gegelten Haaren. Er war noch nicht einmal 40, als er für die CSU zum Wirtschaftsminister, kurze Zeit später zum Verteidigungsminister in Merkels Kabinett emporstieg. Zwei Jahre währte der kometenhafte Aufstieg, dann, im März 2011, ging die politische Karriere von Karl-Theodor zu Guttenberg abrupt zu Ende. Der Nachkomme einer Adelsfamilie stolperte über eine Plagiatsaffäre. Seine Doktorarbeit war mehrheitlich abgeschrieben. Seine Bemühungen, das Plagiat als Schlamperei und Lappalie darzustellen, scheiterte. «Graf Copy-Paste», ­titelte eine Zeitung, eine andere nannte ihn den «Märchenonkel Karl». Guttenberg zog mit Frau und den zwei Töchtern in die USA. In New York baute er sich ein neues Leben als Berater auf. In der hippen Finanz- und Digitalszene nannten sie ihn «KTG», was ziemlich cool klingt. Für eine abgeschriebene Dissertation interessierte sich niemand mehr. Guttenberg liess sich nur noch selten in Deutschland blicken.

Das dürfte sich in den Monaten bis zur Bundestagswahl im Herbst ändern. CSU-Chef Horst Seehofer hat sich für den Wahlkampf die Dienste des einstigen Publikumslieblings der deutschen Politik im Wahlkampf gesichert. Guttenberg, der in den USA über ausgezeichnete Kontakte verfügt, soll die Bayern-Partei dabei unterstützen, abermals eine satte Mehrheit der Wählerstimmen zu holen. «Ich bemühe mich darum, dass uns Guttenberg mit seiner internationalen Erfahrung im Wahlkampf unterstützt», sagte Seehofer. Guttenberg soll speziell für das komplizierter werdende deutsche Verhältnis zu den USA als Experte fungieren.

Guttenberg beteuert, er strebe kein politisches Amt an. Schon vor einiger Zeit sagte er der «Süddeutschen Zeitung», dass er für sich keine politische Zukunft mehr sehe. Unabhängig davon, ob er dies überhaupt wolle, «würden die berechtigten Gründe für meinen Rücktritt sowie mein lausiger Umgang damit eine Rückkehr nicht rechtfertigen».

Möglicherweise ist der Freiherr Zugpferd der CSU und Spielball von Parteichef Seehofer in einem. Die Partei soll von der hohen Strahlkraft Guttenbergs profitieren, zugleich bietet sich Seehofer mit Guttenberg die Chance, einen parteiinternen Widersacher aufs Abstellgleis zu befördern. Der CSU-Chef hat seine eigene Nachfolge als CSU-Chef und für 2018 als Ministerpräsident von Bayern schon öfters ins Spiel gebracht. Doch ausgerechnet Bayerns Finanzminister Markus Söder will Seehofer als Chef in der bayerischen Staatskanzlei beerben. Söder und Seehofer verbindet eine tiefe gegenseitige Abneigung. Dem CSU-Regenten sind die Machtansprüche seines 50-jährigen Finanzministers, dem er in der Flüchtlingskrise schon charakterliche Defizite unterstellt hatte, ein Dorn im Auge.

Seehofer versucht, Söder als Nachfolgekandidat aus dem Weg zu räumen. Söder soll nach der Wahl – sofern die Union abermals die Regierung stellt – nach Berlin wegbefördert werden. Doch Söder erteilte den Plänen des Parteichefs eine Absage: Er denke nicht daran, sein geliebtes Bayern zu verlassen. Seehofer schäumte vor Wut: «Wer, wenn es notwendig ist, sich einer Verantwortung zu stellen, diese Verantwortung nicht wahrnehmen will, der bekommt sie später auch nicht.»

«Das halte ich für Quatsch»

Der Politbeobachter Heinrich Oberreuter, als CSU-Mitglied Kenner der Bayernpartei, vermutet, dass Seehofer mit Guttenbergs Hilfe seinen Finanzminister zügeln will. Indem Guttenberg plötzlich wieder präsent sei, würde die Liste potenzieller Seehofer-Nachfolger länger. «Guttenberg mischt die Debatte um Seehofers Nachfolge neu auf.» Oberreuter geht davon aus, dass Seehofer gar nicht mehr an Rücktritt denkt. «Je mehr Wirrwarr parteiintern um seine Nachfolge entsteht, umso schlechtere Karten hält Söder in der Hand. Wenn Chaos herrscht, dann wird Seehofer einfach weitermachen.»

Dass Guttenberg entgegen seiner Beteuerungen ein Comeback in der Politik anstrebe, hält Oberreuter für unwahrscheinlich. «Auch wenn es in der CSU nun einige gibt, die in Guttenberg den künftigen Aus­senminister sehen. Das halte ich für Quatsch.» Ausschliessen allerdings lasse sich eine Rückkehr des einstigen Hoffnungsträgers an die Spitze der Politik indes nie. Sollte die CSU auch nach den Wahlen wieder an einer Regierung beteiligt sein und wird Guttenberg dann nach Berlin gerufen, kann er immer noch sagen: «Okay, wenn ihr das wirklich wollt, dann mache ich es halt wieder.»