AUSSÖHNUNG: «Im Frieden ist mehr zu gewinnen als im Krieg»

US-Präsident Obama und der japanische Regierungschef Abe gedenken auf Hawaii gemeinsam der Toten von Pearl Harbor. Es kam auch zu einer emotionalen Begegnung mit Überlebenden des japanischen Angriffs.

Angela Köhler/Tokio
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Japans Ministerpräsident Abe und US-Präsident Obama treffen in Pearl Harbor amerikanische Veteranen, die den japanischen Angriff überlebt haben. (Bild: Carolyn Kaster/AP (Honolulu, 27. Dezember 2016))

Japans Ministerpräsident Abe und US-Präsident Obama treffen in Pearl Harbor amerikanische Veteranen, die den japanischen Angriff überlebt haben. (Bild: Carolyn Kaster/AP (Honolulu, 27. Dezember 2016))

Es war ein emotionaler Moment, auf den so viele Amerikaner und Japaner seit langem gewartet haben. US-Präsident Barack Obama und Japans Regierungschef Shinzo Abe gedachten am Dienstag (Ortszeit) in Pearl Harbor auf Hawaii der 2403 Toten des japanischen Luftangriffs auf die US-Pazifikflotte am 7. Dezember 1941. 75 Jahre nach diesem «Tag der Schande», wie ihn US-Präsident Franklin D. Roosevelt damals nannte, demonstrierten die beiden Regierungschefs Trauer, Versöhnung und Eintracht. Weisse und violette Lilien schmückten die Kränze, die Abe und Obama im Mahnmal «USS Arizona Memorial» niederlegten. Anschliessend streuten sie von dieser historischen Stätte aus Orchideenblüten ins Meer.

Der japanische Premier, der als erster Tokioter Regierungschef in offizieller Mission diesen Schauplatz des Schreckens besuchte, erklärte sein «aufrichtiges und immerwährendes Beileid». Er rief die jungen Soldaten von damals in Erinnerung, deren Träumen und Plänen ein jähes Ende gesetzt wurde. Ein sichtlich bewegter Abe stockte: «Wenn ich über diese ernste Realität nachdenke, verschlägt es mir beinahe die Sprache.» Abe dankte den USA dafür, dass sie Japan nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges mit Versöhnungsbereitschaft begegnet seien. «Der gute Wille und der Beistand, den ihr uns Japanern entgegengebracht habt – diesem Feind, den ihr so verbissen bekämpft habt –, zusammen mit dem enormen Geist der Toleranz sind tief in die Herzen und Köpfe unserer Väter und Mütter eingegraben worden.» Auch die Kinder und Enkel würden dies nie vergessen. Abe fügte hinzu: «Wir dürfen die Schrecken des Krieges niemals wiederholen.»

«Versöhnung bringt mehr als Vergeltung»

Obama entgegnete, vom gemeinsamen Besuch in Pearl Harbor solle ein Signal des Friedens ausgehen. «Ich hoffe, dass wir gemeinsam die Botschaft an die Welt senden, dass es im Frieden mehr zu gewinnen gibt als im Krieg. Und dass Versöhnung mehr bringt als Vergeltung.» Die Annäherung beider Feinde nach dem Krieg sei eine Mahnung, was alles möglich sei zwischen Nationen und Völkern. Und dann richtete Obama einen Appell an die Welt, der für viele Anwesende eher so klang, als wende er sich mehr an sein eigenes, tief gespaltenes Land: Selbst dann, wenn der Hass am tiefsten brenne, müsse man dem Drang widerstehen, «die zu dämonisieren, die anders sind».

Obama schlug an dieser Stelle eine Brücke zu seiner ebenfalls historischen Visite im Mai dieses Jahres im Friedenspark von Hiroshima. Seine Verneigung vor den Opfern der ersten Atombombe –so wird in der japanischen Delegation immer wieder betont – hat die Versöhnungsgeste von Abe in Hawaii erst möglich gemacht.

Nach ihren Reden begrüssten Abe und Obama drei Überlebende der Attacke auf Pearl Harbor. Dabei wirkte Japans Regierungschef emotional so angespannt, wie man ihn nur selten sieht. Abe rang um Fassung, während er sich tief zu ihnen herunterbeugte, um schliesslich einen der Ex-Soldaten zu umarmen.

«Krieg ist eben Krieg», sagt ein Veteran

Abe erhielt ein unerwartetes Pardon. Schon vor dem Besuch hatte er erklärt, er wolle sich nicht explizit bei den Opfern entschuldigen – worauf die Veteranen auch nicht bestanden. «Da gibt es nichts zu entschuldigen, die USA und Japan sind heute Freunde», sagte Everett Hyland, der damals an Bord der «USS Pennsylvania» schwer verletzt worden war. «Krieg ist eben Krieg.»

Die Reaktionen auf Abes Besuch in Hawaii sind in Japan gemischt. In den Medien wird er als «Akt der symbolischen Gegenseitigkeit» gesehen, wie die Zeitung «Asahi Shimbun» schrieb. «Obama hat sich in Hiroshima auch nicht entschuldigt.»

Angela Köhler/Tokio