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Die Terrorattacke in Christchurch zeigt auch den Rassismus in Australien auf

Dass der mutmassliche Massenmörder von Christchurch ein Australier ist, erstaunt in seinem Heimatland kaum. Politik und Medien hätten in den letzten Jahren «Hass und Rassismus normalisiert», sagen Kritiker.
Urs Wälterlin, Canberra

Die Opfer von Christchurch lagen noch, wo sie gefallen waren, als in 2500 Kilometern Entfernung der australische Senator Fraser Anning in die Tasten griff. «Die wirkliche Ursache des Blutbads in den Strassen von Neuseeland ist das Immigrationsprogramm, das es muslimischen Fanatikern erlaubt, überhaupt einzuwandern», schrieb er in einer Medienmitteilung, komplett mit Wappen des australischen Senats. Und: «Sagen wir es klar: Muslime mögen heute die Opfer gewesen sein, sonst sind sie die Täter.»

Die Ausführungen wurden in den sozialen Medien zwar postwendend verurteilt. Premierminister Scott Morrison tat ebenso seine Abscheu kund wie sein Vorgänger Malcolm Turnbull. Anning sei eine «Schande für den Senat und – was noch schlimmer ist – mit dem Verbreiten von Hass tut er genau, was die Terroristen wollen», meinte dieser. Auch die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern reagierte entrüstet. Sogar in der Türkei gab es Proteste gegen den Mann, der, so Demonstranten, das «Gedankengut von Hitler» verbreite.

Weitverbreitete Toleranz rechtsextremer Ideologien

Doch Fraser Anning ist nicht allein mit seiner Meinung, wie viele Worte direkter und indirekter Unterstützung seiner Aussagen in den sozialen Medien zeigen. Anning steht auf der extremen rechten Seite eines weiten Spektrums, in dem in Australien Rassenhass, Islamophobie, Widerstand gegen Einwanderung und die vermeintliche Überlegenheit der weissen, europäischen Zivilisation verbreitet, zelebriert oder toleriert werden. Für verschiedene Beobachter ist die Attacke des mutmasslichen Täters, des 28-jährigen Australiers Brenton Tarrant, die logische Konsequenz einer weitverbreiteten Toleranz rechtsextremer Ideologien und Propaganda in Politik und Medien. «Er fühlte sich legitimiert», so ein Kommentar auf der Webseite einer Zeitung.

«Wir haben euch angefleht, die Verbreitung und Normalisierung von Hass und Rassismus zu stoppen», reagierte Osman Faruqui im Kurznachrichtendienst Twitter auf das Massaker. «Je grösser die Plattform, die ihr den Ultrarechten gegeben habt, desto mächtiger wurden sie», meint der australische Journalist, dessen Familie aus Pakistan stammt. Der ehemalige unabhängige Abgeordnete Tony Windsor, ein Australier europäischer Abstammung, ist konkreter: «Ihre Hundepfeifenpolitik von Rasse, Religion und Spaltung hat Früchte getragen, Scott Morrison.»

Hundepfeifenpolitik – auf Englisch «Dog Whistling» – hat sich in den letzten Jahren zu einem wirksamen Instrument der australischen Politik entwickelt. Politiker streuen Informationen, Kommentare, Meinungen, die zwar nicht direkt und offen rassistisch sind, die aber von jenen, die sie hören wollen, als solche interpretiert werden können. Etwa die Aussage des früheren konservativen Premierministers John Howard, wonach Einwanderung aus Asien ein Problem sei und deshalb «reduziert» werden müsse. Oder die Beschreibung von Asylsuchenden als «illegale Immigranten», obwohl jeder Mensch das Recht hat, in einem Drittland um Asyl zu bitten. Oder der namentlich nicht genannte Parlamentarier, der den Posten des Ministers für Aborigine-Ureinwohner mit dem Job eines «Toilettenreinigers auf der Titanic» verglich. Oder Einwanderungsminister Peter Dutton, der vor «Horden schwarzer Jugendlicher» in Melbourne warnt und stattdessen «verfolgte weisse Farmer aus Südafrika» ins Land holen will.

Tief verwurzelte Furcht vor dem Fremden

Die Aufarbeitung der Tragödie von Christchurch verlange in Australien eine «ehrliche Aufarbeitung der Geschichte unserer Nation und eine offene Debatte über die Menschen, die uns an diesen Punkt geführt haben», forderte am Wochenende der Chefredakteur der Internetzeitung New Matilda, Chris Graham. Das ist eine grosse Herausforderung. Australien gilt zwar als eines der erfolgreichsten multikulturellen Länder der Welt. Seine Geschichte steht aber auf einem Fundament von Rassismus und einer tief verwurzelten Furcht vor dem «Andern». Von der gewaltsamen Besiedelung des Kontinents ab 1788 durch britische Strafgefangene und Kolonialisten, dem missglückten Versuch des Völkermordes an den Ureinwohnern, der Gewalt gegen chinesische Einwanderer Mitte des 19. Jahrhunderts bis zur Politik eines «Weissen Australien», die erst 1973 abgeschafft worden war, bis hin zur inhumanen Asylpolitik, unter der sogar Kinder von Bootsflüchtlingen jahrelang in Internierungslagern eingesperrt werden: Polemik und immer wieder auch Hetze gegen Menschen nichteuropäischer Abstammung gehören bis heute zum Alltag.

Nach einer Phase relativer Toleranz und Akzeptanz ethnischer Unterschiede in den Achtziger- und Neunzigerjahren unter den beiden sozialdemokratischen Premierministern Bob Hawke und Paul Keating, öffnete 1996 der konservative John Howard «den Deckel der Dose mit den Würmern des Rassismus», wie ein Kommentator es ausdrückte. Er wollte dem «Übel» der «politischen Korrektheit» ein Ende setzen, sagte Howard. Australier sollten wieder «entspannt und komfortabel» sein können. Dazu gehöre auch, sagen zu dürfen, was man denkt. Auch über «andere». Bald hatte Howard Konkurrenz: die Abgeordnete Pauline Hanson, wegen rassistischer Sprüche aus seiner konservativen Partei geworfen, wurde mit ihrer absurden Behauptung, wonach Australien «von Asiaten überflutet» werde, über Nacht zur Heldin von Rechtsextremen. Inzwischen seien Muslime die Hauptgefahr für das Land Australien, so Hanson und ihre Partei One Nation.

Michael Fuller, Kommandant der Polizei in New South Wales – dem Heimatstaat des mutmasslichen Mörders – versicherte am Samstag, man habe die rechtsextreme Gefahr im Griff. Er widerspiegelt die Meinung von Experten, wonach die Bedrohung von rechts vorwiegend von «einsamen Wölfen» ausgehe, die sich in einschlägigen Internetforen wie «8Chan» radikalisieren und ohne Unterstützung von Gruppen aktiv werden. Rechtsextreme Gruppierungen seien in Australien randständig. Die wohl bekannteste ist die Vereinigte Patriotische Front unter der Führung des Bodybuilders Blair Cottrell.

Murdochs Medien spielen eine zentrale Rolle

Der Bauarbeiter wäre wohl eine skurrile Figur im braunen Sumpf geblieben, hätte er nicht am Fernsehsender Sky TV seine Begeisterung für Adolf Hitler und seinen Hass auf Einwanderer publik machen können. Das Interview mit dem Hobbyfaschisten ist nur ein Beispiel für die Rolle, welche die Medien – allen voran jene aus Rupert Murdochs globalem Konzern News Corporation – in der Legitimierung von rechtem Gedankengut einnehmen. Der konservative Murdoch kontrolliert rund 70 Prozent der Druckmedien in Australien. Sky News ist die australische Version des amerikanischen Ultrarechtsfernsehsenders Fox News.

«Eine Flutwelle von Einwanderern spült weg, was noch von unserer Identität übrig geblieben ist.» Das ist nur eine von vielen Aussagen von Andrew Bolt. Murdochs Lieblingskolumnist und -kommentator wird landesweit vertrieben, in seinem Stall von Boulevardzeitungen, am Radio und auf Sky News. Eine nicht-wissenschaftliche, aber repräsentative Untersuchung 2017 kam zum Schluss, dass im Verlauf eines Jahres fünf von Murdochs Zeitungstiteln den Islam und Muslime in 2891 Artikeln negativ darstellten.

Es ist wenig wahrscheinlich, dass die 50 Toten von Christchurch zu einem fundamentalen Umdenken in den australischen Medien und der Politik führen werden. Das Schüren von rassistischem Gedankengut, von Angst vor Fremden, Polemisierung – es ist ein lohnendes Geschäft für Zeitungen. Und Scott Morrison, damals Abgeordneter, heute Premier, hatte schon 2010 in einer Sitzung seiner konservativen Partei «anti-islamische» Rhetorik als Mittel identifiziert, um Wählerstimmen zu gewinnen.

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