Prekäre Situation

Bangladesch, das überforderte Land

Die Schäden der letzten Naturkatastrophe sind noch längst nicht behoben, da bricht bereits die nächste Krise auf das bitterarme Land herein: Täglich flüchten Tausende Rohingya aus dem benachbarten Myanmar über die Grenze.

Frederic Spohr, Bangkok
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Rohingya in Bangladesch: Die Lager sind überfüllt, es fehlt an Essen, Wasser und Medikamenten.Dar Yasin/AP/Keystone

Rohingya in Bangladesch: Die Lager sind überfüllt, es fehlt an Essen, Wasser und Medikamenten.Dar Yasin/AP/Keystone

AP

Eigentlich hat Bangladesch schon genug Probleme: Gerade erst hat das Land die schlimmsten Flutkatastrophen der vergangenen 40 Jahre hinter sich gebracht. Laut dem Internationalen Roten Kreuz waren rund ein Drittel des gesamten Landes unter Wasser, mehr als 700'000 Häuser wurden zerstört. Die Schäden der Naturkatastrophe sind noch längst nicht behoben, da bricht bereits die nächste Krise auf das bitterarme Land herein: Täglich flüchten Tausende Rohingya aus dem benachbarten Myanmar über die Grenze.

Schon in den vergangenen Jahren retteten sich Hunderttausende Rohingya ins Nachbarland. Doch nie zuvor kamen so viele zur gleichen Zeit. Allmählich dürfte es nicht mehr viele Angehörige der muslimischen Minderheit im buddhistischen Myanmar geben. Fast ein ganzes Volk sucht eine neue Heimat – und viele hoffen auf Bangladesch. Die Regierung hat jedoch kein Interesse daran, die Flüchtlinge langfristig aufzunehmen. Regierungschefin Sheikh Hasina stellte klar, dass die Rohingya nur kurzfristig willkommen seien. Stattdessen solle Myanmar eine Schutzzone für die muslimische Minderheit errichten und so eine Rückkehr der Flüchtlinge ermöglichen. «Wir haben gesagt: Sie sind eure Bürger, ihr müsst sie zurücknehmen, für ihre Sicherheit und für ihre Unterbringung sorgen», sagte Hasina bei einem Treffen der 57 Mitgliedsstaaten der Organisation für Islamische Zusammenarbeit (OIC) am Rande der UNO-Vollversammlung in New York. Die Regierung von Myanmar reagiere jedoch nicht auf ihre Aufforderung. «Stattdessen legt Myanmar Landminen entlang der Grenze, um die Rückkehr der Rohingya zu verhindern», so Hasina.

Armee baut Notunterkünfte

Weil die Lager in der Grenzregion längst überfüllt sind, lassen sich die Rohingya überall dort nieder, wo sie Platz finden. Die Behörden teilten nun mit, dass neue Lager gebaut werden sollen: Insgesamt rund 14'000 Unterkünfte für jeweils sechs Personen. Soldaten sollen bei der Errichtung der Notunterkünfte helfen. Die Regierung hat gestern einen entsprechenden Hilfseinsatz der Armee angeordnet. Gleichzeitig soll die Bewegungsfreiheit der Rohingya stark eingeschränkt werden.

Bangladesch: Bitterarm und dicht bevölkert Bangladesch gehört zu den ärmsten und am dichtesten besiedelten Ländern der Welt. Das mausarme Land beherbergt fast eine halbe Million Rohingya-Flüchtlinge aus dem benachbarten Myanmar.

Bangladesch: Bitterarm und dicht bevölkert Bangladesch gehört zu den ärmsten und am dichtesten besiedelten Ländern der Welt. Das mausarme Land beherbergt fast eine halbe Million Rohingya-Flüchtlinge aus dem benachbarten Myanmar.

Zwar läuft die internationale Hilfe an, doch in Bangladesch wächst die Sorge, dass man die grösste Last wohl selbst werde tragen müssen. Dabei gehört Bangladesch mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 1300 Dollar zu den ärmsten Ländern der Welt. Ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Die Lebensbedingungen sind so schlecht, dass zahlreiche Einheimische selbst fliehen. Trotz der gewaltigen Distanz zu Europa stellen laut der EU-Grenzschutzorganisation Frontex Bangladescher die zweitgrösste Gruppe, die über das Mittelmeer als Flüchtlinge nach Italien kommen. Neben Geld fehlt es Bangladesch auch an Platz. Kaum ein anderes Land ist dichter besiedelt: Auf einem Quadratkilometer wohnen laut der Weltbank im Durchschnitt rund 1200 Menschen. Die meisten von ihnen sind Bauern, die Ackerflächen benötigen.

Das Ausland ist wenig hilfsbereit

Einige Kabinettsmitglieder haben sich dafür ausgesprochen, die Flüchtlinge auf der unbewohnten, rund 30'000 Hektar grossen Insel Thengar Char im Golf von Bengalen anzusiedeln. Das erst 2006 aufgetauchte Eiland gilt als unwirtlich und wird regelmässig überflutet. Phil Robertson, Vize-Asien-Chef von Human Rights Watch, rechnet für den Fall einer tatsächlichen Umsiedlung auf die Insel mit einer «humanitären Katastrophe». Doch während das Ausland Bangladesch zu mehr Barmherzigkeit auffordert, zeigt es sich selbst kaum hilfsbereit. Von den Hunderttausenden Rohingya aus Bangladesch wurden in den vergangenen Jahren bisher erst wenige tausend in anderen Ländern aufgenommen. Erst vergangenen Monat kündigte Indiens Regierung an, rund 40'000 geflohene Rohingya abschieben zu wollen.