Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Ausreichen wird das nicht»

Am Montag beginnt die 21. UNO-Klimakonferenz in Le Bourget bei Paris. Der Klimatologe Reto Knutti rechnet mit einem Abkommen, mit einem zahnlosen allerdings.
Bruno Knellwolf
Bis zur Dekarbonisierung ist es noch ein weiter Weg: Die Vattenfall-Kohlekraftwerke in Deutschland. (Bild: epa/Patrick Pleul)

Bis zur Dekarbonisierung ist es noch ein weiter Weg: Die Vattenfall-Kohlekraftwerke in Deutschland. (Bild: epa/Patrick Pleul)

Herr Knutti, eine Studie nach der anderen wird in diesen Tagen und Wochen publiziert. Wenn nun am Montag die grosse Weltklimakonferenz beginnt: Wie viel hat die Wissenschaft da noch zu sagen?

Reto Knutti: Die Wissenschaft spielt nur noch eine kleine Rolle. Die Schweiz zum Beispiel nimmt in der offiziellen Delegation neben Politikern nur Vertreter von NGOs und der Wirtschaft mit. Die Wissenschafter sind nur noch als externe Experten dabei.

Sind die Fakten in Sachen Klimawandel so klar, dass es in Paris keine Wissenschafter mehr braucht?

Knutti: Ja, die Fakten zum Klima sind klar. Aber es gibt viele Fragen zu beantworten, wie wir mit diesen Fakten umgehen. Zum Beispiel was ein sinnvolles Klimaziel ist. Es gibt schon auch noch andere Stimmen. Zum Beispiel vom dänischen Ökonomen Björn Lomborg. Früher hat er gesagt, den Klimawandel gibt es nicht. Jetzt sagt er: Es gibt ihn, aber es gibt dringendere Probleme. Das ist keine Mehrheitsmeinung. Wir von der ETH Zürich werden am 7. Dezember zum 2-Grad-Ziel eine Studie veröffentlichen. Im «Science» werden die freiwilligen Zusagen der Länder unter die Lupe genommen. Dabei zeigt sich, dass wir im Moment ohne weitere Klimaschutz-Anstrengungen bei einer Erwärmung von 4 Grad bis Ende des Jahrhunderts ankommen. Mit den Zusagen, die auf dem Tisch der UN-Konferenz sind, bei etwa 2,7 Grad. Das heisst, wir sind noch weit weg vom global angestrebten 2-Grad-Ziel.

Viele frühere Klimaverhandlungen sind gescheitert. Was wird denn anders in Paris?

Knutti: Man hat erkannt, dass es unrealistisch ist, an einer solch grossen Konferenz die nationalen Ziele einzeln zu verhandeln. Die Länder sind nicht bereit, sich von anderen Staaten diktieren zu lassen, wie viel CO2 sie reduzieren müssen. Das hat man bei der Konferenz in Kopenhagen 2009 probiert, und das ist gescheitert. Die Klimafrage ist zwar immer noch auch ein Lasten-Verteilungsproblem, aber als das ist es kaum zu lösen. Deshalb versucht man nun auf freiwilliger Basis, zu einem Abkommen zu gelangen. Jedes Land sagt in Paris, was es zum Klimaschutz beitragen will.

Freiwillig tönt aber nach wenig.

Knutti: Es wird kein Versuch gemacht, andere zu überzeugen. Wichtiger ist, dass bei diesem Abkommen alle dabei sind. Es darf keine Trittbrettfahrer geben, wenn man die globalen Treibhausgas-Emissionen langfristig auf Null bringen will.

Deshalb wird das zu erwartende Abkommen wohl umso zahnloser sein.

Knutti: Es wird zahnlos in dem Sinn sein, dass es zu schwache Verpflichtungen bieten wird. Die freiwilligen Beiträge der Staaten werden bei weitem nicht ausreichen, um von diesen vorhin genannten 4 Grad auf 2 Grad zu kommen. Man nimmt das in Kauf, in der Hoffnung, dass man nach Paris einen Rahmenvertrag hat, der alle versammelt.

Das reicht?

Knutti: Nein, aber es geht jetzt vor allem darum, dass alle dabei sind, und dass alle gleich rechnen. Zum Beispiel, wenn es um die Aufforstung oder die Anrechnung von CO2-Zertifikaten aus früheren Verpflichtungsperioden geht. Es sollte Spielregeln geben, die für alle gelten. Aus diesen soll ein Mechanismus entstehen, mit dem die Vorgaben in den nächsten Jahren verschärft werden können. So dass Länder aus freiwilligen Ambitionen oder wirtschaftlich-politischem Druck sich dafür entscheiden, mehr für das Klima zu tun. Macht der, mach ich auch – ein Domino-Effekt. Deshalb wäre ein Abkommen ein politisch wichtiger Schritt.

Ist das besser als die Fehlschläge vergangener Konferenzen.

Knutti: Man hofft, dass die Freiwilligkeit hilft. Denn eine der grössten Schwierigkeiten ist, dass an einer Klimakonferenz der UNO alle Beschlüsse einstimmig sein müssen. Alle der fast 200 Staaten müssen einverstanden sein.

Bedeutet das auch, dass es diesmal weniger ums Geld geht als auch schon?

Knutti: Es wird auch um Geld und Ausgleichszahlungen gehen. Aber das ist ein leichteres Thema. Geldbeträge zu sprechen, ist für eine Regierung einfacher als beispielsweise das Mobilitätsverhalten in einem Land zu verändern. Entwicklungsländer werden aber schon ihre Forderungen nach Geld und Technologietransfer stellen und ihre Klima-Massnahmen an Bedingungen knüpfen.

Ist denn der menschliche Einfluss aufs Klima an dieser Konferenz unbestritten?

Knutti: Der Klimawandel war schon an den letzten Versammlungen nicht mehr umstritten. Im Klimabericht des Weltklimarats IPCC steht: Die Erwärmung des Klimasystems ist eindeutig, der menschliche Einfluss klar. In den Kreisen der Klimapolitik ist das akzeptiert. In gewissen Teilen der Bevölkerung werden solche Aussagen immer noch kritisch betrachtet. Man hört auch oft, die Verhandlungen hätten zu nichts geführt in Bezug auf den Klimaschutz. Aber die Tatsache, dass alle Länder an einem Tisch sitzen und sich einig sind, dass das Problem menschengemacht ist und dass man es gemeinsam lösen muss, ist ein wichtiger Schritt der Politik.

Somit ist der Klimawandel selbst kein Thema mehr?

Knutti: Die wahre Debatte läuft nicht mehr über den Klimawandel an sich, sondern darüber, wie man die dadurch entstehenden Probleme löst. Wie klären wir die Lastenverteilung? Welche Rahmenbedingungen müssen wir schaffen, welche Technologien fördern, um den Übergang in eine Zukunft ohne fossile Energieträger zu schaffen? Und zwar so, dass es für ein einzelnes Land attraktiv ist, Klimaschutz zu machen, egal was die Nachbarn tun.

Was müsste denn passieren, dass es einer Regierung eines Staats völlig klar ist, dass sie etwas tun muss?

Knutti: Dafür gibt es Beispiele aus Übergangsphasen in anderen Bereichen. Zum Beispiel beim Licht: LED-Lampen waren lange nicht so beliebt, keine schöne Farben, zu kalt, zu teuer. Plötzlich hat sich das geändert, jetzt sind sie so effizient, langlebig, farbig und günstig, dass es leicht war, die alten Glühbirnen zu verbieten. So könnte auch der Klimawandel angepackt werden.

Gibt es da schon Ansätze?

Knutti: Viele Firmen forschen emsig in dieser Richtung. Wenn der Umbruch losgeht, wollen solche Unternehmen ganz vorne sein und die richtige Technologie für die Wende bieten.

Wir reden über die Entkarbonisierung, den Verzicht auf fossile Treibstoffe. Wann wäre eine solche Wende möglich?

Knutti: Die Treibhausgase CO2 und Methan sind überall. Im Verkehr, in den Gebäuden, der Industrie und in der Landwirtschaft. Das ist anders als beim Ozonloch, wo man zur dessen Schliessung einfach die Fluorchlorkohlenwasserstoffe FCKW verbieten konnte. Hier braucht es eine Serie von verschiedenen Revolutionen in allen Sektoren. Bei den Gebäuden ist der Schalter schon beinahe gekippt, auch wenn viele alte Häuser noch nicht energieeffizient und die Investitionszyklen zu langsam sind. Aber bei Neubauten ist der Punkt fast erreicht mit Wärmepumpen, Dämmung usw. Da ist die Entkarbonisierung eingeläutet.In anderen Sektoren ist man noch nicht so weit, zum Beispiel in der Mobilität. Der Flugverkehr wird zum Beispiel immer beliebter. Auch beim Methan aus der Landwirtschaft, aus der Fleischproduktion, ist man noch ziemlich ratlos.

Wenn es ein Abkommen gibt. Wie sicher ist es, dass die Länder ihre freiwilligen Zusagen überhaupt einhalten?

Knutti: Zum ersten sind die Zusagen für das 2-Grad-Ziel jetzt noch ungenügend. Zum zweiten stellt sich tatsächlich die Frage, ob diese Zusagen überhaupt erfüllt werden. Im Moment gibt es keinen Vorschlag, wie man das erzwingen könnte. Beim Kyoto-Protokoll ist Kanada ausgestiegen. Und zum dritten ist unklar, was nach 2030 passiert. Die Zusagen gehen nämlich nur bis dorthin. Das ist eine kurze Zeitspanne. Die ersten 20 Prozent des Klimaschutzes sind noch einfach zu erreichen. Wenn wir aber über Null-Emission reden, braucht es fundamentale Transformationsprozesse.

In Paris werden also kaum alle Fragen gelöst.

Knutti: Vieles ist noch unklar. Es gibt zwar einen langen Verhandlungstext. Dieser enthält aber bei allen entscheidenden Fragen noch mehrere mögliche Formulierungen. Das ist recht vage, weil darin einfach alle Vorschläge aller Länder zusammengefasst sind. Ein wichtiger Gegenstand der Verhandlung wird auch sein, einen Prozess zu finden, mit dem Länder ihre freiwilligen Zusagen revidieren können. Der Fahrplan und die Kontrolle werden Themen sein.

Wie schätzt man unter Experten die Chancen ein, dass ein Abkommen gelingt?

Knutti: Viele gehen davon aus, dass die Chancen gut stehen, weil die Zusagen für Klimaschutzmassnahmen wie gesagt freiwillig sind. Das wäre ein diplomatischer Erfolg, aus Sicht des Klimas aber noch ungenügend, weil es so zu wenig schnell nach vorne geht.

Reto Knutti Professor für Klimapolitik an der ETH Zürich, IPCC-Mitglied (Bild: pd)

Reto Knutti Professor für Klimapolitik an der ETH Zürich, IPCC-Mitglied (Bild: pd)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.